Jeanette Biedermann gesteht : "Ich dachte, es zerreißt mich"

2019 ist Jeanette Biedermanns Solo-Comeback-Jahr. Erst nimmt sie an "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" teil, nun veröffentlicht sie am 20. September ihr siebtes Album "DNA". Mit GALA hat die Sängerin über das schmerzhafteste Erlebnis in ihrem Leben gesprochen - und was sie daraus gelernt hat.

Jeanette Biedermann, 39, beendet ihre zehnjährige Solo-Pause. Am 20. September wird ihr neues Album "DNA" veröffentlicht. Zum ersten Mal singt sie ihre Songs auf deutsch und gibt sich dabei so verletzlich, wie nie zuvor. Jedes Lied erzählt eine sehr persönliche Geschichte aus ihrem Leben. Auch im GALA-Interview nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund und spricht offen über den Tiefpunkt als Solo-Künstlerin und ihr schmerzhaftestes Erlebnis. 

Jeanette Biedermann im GALA-Interview

GALA: Nach jahrelanger Doppelbelastung als Schauspielerin und Sängerin legten Sie 2008 ihre Solo-Karriere auf Eis - bis jetzt. Was war der Auslöser für Ihren damaligen Entschluss?
Jeanette Biedermann:
Ich hatte das Gefühl, dass ich mega ausgebrannt war. Ich habe ein Album gemacht, was ein ganz tolles Album war, aber was nichts mit mir zu tun hatte. Es hat an Persönlichkeit gefehlt. Da dachte ich mir: "Stopp!", und reduzierte alles auf das Wesentliche. Ich habe durchgeatmet und nur Lieder für mich geschrieben - ohne zu überlegen, was die Plattenfirma denkt. Ich lernte wieder Songs zu schreiben, die mir gefallen und so kam ich an die Wurzel dessen, was ich eigentlich sagen wollte. Durch das Schreiben verarbeite ich meine Gefühle und wenn das Instrument nicht mehr funktioniert, dann ist das nicht gut. Aus dieser Phase heraus hat sich die Band "Ewig" gegründet. Zwischen den zwei Männern (Ehemann Jörg Weißelberg, 51, und Christian Bömkes, 38) habe ich mich sehr beschützt gefühlt. Das war gut, da ich in dieser Zeit sehr verletzlich war. Auch durch diese Band habe ich wieder zu mir gefunden.

Was hat Ihnen in dieser schwierigen Zeit der Überforderung am meisten geholfen und was haben Sie für sich gelernt?
Mir hat total geholfen, dass wir mit "Ewig" alles total entspannt angegangen sind. Wir haben Musik gemacht, um der Musik willen, sind mit einer kleinen Community getourt, haben kleine feine Konzerte gespielt - alles ohne diesen wahnsinnigen Druck von außen. Was ich daraus gelernt habe ist, die Alarmzeichen früher zu deuten und vor allem sich bewusst Pausen zu nehmen. Ich habe jahrelang durchgearbeitet, ohne Urlaub. Ich habe die ganze Woche gedreht, am Wochenende Konzerte gegeben oder habe Songs geschrieben. Das war einfach zu viel.

Und das über einen so langen Zeitraum. Da weiß man ja gar nicht mehr, wer man selber ist.
Genau, ich habe mich da selbst verloren. Mein ganzes Leben war nichts wichtiger für mich, als eine gute Musikerin zu werden, mein Handwerk zu beherrschen, meine Lieder zu schreiben, die Dinge zu sagen, die tief aus meinem Inneren kommen.

Sie sagen, dass ein Album auch immer ein Zeitdokument sei und dass in den letzten Jahren Dinge passiert sind, die Sie noch nie zuvor erlebt haben. Was genau meinen Sie damit?
In erster Linie betrifft das Songs wie "Deine Geschichten". In dem Lied geht es um den Tod meines Vaters.

Ich habe das erste Mal so einen enormen Schmerz empfunden, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt habe. Ich dachte, es zerreißt mich.

Wie haben Sie gelernt, mit diesem schweren Verlust zu leben?
Nach zwei Jahren dachte ich, "jetzt muss es ja besser werden", aber es wird nicht besser. Der Mensch ist glücklicherweise in der Lage, solch starke Emotionen mit der Zeit abzumildern. Dennoch ist dieser Schmerz immer noch extrem da. Es gibt Momente, wenn ich irgendwo bin, wo ich mit meinem Vater war, dann tut es wieder so enorm weh, obwohl ich dachte, dass es besser geworden ist.

Wer hilft Ihnen in solchen Momenten?
Ich bin sehr glücklich, dass meine Mama für mich da ist. Sie ist so eine tolle, starke Frau und unterstützt mich, wo sie nur kann. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, besonders in den Momenten, in denen ich mich frage, "Warum er? Warum jetzt? Warum haben wir nicht noch ein paar Jahre gehabt?" Diese Fragen stelle ich mir aber nicht mehr. Ich erinnere mich an die schönen Seiten mit ihm. Dabei hat auch der Song "Deine Geschichten" geholfen.

