Cannes 2012: Die Lust am großen Auftritt

Sexy, charmant, grandios: Den roten Teppich dominieren bei den Filmfestspielen in Cannes eindeutig die Frauen. Einige männliche Stars hingegen benehmen sich tüchtig daneben

Grace Kelly, ihre Großmutter, hätte es nicht eleganter machen können.

Mit raumgreifenden Schritten schwebt Charlotte Casiraghi über den roten Teppich zur Aufführung von "Es war einmal in Amerika". Im flaschengrünen Gucci-Kleid ist sie die Königin der Croisette. Ihr Cartier-Schmuck funkelt, das Publikum vor dem Film-Palast jubelt, sogar die Polizisten applaudieren. Charlotte ist als Gucci-Botschafterin hier, gefeiert wird sie aber wie eine große Filmdiva, also wie Tilda Swinton, Eva Longoria oder Naomi Watts, die dieser Tage ebenfalls allesamt die Blitzlichter von Cannes genießen. Charlotte weiß genau, dass, bei aller Freude über ihren großen Auftritt, dem Film und seinen Stars hier die größte Verehrung gebührt. Also begrüßt sie Salma Hayek formvollendet und bescheiden mit einem angedeuteten Knicks. Eine elegante Geste - very ladylike und typisch für Cannes 2012.

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"The Voice of Germany"

Das sind die Gewinner der letzten Staffeln

Tay Schmedtmann
Tay Schmedtmann gewinnt mit seinem Coach Andreas Bourani 2016 "The Voice Of Germany".
©Gala

Stil, Talent und Selbstbewusstsein faszinieren hier dieses Jahr besonders. Gerade wegen der allgegenwärtigen Geschlechterdebatte - weil die 22 Filme im Wettbewerb ausschließlich von Männern stammen - werden die starken Frauen behandelt wie Göttinnen. Allen voran Diane Kruger, geadelt durch ihre Berufung in die Jury. Wir treffen die zarte Deutsche auf der ersten großen Party, die Calvin Klein zu Ehren der Frauen in Independent- Filmen schmeißt. "Ich bin gegen die Frauenquote", kommentiert Kruger die Filmauswahl der Festivalleitung. Die Luft duftet nach Mittelmeer und Champagner- Atem, Jessica Chastain steht nur wenige Meter entfernt, Jada Pinkett Smith ebenso, und Naomi Watts fröstelt es etwas. Sie ist als Botschafterin der neuen Kosmetiklinie "Astalift" in Frankreich und weiß inzwischen auch um ihre Stärken: "Ich kann jetzt kompliziertere Frauen spielen, bin nicht mehr nur der unbesonnene Schmetterling." Ihrer Freundin Nicole Kidman, die erst Tage später in Cannes landen wird, schreibt sie zur Einstimmung auf das verrückte Treiben an der Côte d’Azur schon mal eine SMS von der Terrasse.

Kurz nach Mitternacht dann eine kleine Katastrophe: Der Champagner geht aus in der Luxusvilla St. George (Mietpreis 40 000 Euro pro Monat) im hügeligen Hinterland von Cannes. Während Jessica Chastain sich auf der Tanzfläche neben dem erleuchteten Pool zu "Ra Ra Rasputin" von Boney M. auf das wilde Leben der Côte d’Azur eingroovt, nimmt Diane Kruger ihren Freund Joshua Jackson an die Hand. Charmant nutzt sie die Gunst der Stunde, um den Abend früh zu beenden - für Cannes-Verhältnisse. Joshua folgt ihr ergeben, überhaupt sieht er seine passive Rolle an ihrer Seite mit Humor: "Ich bin der best angezogene Ellbogen, alles andere wird von den Fotos abgeschnitten." Und Diane rechtfertigt sich: "Ich muss morgen früh gleich um 8.30 Uhr ins Kino, sorry." Kein Problem, Diane treffen wir schon am nächsten Tag wieder. Jetzt ist die Jurorin als Botschafterin ihres Calvin-Klein-Dufts "Beauty" unterwegs. Müde, Frau Kruger? "Ja, ich kann in meinem Hotel überhaupt nicht schlafen, um die Ecke liegt ein Nachtklub, die haben da bis sieben Uhr morgens lauten Rave gespielt." Doch die Müdigkeit ist ihr nicht anzusehen. Die Haut ist zart und rosig, auch ohne großes Make- up, die Augen sind nur mit Mascara betont. Die Blondine sei "wunderschön", so raunen es sich auch die Zuschauer auf der Straße zu, wenn sie über den roten Teppich schreitet. Frankreich ist stolz auf die First Lady der Jury. Concealer und Sonnencreme seien ihr Wundermittel, verrät die Deutsche. Und freut sich auf ihre Aufgabe an der Seite der anderen acht Juroren: "Endlich kann ich alle Filme sehen. Das finde ich am besten!"

