Lindenstraße: Ein Stück Fernsehgeschichte geht zu Ende

Des einen Freud, des anderen Leid! Egal, wie man es sieht, die "Lindenstraße" war seit 1985 eine feste Institution. Ein Rückblick.

Bitte lächeln! Die aktuelle "Lindenstraße"-Crew auf einem Bild.

Am Sonntag um 18:50 Uhr ist es soweit: Ein wilder Streicherauftakt kündigt im Ersten die allerletzte Folge der "Lindenstraße" an. Die Mutter aller deutschen Seifenopern endet mit der Folge 1.758 nach fast 35 Jahren. Trotz der massiven Kritik, die der ersten "Lindenstraße"-Folge am 8. Dezember 1985 folgte, war die Serie eine feste Institution im deutschen Fernsehen.

Erfinder Hans W. Geißendörfer (78) produzierte eine ausufernde Melange aus täglichen Konflikten und Dramen um Aids, Sterbehilfe, Alkohol- und Drogensucht, Kernkraft, Krankheit, Fremdenangst, Rechtsradikalismus, Sekten, Mafia und vielem mehr. Auch wenn die anfangs gewaltige Einschaltquote von über zehn Millionen Zuschauern in den vergangenen Jahren immer weiter nachgelassen hat, kaum eine Serie kann eine so treue Fanbasis wie die "Lindenstraße" vorweisen. "Ich liebe diesen Scheiß einfach. Ich bin damit groß geworden", lautet nur eines von vielen Statements aus dem Publikum.

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Die wahre Lindenstraße

Geißendörfers Vorbild war ein Mehrfamilienhaus im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch, wo er seine Kindheit verbrachte. Die Serie ist nach der real existierenden Lindenstraße in Ummendorf (bei Biberach) in Oberschwaben benannt. Drehbuchautorin Barbara Piazza wohnte selbst mehrere Jahre in der Lindenstraße. Geißendörfer wurde außerdem von der britischen Erfolgssoap "Coronation Street" inspiriert.

Die deutsche "Lindenstraße" spielte bis zuletzt in München, gedreht wurde aber in den WDR-Studios in Köln-Bocklemünd, wo für die Außenkulisse eine 150 Meter lange Fassadenattrappe mit Café, Bar, Supermarkt, Arztpraxis, Friseursalon und dem Restaurant "Akropolis" gebaut wurde. Der letzte Drehtag der Serie liegt schon einige Wochen zurück, am 20. Dezember 2019 fiel die letzte Klappe.

Von Anfang an dabei

Herz und Seele des Formats war bis zuletzt Marie-Luise Marjan (79) als Mutter Helga Beimer. Sie war seit dem Start vor 34 Jahren dabei. Ebenfalls von Anfang bis zum Schluss wirkten Andrea Spatzek (60, Gabi Zenker), Moritz A. Sachs (41, Klaus Beimer) und Hermes Hodolides (56, Vasily Sarikakis) mit. Seit Folge zwei gehörte Sybille Waury (49, Tanja Schildknecht gesch. Dressler) durchgehend zur Besetzung, Amorn Surangkanjanajai (66, Gung Pham Kien) seit Folge vier.

Ludwig Haas (86) starb nur wenige Folgen vor dem Ende in Folge 1.744 den Serientod, er spielte von Beginn an Dr. Ludwig Dressler. Joachim Hermann Luger (76) musste in der Serie 2018 das Zeitliche segnen, auch er gehörte als Hans Beimer zur Ur-Besetzung.

Von Kindheit an dabei

Moritz A. Sachs alias Klausi stand im Alter von gerade mal sieben Jahren zum ersten Mal am Set der "Lindenstraße". "Ich habe dort 34 Jahre meines Lebens verbracht, ich kann mich nicht mal an eine Zeit ohne 'Lindenstraße' erinnern, so jung war ich noch, als ich dort anfing", erklärte er in einem Interview mit spot on news. Doch damit war Sachs noch lange nicht der Jüngste.

Julia Stark (32) und Johannes Scheit (31) spielten die Figuren Sarah Ziegler und Tom Ziegler mit Unterbrechungen, seit sie Babys waren. Scheit hatte seinen ersten Auftritt in der Serie, als er sieben Monate alt war, Julia Stark wurde mit einem Jahr im Casting ausgewählt. Auch Sontje Peplow (38, Lisa Dagdelen) und Rebecca Siemoneit-Barum (42, Iffi Zenker) spielten ihre Rollen seit ihrer Kindheit.

Wo Til Schweigers Karriere begann

Nach seiner Ausbildung an der Schule des Theaters in Köln und einem Engagement am Contra-Kreis-Theater in Bonn (1989) wurde Til Schweiger (56, "Honig im Kopf") 1990 für die "Lindenstraße" verpflichtet. Zwei Jahre lang spielte er die Rolle des Jo Zenker. Nach seinem ersten großen Kinoerfolg mit "Manta, Manta" (1991) verließ Schweiger zwar 1992 die "Lindenstraße", doch seine Figur blieb präsent. Sie tauchte immer wieder in Dialogen auf, wenn es hieß, dass "der Jo in Hollywood" sei. Und Schweigers spätere Ex-Ehefrau Dana (52) spielte in den Folgen 489 und 490 als Pat Wolfson mit.

