Jörkk Mechenbier von Love A im Interview : Von Freudentränen und Sozialphobien

Mit viel Schwermut, Gesellschaftskritik und Humor haben es Love A mit ihrem bereits vierten Album "Nichts ist neu" auf Platz 36 der deutschen Charts geschafft. Für den Sänger Jörkk Mechenbier wird ein Traum wahr: Er hat es in die Gala geschafft.

Love A

Love A

Lieber Jörkk, wie würdet ihr Love A einem Gala-Leser erklären, der gerne massenkompatiblere Künstler wie Adele und Elton John hört?

Also der/die gemeine Adele Fan versteht uns sicherlich. Wir rollen schließlich auch in der Tiefe - vom musikalischen Anspruch her zumindest. Bei Elton John wird es schon enger, da ich keine ähnlich verrückte Brille mein Eigen nenne. Aber ein Rocket Man bin ich auf jeden Fall - also die ganze Band - zumindest nach der Show, an der Theke! Je nach Alter kann man sicherlich auch mit der "guten Seite" der neuen deutschen Welle kommen, als Ideal oder sowas - oder eben Fehlfarben. Ansonsten bekomme ich manchmal ein bisschen Falco in meiner Performance nachgesagt (also schnöselig), etwas Ian Curtis (tanze auch, als hätte ich einen Krampfanfall) und ich wurde jetzt auch schon 2x mit Tim Bendzko verglichen. Das verstehe ich aber auch nicht. Der kann schließlich singen. 

BIST du vielleicht Tim Bendzko? Apropos Ian Curtis! Ich höre auf dem neuen Album Parallelen zu Joy Division heraus. Das ist neu, finde ich. In welchem Zeitraum habt ihr "Nichts ist neu" aufgenommen und habt ihr währenddessen bestimmte Platten anderer Musiker häufig gehört? Macht man das überhaupt, wenn man selbst knietief in Aufnahmen steckt?

Ich hoffe nicht, dass ich Tim Bendzko bin – kann das aber nicht 100% sicher von der Hand weisen. Oha – also Joy-Division-Parallelen ehren uns natürlich – aber ich denke, die sind eher in der „Kälte“ des Albumsounds zu verorten, als in der musikalischen Herangehensweise. Ich tanze zwar gelegentlich, als hätte ich einen Krampfanfall, denke aber, dass das die einzige Parallele zu Ian Curtis ist. Wir sind eigentlich alle Musik-Fans und fleißige Hörer und erfreuen uns durch die Bank sowohl an Klassikern, aber auch an Neuentdeckungen. Aber dass ein bestimmtes Album jetzt während der Aufnahmen einen von uns komplett umfangen und beeinflusst hat, glaube ich nicht. Man – oder wir – hören eben immer Musik. Auch während der Aufnahmen, ja, aber das ist „Business as usual“ und dient nicht zwangsläufig der Inspiration oder einem gewissen Entstehungsprozess.

In welcher Hinsicht sind Love A Spießer?

Hahaha… In jeder nur erdenklichen Hinsicht! Nein… Aber das kommt natürlich immer darauf an, was damit gemeint ist, oder wo die Grenze gezogen wird, zwischen „Punk“ – einer sehr konservativen und althergebrachten Jugendbewegung – und dem klassischen Spießertum im Sinne von gesellschaftliche Konventionen anerkennen, oder sogenannte Erwachsenendinge tun müssen, oder auch im Erwachsenenalter einfach irgendwann ein Stück weit im bürgerlichen Kontext anzukommen. Ich bin Vater einer 10-jährigen Tochter, zwei von uns sind verheiratet, einer wohnt in einem Einfamilienhaus, alle haben einen Beruf – oder zumindest etwas, was dieser Bezeichnung nahe kommt – ist das schon spießig? Wir versuchen alle sicherlich permanent, das bestmögliche „richtige Leben im falschen“ zu führen und möglichst selbstbestimmt zu leben. Aber wer kann das schon? Wo funktioniert es, wo nicht – das sind Fragen, die sich ein jeder selbst und vor allem für sich selbst beantworten muss.

Woody Allen hat überall Notizen rumliegen, Bob Dylan sperrt sich tagelang ein - wie entstehen bei dir (euch) die Texte? Woher kommt die Idee zu einem düsteren Song wie "Nachbar II"?

Na dann bin ich doch schon mal in guter Gesellschaft, mit meiner Zettelwirtschaft und meiner tagelangen Sozialphobie, die ich immer dann entwickele, wenn ich in mich gehen und Texte schreiben muss. Texte sind so eine Sache. Ich schreibe sehr persönlich, reflektiere sehr viel, mache meinen eigenen Unarten die Hölle heiß in den Texten. Erstaunlich also, dass so viele sich da etwas für sich rausziehen können. Oft bin ich auch unbewusst (und) ehrlich und bemerke Sachen erst, wenn sie bereits geschrieben sind. Wie bei "Nachbarn II". Der „Erhängte“ ist ganz sicher ein Gruß an einen lieben Freund, der zu früh von uns genommen wurde. Der, der sich tot säuft, sicher eine Warnung meines eigenen Unterbewusstseins bezüglich meines Lebenswandels. Der Refrain hingegen fasst schlicht mein Lebensgefühl zusammen. Und trifft sicherlich auch für den einen oder anderen aus meiner Generation, oder zumindest meiner Bezugsblase, zu.

 Ich glaube alle können bejahen, dass eure Musik zynisch und schwarzhumorig ist und klarsichtig das Negative auf der Welt beobachtet. Aber was macht Love A denn richtig glücklich?

Uns machen lächelnde Gesichter, volle Gläser und schönes Wetter glücklich – so wie viele andere Bands sicherlich auch. Und auch, wenn es dann mit dem Texten schwierig werden würde, würde mich persönlich wohl am glücklichsten machen, wenn ich Zynismus und schwarzen Humor weglassen könnte, weil die Welt plötzlich vollkommen klar geht und beide Stilmittel nicht mehr vonnöten wären.

Bei welchen Songs könnte die Band ein Tränchen verdrücken?

Ich denke, ich kann für alle sprechen, wenn ich sage, dass „Left & Leaving“ von den Weakerthans einer der ergreifendsten Songs in unser aller Playlist-Dschungel ist. Und Bassist Pommes und ich weinen bei "Don't  stop believing“ von Journey hin und wieder. Freudentränen voller Hoffnung, versteht sich.

 Eine Antwort deprimierender als die andere! Ich geh jetzt weinen. Aber vielen Dank, dass Du dir Zeit genommen hast.

Hahaha… SO SCHLIMM?! Au Backe! ;-) Vielen lieben Dank. Und wenn ihr mal einen Mitarbeiter in der Gossip-Redaktion braucht, scheu dich bitte nicht, mich anzurufen! Ich ziehe auch hohe Schuhe an, wenn es sein muss! Aber auch, wenn es nicht sein muss.


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