Stefan Raabs TV-Abschied: Eine Hassliebe neigt sich dem Ende

Kaum ein anderer deutscher Entertainer polarisiert so sehr wie Stefan Raab. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. In der Gala.de-Redaktion sieht es nicht anders aus ...

Das Jahr neigt sich dem Ende. Und so auch TV-Karriere. Sein Abschied aus der Flimmerkiste sehen wir mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. Während Redakteurin Tabea ins Taschentuch schnieft, kann Volontär Steffen es kaum erwarten, damit zum Abschied zu winken.
Zwei Kommentare:

Zwischen Liebe ...

"Ich meine 'Why not?! Es könnte ja amazing werden'", gehört seit vielen Jahren zu meinem viel verwendeten Floskel-Repertoire. Ich sage es ständig. Am Tag mindestens zwei Mal. Bestimmt sogar noch häufiger. Es ist meine Standard-Antwort auf so gut wie jede Frage, auf die ich eigentlich gar keine Antwort weiß. Oder mich nicht entscheiden kann. Oder einfach keine Lust habe, über einen vernünftigen Satz nachzudenken. Sie passt einfach immer.

"Wollen wir uns morgen auf einen Kaffee treffen?". "Why not?! Es könnte ja amazing werden."

"Hast du Lust, diese furchtbar schrille pinke Haarfarbe auszuprobieren?". "Why not?! Es könnte ja amazing werden."

"Wie wäre es, wenn wir später literweise Starbucks-Coffee trinken?". "Why not?! Es könnte ja amazing werden."

Ja, diese Phrase passt einfach immer. Und das schon seit Jahren. Seit Stefan Raab sie in mein damaliges Teenie-Leben brachte. Nur eine Wohltat, für die ich Raab und seinen witzigen TV-total-Mini-Clips (damals nannte man sie noch "Nippel") zu danken habe.

Ohne ihn wäre auch "Mitten im Leben"-Sebastian als lebendes Spaghetti-Buffett an mir vorbeigegangen. Ich wüsste heute gar nicht, wie ich meinen Gästen ein Pastagericht so derart schmackhaft zu servieren hätte. Danke, Stefan. Danke, Sebastian.

Doch nicht nur seine lustigen Einspieler werde ich vermissen. Zu "TV total" gehörten ja schließlich auch immer jede Menge cooler Gäste. Egal, wer da auf der fahrenden Couch Platz nahm, und egal, wie langweilig diejenigen sonst immer auf mich gewirkt hatten, Mastermind Raab schaffte es immer wieder, sie total interessant, humorvoll und lässig wirken zu lassen. Cool eben. Und irgendwie genau mein Ding.

Stefan Raab

Die Höhepunkte seiner Karriere

1993 startet Stefan Raab seine Fernsehkarriere mit der Moderation der Sendung "Vivasion" auf Viva, macht damals aber auch schon Musik. "Böörti Böörti Vogts" ist 1994 sein erster Charterfolg. 1997 bekommt er den "Echo" als bester Produzent für Bürger Lars Dietrichs Album "Schlimmer Finger".
1999 wechselt Stefan Raab zu ProSieben, wo er mit "TV Total" auf Sendung geht. Nur ein Jahr später tritt er mit dem Blödelsong "Wadde Hadde Dudde Da" beim "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" in Stockholm an. Es ist nicht sein erster "Grand Prix"-Ausflug. 1998 hat er bereits das Lied "Guildo hat euch lieb" für Guildo Horn geschrieben.
Seit 2003 füllt Stefan Raab außerdem das Samstagabendprogramm von ProSieben mit von ihm erdachten, erfolgreichen TV-Formaten wie "Wok-WM", "Schlag den Raab", "Das "TV total Turmspringen", "Stockcar Crash Challenge" oder der Autoball-Europameisterschaft.
Beim "TV Total Turmspringen" gibt Stefan Raab alles. Die fehlende Körperspannung täuscht. Der Entertainer will gewinnen - dafür ist er bekannt. Eine weitere Entdeckung Raabs: Sein ehemaliger Showpraktikant Elton.

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Würde man mich jetzt fragen "Meinst du Raabs Fernseh-Abschied war die richtige Entscheidung?", würde ich erst einmal verstummen. Ich hätte keine Antwort. Nicht einmal meine Lieblingsfloskel würde hier passen. Denn ich bin mir sicher: So amazing wird die Zeit nach "TV total" nicht werden.

... und Hass!

Wer ein Format von und mit Stefan Raab kennt, kennt sie im Grunde alle. Bestes Beispiel: "TV total". Herr Raab schreitet zu Beginn der Sendung die Showtreppe hinunter und trägt dabei sein obligatorisches Outfit - bestehend aus Sport-Sakko und Altherren-Jeans.

Unten angekommen badet der Entertainer gefühlte Minuten im Applaus des Publikums. Es folgt eine Reihe an TV-Ausschnitten und dazu schlecht einstudierte Kommentare. Raab schaut verzweifelt nach links und rechts, auf der Suche nach dem Teleprompter. Schließlich stammelt er die Pointe in Richtung Kamera. Sie haben den Witz nicht verstanden? Kein Problem, da er ihn garantiert ausführlich erklärt, bevor er letztlich am lautesten darüber lacht.

Eine Woche "TV total" lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Es fängt mit Schwulen-Witzen an, geht weiter mit dem misslungen Versuch seine Band in einen Sketch einzubeziehen und endet mit weiteren - teils gewöhnungsbedürftigen - Meinungen zum Thema Politik und Sport. Die zahlreichen prominenten Gäste nicht zu vergessen, für die sich Herr Raab allerdings nicht wirklich interessiert. Hauptsache die Zuschauer im Saal klatschen, wenn die Show-Assistenz die passende Aufforderung in Form eines Plakates nach oben hält - wenn Herr Raab sich an einem Interview mit seinem Gegenüber versucht.

Das Problem ist nicht einmal der niveaulose Witz, mit dem Raab seit Jahren die deutsche Fernsehlandschaft befeuert. Für mich ist es das fehlende Gefühl für Zeitgeist, sein übertriebener Selbstdarstellungstrieb und vor allem das Sport-Sakko – modern geht anders.

Auf originelle Einfälle, für die Raab einst bekannt war, wartet man heute vergeblich. Früher crashte Raab Fernsehshows, überraschte Stars in ihrer Garderobe oder ging auf die Straße um im Guerilla-Comedy-Stil die Kamera einfach draufzuhalten. Stattdessen kreierte der Moderator in den vergangenen Jahren immer mehr Selbstdarstellungs-Formate, wie beispielsweise "Schlag den Raab", in denen seine Person klar in den Vordergrund rückte. Sein Ehrgeiz überschattet nicht nur die prominenten Gäste/ Gegner.

Stefan Raab spielte mit Hollywoodstar auf der Ukulele, Stefan Raab holte mit Lena den "Eurovision Song Contest" nach Deutschland und Stefan Raab fühlte unserer Bundeskanzlerin beim TV-Duell auf den Zahn. Zugegeben, er gehört zu Recht zu einem der ganz großen deutschen Entertainer – doch seine besten Jahre gehören eindeutig der Vergangenheit an. Wie heißt es so schön: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Herr Raab, es ist also allerhöchste Zeit!

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