An seine Zeit bei der "Lindenstraße" denkt der Schauspiel-Star heute jedoch nur ungerne zurück. "Ich war dankbar, dass ich die Rolle [...] hatte, aber die Rolle war natürlich absolut blöd", schimpfte er in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er sei damals sogar zum Regisseur Hans W. Geißendörfer ins Büro und habe erklärt: "Ich kann mehr als nur meine übergewichtige Schwester trösten." Geißendörfer hätte jedoch nur erwidert, dass in der "Lindenstraße" erst einmal "jeder seine Meriten verdienen" müsse. "Darauf hatte ich keinen Bock und hab' dann auch gleich gekündigt", erzählte Schweiger. Er sei diese zwei Jahre nicht gerne zur Arbeit gegangen, auch die Bücher seien schlecht gewesen.

Die Toten der "Lindenstraße"

Wenn eine TV-Serie fast 35 Jahre überdauert, gibt es auch natürlichen Schwund zu beklagen. Einige Schauspieler, die in Hauptrollen mitspielten, sind im Laufe der Serie gestorben. Darunter unter anderem Annemarie Wendl, bekannt als Else Kling, Herbert Steinmetz (Joschi Bennarsch), Johanna Bassermann (Philomena Bennarsch), Fritz Bachschmidt (Gottlieb Griese), Stefanie Mühle (Christina Barnsteg), Raimund Gensel (Franz Schildknecht), Tilli Breidenbach (Lydia Nolte), Ursula Ludwig (Nachfolgerin von Tilli Breidenbach als Lydia Nolte), Robert Zimmerling (Hubert Koch), Guido Gagliardi (Enrico Pavarotti), Inga Abel (Dr. Eva-Maria Sperling) und Ute Mora (Berta Griese).

Am 4. Oktober 2012 starb überraschend Wolfgang Frank, der in 132 "Lindenstraße"-Folgen von 2000 an Regie geführt hatte, und am 28. Juli 2014 stürzte Philipp Brammer, der in 128 Folgen als Lehrer Jan Künzel zu sehen war, in den bayerischen Alpen tödlich ab. Im Juni 2015 starb der Hamburger Schriftsteller, Schauspieler und Übersetzer Harry Rowohlt. Er verkörperte in der Serie Penner Harry.

Mord und Totschlag

In der "Lindenstraße" gab es in 34 Jahren über 60 Todesfälle. Die meisten starben an Krankheit, einige begingen Selbstmord, und einige mussten auf dramatische Art und Weise das Zeitliche segnen. So tappte der Maler Franz Schildknecht (Raimund Gensel, 1940-2002) völlig betrunken in den Hinterhof und brach dort zusammen. Eine Woche lag er dort unentdeckt und erfror schließlich.

Richtig blutig wurde es in Folge 774 (1.10.2000): Mary Kling (Liz Baffoe, 50) entmannte ihren ungeliebten Mann Olaf (Franz Rampelmann, 69) mit einer Geflügelschere. In Folge 750 stach Momo Sperling (Moritz Zielke, 46) auf seinen Vater Kurt (Michael Marwitz, 64) ein, der eine Affäre mit Momos Freundin Iffi hatte. Er starb an den Verletzungen. Und in Folge 507 (20.8.1995) erschlug Lisa Hoffmeister den Ex-Priester Matthias Steinbrück (Manfred Schwabe, 59) mit der Bratpfanne. Anschließend legte sie den Toten mit Hilfe von Olli Klatt (Willi Herren, 44) auf Bahngleise und ließ ihn von einem Zug überrollen. Die Tat wurde nie aufgeklärt. Und auch in der vorletzten Folge gab es noch ein Opfer: Wolf Lohmaier (Martin Müller-Reisinger, 51) stürzte auf seiner Baustelle in den Tod - nach einem lautstarken Streit mit Freundin Anna Ziegler (Irene Fischer, 60).

Der erste Schwulenkuss im TV

In Folge 225 (25.3.1990) küssten sich Dr. Carsten Flöter (Georg Uecker, 57) und der Fiesling Robert Engel (Martin Armknecht, 58) vor der Kamera - der erste Schwulenkuss in einer deutschen Serie. Ein Skandal! Georg Uecker erinnerte sich im Interview mit spot on news: "Keiner der Beteiligten ahnte, dass das für so einen Aufschrei sorgen würde. Ich selbst dachte auch, dass Deutschland schon weiter wäre." Es sei teilweise sehr beängstigend gewesen, der Schauspieler stand sogar unter Personenschutz. "Ich habe Briefe bekommen mit wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen, das ging nicht spurlos an mir vorbei."

Das Finale

Mit Spannung wird die allerletzte Folge des Dauerbrenners erwartet. Werden alle Geschichten aufgelöst, wird es einen Cliffhanger geben? Rebecca Siemoneit-Barum verspricht ein "rührendes Ende, ich glaube, dass viele Tränen fließen werden." Auch laut Moritz A. Sachs findet der Dauerbrenner einen würdigen Abschied: "Aber ich hätte mir schon gewünscht, dass die 'Lindenstraße' zu einem Jubiläum ein Ende gefunden hätte. Am besten nicht vor dem hundertsten Geburtstag der Serie." Ein Wunsch, der leider nicht mehr in Erfüllung gehen wird.

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