Kinotipp: "Nymphomaniac"

"Vergiss die Liebe", fordert Lars von Trier im Untertitel seines umstrittenen neuen Films "Nymphomaniac". Der erste Teil des vermeintlichen Pornos läuft jetzt bei uns im Kino

"Nymphomaniac"

In Sachen Vorabwerbung hat sich Regisseur Lars von Trier bei seinem neuesten Werk "Nymphomaniac" selbst übertroffen - und das, obwohl er selbst seit seinem verbalen Patzer in Cannes ("Ok, I'm a Nazi") im Jahr 2011 den Mund in der Öffentlichkeit gar nicht mehr aufgemacht hat. Die Stars aus seinem neuen Film dafür umso mehr: Bereits vor Monaten erschienen die provozierenden Filmplakate, auf denen ausnahmslos alle Haupt- und wichtigen Nebendarsteller des insgesamt über vierstündigen Machwerks (das in zwei Teilen ins deutsche Kino kommt), mit orgiastisch-verzückten Gesichtausdrücken den sexuellen Höhepunkt simulieren.

Ob man jetzt enttäuscht sein soll, dass a) gar nicht alle auf den Plakaten zu sehenden Darsteller im Film auch wirklich Sex haben, geschweige denn zum Höhepunkt kommen und b) "Nymphomaniac" keineswegs der knallharte Porno ist, als der er im Vorfeld gern gehandelt wurde, hängt wohl stark von der persönlichen Erwartungshaltung an Lars von Triers neuen Film ab.

Die Story

Der alternde Junggeselle "Seligmann" (Stellan Skarsgård) findet nach dem Einkaufen in einer Gasse die übel zugerichtete "Joe" (Charlotte Gainsbourg) und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Mit einer Tasse Tee im Bett sitzend erzählt "Joe" ihre Geschichte: "Ich bin ein schlechter Mensch", lässt sie "Seligmann" wissen und ihn und die Kinozuschauer sodann an ihren Lebenserfahrungen als Nymphomanin teilhaben. Dabei beginnt sie von ganz vorn und verschont weder ihren Gastgeber noch das Publikum mit intimen Details ihrer zwanghaften Suche nach Befriedigung der Lust.

Uma Thurman als betrogene Ehefrau "Mrs. H".

Die Stars

Mit Uma Thurman und dem zuletzt reichlich durchgeknallten Shia LaBeouf hat sich von Trier diesmal gleich zwei bekannte Hollywoodstars ins Boot geholt. Zählt man Christian Slater, der seine letzten Mainstream-Filmerfolge in den Neunzigerjahren feierte, großzügig mit dazu, sind es sogar drei. Charlotte Gainsbourg und Stellan Skarsgård gehören mit bereits mehreren Auftritten in von-Trier-Filmen mittlerweile schon fast zur Crew und Stacy Martin, die Gainsbourgs Figur "Joe" in jungen Jahren darstellt und im ersten "Nymphomaniac"-Teil somit die Hauptrolle spielt, ist wohl eine der interessantesten jungen Filmentdeckungen des Jahres.

In Teil zwei, der ab April bei uns ins Kino kommen soll, stößt außerdem noch Willem Dafoe zum Cast, der bereits in von Triers "Antichrist" an der Seite von Charlotte Gainsbourg spielte, sowie der ebenfalls bereits in Hollywood etablierte Jamie Bell. Bereits seit Längerem ist bekannt, dass die zum Teil expliziten Szenen, in denen die Stars und vor allem ihre Geschlechtsteile im Film zu sehen sind, von Pornodarstellern bzw. Geschlechtsprothesen gedoubelt wurden. Charlotte Gainsbourg hatte in mehreren Interviews erklärt, dass ihr eine derartige Freizügigkeit ansonsten auch zu weit gegangen wäre. Peinlich seien ihr gewisse Szenen aber dennoch gewesen.

Promoplakat zu "Nymphomaniac": Die Stars des Films und links im Hintergrund ein sich selbst zum Schweigen verurteilter Lars von Trier.

Fazit

"Nymphomaniac Vol. 1" ist kein Porno, auch wenn der Regisseur selbst das im Vorfeld genüsslich hat Glauben machen lassen. Lars von Trier liefert stattdessen eine virtuose, bildgewaltige Auseinandersetzung mit dem zerstörerischen Potenzial der Sexualität. Eingebettet in die kammerspielartige Rahmenhandlung mit "Seligmann" und "Joe" hüpft "Nymphomaniac" in seinen Rückblenden zwischen Pornographie und Philosophie hin und her und knüpft interessante Zusammenhänge zwischen Sexsucht, Fliegenflischen, Mathematik und klassischer Musik.

Stacy Martin und Shia LaBeouf als "Joe" und "Jerôme" in "Nymphomaniac".

Wer nun allzu intellektuelle Verbohrtheit befürchtet, kann beruhigt sein: "Nymphonaniac" ist in seiner zweifelsohne bild- und themengewaltigen Wucht zugleich derart ironisch und witzig geraten, dass man selbst der 145-Minuten-Langversion des Films, die auf der Berlinale 2014 gezeigt wurde und die dieser Kritik zugrunde liegt, einigermaßen unangestrengt folgen kann. Die witzigste und absurdeste Szene des Films liefert Uma Thurman ab, die als betrogene und verlassene Ehefrau in der Wohnung der Rivalin aufkreuzt, ihre zwei herrlich verwirrt aus der Wäsche blickenden Söhne ins sogenannte "Hurenzimmer" schleift, weil sie ihnen genug Futter für die in späteren Jahren ganz sicher fällig werdende Therapie bieten will.

Auf der anderen Seite schlägt "Nymphomaniac" an manchen Stellen geradezu grausam ins emotionale Gegenteil um, beraubt sowohl seine Charaktere als auch die Zuschauer gnadenlos jeder erleichternden Form von Humor und sorgt damit für ein Unwohlsein, das aber auch rein gar nichts mit den offenherzigen Sexszenen zu tun hat. Der erste Teil von "Nymphomaniac", der bei uns nur in der kurzen 117-Minuten-Version ins Kino kommt, ist ein unterhaltsamer, visuell großartiger und inszenatorisch eindrucksvoller Rausch, der die öffentliche Meinung sicherlich spalten wird.

Die Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) hat dem Werk trotzdem das höchste Prädikat "besonders wertvoll" verliehen.

Trailer

"Nymphomaniac"

Trailer: "Nymphomaniac"

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