Carla Juri: "Nacktheit gehört zum Menschen"

Was Charlotte Roche in "Feuchtgebiete" beschrieb, musste Carla Juri jetzt spielen. "Gala" sprach mit ihr über Hemmungen, Seife - und Eishockey

Offene Wunden am Allerwertesten, gebrauchte Tampons, Würgereiz beim Oralverkehr: So ziemlich alle Probleme rund um Körperflüssigkeiten, Intimpflege und Sexualpraktiken werden in "Feuchtgebiete" hemmungslos thematisiert. Bestsellerautorin Charlotte Roche, 35, wollte ihren autobiografischen Roman 2008 als Statement gegen das Sauberkeitsdiktat in unserer Gesellschaft verstanden wissen. Im Film muss nun Schauspielerin Carla Juri, 27, alle noch so ekligen Roche- Gedankengänge bildlich umsetzen. Die zierliche Schweizerin spielt die tabulose Helen Memel - und ist dabei oft nackt und dreckig.

Was meinen Sie, Frau Juri: Werden junge Frauen heute in ein zu enges Hygienekorsett gezwängt?

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©Gala

Diese Überhygiene ist wirklich aktuell. Deshalb fand ich das Thema Ekel auch so interessant. Gerade unsere Generation ist da sehr eigenartig sozialisiert. Wir sind ja nicht in einem sterilen Raum geboren! Als Kind steckt man noch alles in den Mund und ist neugierig, dann drückt dir jemand Regeln auf, und damit kommen die ersten Schamgefühle. Für meine Großmutter hatte ein Stück Seife noch einen ganz anderen Wert - die Überhygiene heute ist eigentlich sehr unkreativ, nicht sinnlich, das Phänomen einer Luxusgesellschaft. Und man bekommt damit immer mehr Probleme, sich so zu akzeptieren, wie man ist.

Ihre Filmfigur Helen hat kaum Hemmungen. Haben Sie gezögert, die Rolle mit den vielen Sex- und Nacktszenen anzunehmen?

Nein. Für mich ist "Feuchtgebiete" vor allen Dingen eine sehr menschliche Geschichte. Wenn solche Dinge wie Intimrasur oder Masturbation keine Funktion hätten, wären sie banal und plakativ. Aber sie haben eine Bedeutung und eine emotionale Dimension: Helen verstört Menschen, um sie zu prüfen. Sie vertraut niemandem. Das war für mich das Entscheidende. Sonst hätte ich das auch gar nicht spielen können.

Sie geben sehr viel von sich preis. Macht Ihnen das keine Angst?

Ich muss der Figur gerecht werden. Und da muss ich dann mein Ego und mein eigenes kleines Leben beiseitestellen, weil ich Teil von etwas Größerem bin. Das ist dann die Magie! Ich wollte der Figur in ihrer Komplexität gerecht werden. Nacktheit gehört für mich zum Menschen dazu, und Helen agiert ja aus existenziellen Nöten. Sie ist ein Scheidungskind, das sich nach Harmonie und Familie sehnt. Wir bleiben doch irgendwie immer Kinder unserer Eltern, egal wie alt wir sind.

Sie sind 27, sehen aber aus wie 19. Wie machen Sie das?

(lacht) Ich schlafe viel. Keine Ahnung, woran das sonst noch liegt. Aber wenn die Leute mein Alter hören, sehen sie meistens ein zweites Mal hin. Ich bin auch noch sehr kindlich. (wedelt mit den Händen) Na, bis ich 50 bin, lerne ich vielleicht noch, mich wie eine Erwachsene zu benehmen.

Die Chemie stimmt: Carla Juri mit Bestsellerautorin Charlotte Roche.

Aufgewachsen sind Sie in Ambri, einem Bergdorf in der italienischen Schweiz. Wie kommt man von dort aus zum Schauspielstudium nach Los Angeles?

Durch den Sport. Ich habe Eishockey gespielt und meine Teenagerzeit daher teils in Amerika verbracht.

Filmpremiere

"Feuchtgebiete"

Marco Kreuzpaintner geht baden.

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Wie kamen Sie zu diesem klassischen Männersport?

Mein Heimatort hat nur 300 Einwohner, und wir lebten in 1000 Metern Höhe, weit weg von allem. Da gab es nicht so viele Wahlmöglichkeiten. Nur Eishockey und Kunstturnen.

Auf welcher Position haben Sie gespielt?

Linker Stürmer.

Gala: Inhaltsverzeichnis

Gala

Inhaltsverzeichnis

Kam es auch bei Ihren Spielen zu den üblichen Schlägereien?

Ach, ein bisschen Stupsen gehört dazu, und man knallt auch mal gegen die Bande. Aber man ist ja gut geschützt. Ich habe nur blaue Flecken abbekommen.

Sie wollten nie Sportprofi werden, sondern immer schon Schauspielerin?

Das war eher Zufall. Ich dachte zwar in Richtung Kunst, aber eher an Dichter, Maler oder Bildhauer wie Alberto Giacometti. Ich hielt mich allerdings nie für gut genug. Irgendwann habe ich dann den Film entdeckt.

Mittlerweile kündigt Charlotte Roche Sie mit den Worten an: "Man muss sich in sie verlieben!"

Hat sie das gesagt? Ich habe Charlotte erst nach den Dreharbeiten getroffen und war ganz schön nervös. Aber zum Glück mochten wir uns gleich.

Was sagt Ihre Familie im Bergdorf zu Ihrem Erfolg?

Meine Eltern sind weltoffen. Sie haben mich immer unterstützt.

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