Julian Schnabel: "Beim Malen bin ich wie ein Kind"

Julian Schnabel, einer der teuersten Maler der Welt, zeigt seine Werke jetzt in Berlin: "Gala"-Redakteurin Stefanie Richter hat den Künstler beim Aufhängen der Bilder begleitet und so einen außergewöhnlichen Einblick in seine Welt gewonnen

Julian Schnabel

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Mein einfaches Ja reicht Julian Schnabel als Antwort nicht. "Und wie lange haben Sie sich die Bilder dort angesehen? Fünfzehn Minuten nur? Das ist viel zu wenig! Kommen Sie, wir gehen noch mal zusammen nach oben!" Schon springt er von seinem Stuhl auf, ohne sich nach mir umzudrehen. Im Treppenhaus der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) spricht er weiter: "Weshalb in meinen Bildern so viel Lila zu sehen ist? Weil ich Tinte benutze. Ich male oft draußen. Wenn es regnet, verändern sich die Bilder. Das finde ich gut." Oben angekommen, schnauft Schnabel ein wenig. Vor seinem Werk "Untitled (Wood Painting)" bleibt er stehen, stutzt kurz, seine Stimme senkt sich: "Interessant: Die Röntgenbilder unten zeigen das Innere von etwas, und diese Bilder hier zeigen das Äußere von etwas. Der Gegensatz zwischen Innen und Außen ist mir schon immer sehr wichtig gewesen."

Sonst zeigt sich Julian Schnabel gerne im Pyjama, fürs "Gala"-Shooting hat er sich aber in typischere Künstler-Kluft geworfen.

Es ist, als würde der Künstler selbst über seine Bilder staunen, über den Eindruck, den sie auf ihn machen. Zugegeben, sie sind auch wirklich imposant, allein schon wegen ihres Formats. Das größte Werk der Ausstellung ("Fountain Of Youth") ist sechseinhalb Meter lang und fast drei Meter hoch. Beeindruckend auch der Preis: fast eine halbe Million Euro. Seinen Platz in der Geschichte als einer der teuersten zeitgenössischen Maler erwarb sich Julian Schnabel in den Achtzigerjahren in New York. Später legte er eine zweite Karriere als Filmregisseur nach. "Basquiat", "Bevor es Nacht wird" oder "Schmetterling und Taucherglocke" sind alles andere als unzugängliche Künstlerfilme, sondern Kino, das wirklich berührt. Nachdem 2010 sein Drama "Miral" angelaufen war, verkündete Schnabel, er wolle eine Pause vom Kino machen und sich erst einmal wieder auf die Malerei konzentrieren. Das Ergebnis ist nun in Berlin zu sehen. Zwei Tage vor der Vernissage allerdings gleichen die Räume der Galerie, die auch Künstler wie Daniel Richter, Jonathan Meese und Georg Baselitz vertritt, noch einer Baustelle. Der Motor einer Hebebühne schnarrt, Akkuschrauber summen, zwei Männer knien auf einer riesigen Luftpolsterfolie und spannen eine Leinwand mit Tackernadeln auf einen Keilrahmen. Die meisten Bilder lehnen noch auf Holzklötzen an den Wänden. Julian Schnabel möchte selbst bestimmen, auf welche Position seine Werke gehängt werden. "Ein bisschen höher noch!", bittet er, während sich zwei Mitarbeiter mit dem unhandlichen Gemälde abmühen. Er selbst steht ein paar Meter entfernt, legt den Kopf schief, und ich frage mich, wie die Farben auf dem Gemälde wohl für ihn aussehen mögen, der an diesem Tag zwischen einer gelb und einer blau getönten Brille hin und her wechselt.

Im unteren Geschoss der Galerie werden Schnabels sogenannte Röntgenbilder gezeigt, eines liegt hier noch auf dem Boden, um aufgespannt zu werden.