Als meine Mutter das Lied gehört hat, sagte sie zu mir: "Der Song bringt deinen Papa wieder näher hierher, näher zu mir."

Im Song „Mutterstadt behandeln Sie das Thema Heimat. Im Herbst 1989 flohen Sie als Neunjährige mit Ihren Eltern aus der ehemaligen DDR. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ein Zuhause für mich nicht ortsgebunden ist. Die Menschen, die ich liebe, sind mein Zuhause, meine Basis. Deswegen singe ich in "Mutterstadt" auch "mein Herz sind zwei Welten". Ich bin viel unterwegs und das kann ich nur, weil ich so eine schöne Basis habe.

Wie war es für Sie, als Kind Ihr Zuhause zu verlassen? Hatten Sie Angst?
Ich habe im ersten Moment gar nicht gewusst, was wir da tun. Als wir losgefahren sind, haben mir meine Eltern gesagt, dass wir einen Tagesausflug nach Prag unternehmen. Damit ging es los. Ich wusste also gar nicht, dass wir fliehen. Das war auch wichtig, denn, wenn ich an der Grenze ein falsches Wort gesagt hätte, wären meine Eltern ins Gefängnis gekommen. In Prag haben sie mir dann gesagt, was los sei, doch ich habe davon nichts verstanden. Für mich war es ein riesen Abenteuer.

Ich verbrachte drei Tage mit meiner Mutter in der Prager Botschaft. Meine Eltern haben Blut und Wasser geschwitzt. Weil die Botschaft überfüllt war, durften nur noch Frauen und Kinder rein. Mein Vater musste draußen bleiben. Ich habe mir Sorgen gemacht und gehofft, dass er genug zu essen hat. Manchmal blieben Joghurts übrig. Mit einem anderen Jungen habe ich das Essen in Babywindeln versteckt, die wir dann durch die Gitterfenster hinabgehangelt haben. Unten standen die Männer. Mein Vater hat sich klugerweise direkt unter dieses Fenster gestellt - aber auch, weil er sich nah beim Eingang aufhalten wollte, damit wir uns schnell wiederfinden.

Es gab einen Moment, der mir etwas Angst machte. Nachdem wir die Botschaft verlassen haben und bei den Zügen ankamen, mussten wir uns alle in einer Reihe aufstellen.

Ich bin aus der Reihe getanzt und mich hat ein Beamter mit dem Lauf des Maschinengewehrs wieder zurück in die Reihe geschoben. Da ging so ein richtiger Blitz durch den Körper.

Haben Sie sich in West-Berlin dazugehörig gefühlt?
Nein. Wir haben anfangs mit nur einer Reisetasche, die wir mitnehmen durften, bei meinem Onkel gelebt. Meine Eltern mussten so schnell wie möglich einen Job finden. Da beide sehr fleißig sind, hat das auch geklappt. Sie haben ihr erstes Geld verdient und wir hatten dann auch wieder ein kleines Auto und eine Wohnung.

Als wir so richtig angekommen waren, habe ich eine Mini-Depression entwickelt, weil mir mein altes Umfeld gefehlt hat.

Ich habe meine Freunde vermisst, die Akrobatik- und Zirkusgeschichte (Jeanette Biedermann war seit ihrem sechsten Lebensjahr Akrobatin im DDR-Zirkus) und das Singen. Meine Mutter meinte, dass ich keinen Ort brauche, um meine Kunst auszuüben. Singen kannst du doch auch hier und Freunde finden ebenfalls. Das habe ich dann auch getan. Aber dennoch war es nicht so leicht. Es gab viele Vorurteile gegenüber Ostdeutsche. Auch meine Eltern hatten Probleme auf der Arbeit. Sie mussten sich erst einmal behaupten. Dennoch haben wir versucht, uns zu integrieren.

In der Vorab-Single „Wie ein offenes Buch“ geht es darum, sich immer ehrlich und authentisch zu geben. Was steckt dahinter?
Wie ich auch im Song singe, bin ich ein Meister im Verdrängen. Zudem bin ich über die Jahre etwas scheu geworden und habe manchmal Angst, etwas von mir preiszugeben. Jetzt habe ich mit Unterstützung von Freunden sehr viele persönliche Lieder geschrieben, zögerte erst, wollte das Album "DNA" aber unbedingt aufnehmen.

Wenn man ganz undifferenziert schaut, umtreiben uns oft dieselben Dinge und die gleichen Gefühle. Und dann kann man doch auch offen sein und sagen, welche Schwächen man hat. Ich stehe dazu und gebe mich so, wie ich bin. Meine Freunde haben mir Mut gemacht, und jetzt möchte ich meine Erfahrungen an die Menschen zurückgeben. Man geht ja auch als gutes Beispiel voran. Daher mein Appell an die Jüngeren:

Traut euch ehrlich zu sein, traut euch, echt zu sein. Ich weiß, dass das mit viel Mut verbunden ist, aber es lohnt sich, weil es leichter und befreiender ist.

Verwendete Quellen: eigenes Interview

Themen

Erfahren Sie mehr:

Star-News der Woche