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Das geht wahrlich nicht allen so in Cannes. Film ist das Leitmotiv - aber dann sind da eben auch noch Charity-Partys, Sponsoren- Partys, Society-Partys. Party, Party, Party - gefeiert wird immer irgendwo, nur auf den Jachten geht es ab Freitag erstaunlich still zu: der hohe Seegang vereitelt diverse Gelegenheiten zum Champagner- trinken. Umso begehrter sind die anderen Events, etwa die Charity-Party für Haiti von Sean Penn, Petra Nemcova und Armani, "Carnival in Cannes" im Agora-Pavillon am Strand. Vor der Tür ein Menschenauflauf, drinnen Ben Stiller und Gerard Butler, die Shrimps an Pistazienschaum knuspern. Es wird leise getuschelt, dass Penn und Nemcova auch abseits der Party ein tolles Gespann sind. Sollen die beiden ruhig heimlich unterm Tisch Händchen halten, weiß doch eh tout Cannes, dass da mehr läuft. Ein Tisch mit zwölf Plätzen kostet beim Carnival 100 000 Euro, am Ende der Nacht sind 1,3 Millionen Euro mehr für Haiti da. Draußen pilgern derweil unzählige Passanten über die rot erleuchtete Croisette, die edle Meile am Meer, gesäumt von den Luxushotels "Martinez", "Majestic", "Carlton" und dem Film-Palast. Junge Mädchen mit Endlos-Beinen in Killerheels, genau wie gesetzte Herren im Smoking, dazwischen Teenies in Shirts und Flipflops. Diane Kruger: "Wir haben gleich am ersten Tag um zwei Uhr nachmittags eine nicht mehr ganz junge Dame in Jeans-Overknees gesehen, da haben wir sehr gelacht. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich auch mal vom roten Teppich wegzudrehen. People watching ist super hier."

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Der große Glamour und die kleinen Skandälchen jedoch, die spielen sich ganz klar in den Hotels ab. Etwa der Kampf um den schönsten Schmuck. Tausende von Karat werden dieser Tage durch Cannes getragen, und Jane Fonda ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es sich lohnt, als Erste an die schwere und von Bodyguards gut gesicherte Tür der Chopard-Suite im siebten Stock des "Martinez"-Hotels zu klopfen. Chopard-Chefin Caroline Scheuffele verleiht hier Preziosen an die Stars. "Wir hatten noch nicht einmal die ganze Kollektion ausgepackt, da wollte Jane schon für die ganze Woche aussuchen", so Scheuffele. Wer nicht anklopfen musste, war Model Eva Herzigova, die Marken-Botschafterin bekam als Erste ihr Collier, gedacht als Hommage an Marilyn Monroe (277 Diamanten, 780 Arbeitsstunden, Wert 1,8 Millionen).

Cannes 2012

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Es sind nach wie vor die Frauen, die Cannes zum Hochkaräter unter den Festivals machen. Da mag Sacha Baron Cohen noch so lange auf seiner Promo-Tour als "The Dictator" auf einem Kamel umherreiten. Oder Bill Murray im "L.Raphael"-Spa den Entertainer geben, Chefin Ronit Raphael erzählte: "Erst hörte ich ein Opernsingen, dann kam er hereingetanzt und nahm alle meine Mitarbeiterinnen auf den Arm." Fazit der ersten Woche: Die weiblichen Stars überzeugten mit Klasse, viele Männer benahmen sich eher wie auf einer Klassenfahrt. Roland Rödermund, Andrea Schumacher

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