"Sie haben keine Ahnung, wie dieses Bild entstanden ist, oder?", fragt er mich, wartet die Antwort aber nicht ab. Julian Schnabel gehört nicht zu den Künstlern, die meinen, ihre Werke müssten für sich sprechen. Im Gegenteil. Rastlos läuft er von Bild zu Bild, streicht mit den Händen über die Leinwand, deutet auf bestimmte Farbstriche, auf Lichtreflexe auf der Lasur. Einmal ruft er einen Assistenten herbei, weil ihm eine winzige Delle in der Leinwand auffällt, die da nicht hingehört. "Vielleicht wollen Sie mir lieber Fragen stellen, als dass ich Ihnen einfach etwas erzähle", sagt er zwischen zwei Bildern. Ob Feststellung oder rhetorische Frage - sie bleibt ohne Folgen, denn Schnabel redet einfach weiter. "Wenn ich male, bin ich wie ein Kind, das im Sandkasten sitzt und versucht, den Tag herumzukriegen, ohne anderen Kindern oder sich selbst weh zu tun."

Exklusive Führung: Julian Schnabel erläutert "Gala"-Redakteurin Stefanie Richter in Berlin sein Werk.

Schon seit den Achtzigerjahren bevorzugt Schnabel ungewöhnliche Materialien als Basis für seine Bilder. Aktuell ist es mal eine Röntgenaufnahme, mal ein Foto der Frau des Scheichs von Katar oder ein historisches Gemälde. Die Technik ist immer die gleiche: Julian Schnabel fotografiert das Bild ab, vergrößert es am Computer und druckt es auf eine Leinwand aus Polyester, um diese dann mit Farbe zu bearbeiten. So auch bei den "Shiva-Bildern", denen eine Abbildung des hinduistischen Gottes Shiva zugrunde liegt. "Ich war beim Yoga-Unterricht und sah dieses Poster, das mit gut gefiel", erzählt Schnabel. "Da habe ich meinen Meister, Eddie Stern, gefragt, ob ich es ausleihen und fotografieren dürfte." Yoga? Eddie Stern? Eigentlich assoziiert man den asketischen New Yorker Guru mit Anhängerinnen wie Madonna und Gwyneth Paltrow. Julian Schnabel hingegen kann man sich kaum im Kopfstand vorstellen. Der Amerikaner wirkt an diesem Tag in Berlin schwerfällig, irgendwie angeschlagen. Seine Stimme ist leise, oft murmelt er nur. Der weiße Maleranzug - mit Farbe bekleckert und Löchern an Taschen und Säumen - spannt über seinem Bauch. Der Künstler mit dem großen Ego, dieses Image eilt Julian Schnabel meilenweit voraus. Dass er sehr von seiner Kunst überzeugt ist und auch eine Art Mission verfolgt - gar keine Frage. Aber ein furchteinflößender Tyrann ist er mit Sicherheit nicht. Beim Ausstellungsaufbau in Berlin bemüht sich Schnabel vielmehr um Geselligkeit. Alle anwesenden Personen, egal ob es die Arbeiter sind, die seine Bilder tragen, Journalisten oder Fotografen, spricht er mit Vornamen an. Fragt notfalls noch mal nach, um sich auch wirklich alle Namen einzuprägen.

"Was tun Künstler? Sie finden die Wahrheit", sagt er. Und man spürt: Bei seiner Kunst geht es ihm nicht nur ums Große, sondern auch ums Ganze. "Es geht nicht um den Unterschied zwischen Tod und Leben, es geht um den Unterschied zwischen Tod und Kunst. Für mich verkörpern meine Arbeiten das Ganze, das Allumfassende." Zum ersten Mal macht er so etwas wie eine Pause. Er lauscht seinen Worten nach, wie um ihre Schwere in der Stille nachklingen zu lassen. Dann erzählt er noch, dass er als nächstes doch wieder einen Film drehen will. Gemeinsam mit Johnny Depp wird er Nick Tosches’ Mystery-Roman "In The Hand Of Dante" auf die Leinwand bringen, in eineinhalb Jahren soll es losgehen. "Wir sind gute Freunde, es ist gut, mit Freunden zu arbeiten. Er ist ein richtiger Künstler, ein wunderbarer Mensch", murmelt Schnabel. Dann muss er das nächste Interview geben, baut sich vor einer Fernsehkamera auf. Mitten im Monolog dreht er sich noch einmal zu mir um, deutet auf eines seiner Werke: "Kommen Sie her, Sie müssen sich noch mal vor dieses Bild stellen! Lassen Sie es richtig auf sich wirken!" Die Ausstellung "Deus Ex Machina" von Julian Schnabel ist bis zum 28. Juli in der Galerie CFA in Berlin zu sehen (www.cfa-berlin.de).

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