Bill + Tom Kaulitz: "Wir brauchen keinen Therapeuten!"

Sie führen Selbstgespräche, wenn der andere nicht da ist, und sie wollen ihr Leben lang zusammenwohnen. Ungewöhnlich für zwei 23-Jährige. "Gala" begegnete Deutschlands schillerndstem Zwillingspaar, den "DSDS"-Juroren Bill und Tom Kaulitz

Bill und Tom Kaulitz

Bill und Tom Kaulitz sind eineiige Zwillinge. Immer wieder schwer zu glauben. Statt zwei genetisch identischer Menschen scheint man zwei Jungs vor sich zu haben, die unterschiedlicher nicht sein können. Eine optische Täuschung. Denn sobald beide den Mund aufmachen, spricht man mit ein und derselben Person. Selbst dann, wenn sie komplett unterschiedlicher Meinung sind ...

Kommenden Monat endet Ihr Juroren-Job bei "Deutschland sucht den Superstar". Was dann?

Tom: Wir werden uns wieder ausschließlich um unsere Musik kümmern. Dass wir 2010 nach Los Angeles gezogen sind und eine Auszeit genommen haben, hatte zwei Gründe. Zum einen war es für uns in Deutschland unmöglich geworden, ein privates Leben zu führen, und zweitens wollten wir in Ruhe an unserem neuen Album arbeiten. Wir hoffen, wir werden dieses Jahr noch fertig. Die Songs stehen, jetzt geht es in die Endproduktion.

2005 schossen Gustav, Tom, Sänger Bill und Georg mit dem Song "Durch den Monsun" von null auf eins der deutschen Charts.

Schauspielerin Gwyneth Paltrow sagt: "Menschen bleiben immer so alt, wie sie waren, als sie berühmt wurden." Richtig?

Tom: Da ist was dran. Ich denke oft, dass ich mich nicht großartig verändert habe. Ich habe immer noch den gleichen Humor und mache die gleichen dummen Witze. So gesehen ist man schon ein bisschen stehen geblieben. Andererseits haben wir unfassbar viel dazugelernt, vom Umgang mit Angestellten bis zum Funktionieren des Musikgeschäfts.

Viele Teen-Stars entwickeln sich zu verzogenen Nervensägen, die mit ihrer Selbstherrlichkeit die Umwelt terrorisieren - siehe Justin Bieber. Wer darf noch Nein zu Ihnen sagen?

Bill: Ich würde mir wünschen, es gäbe niemanden. Es ist aber so, dass wir immer noch extrem viel Gegenwind kriegen. Die meisten Leute um uns herum kennen wir schon seit sieben, acht Jahren. Die hören nicht auf, uns die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, bloß weil uns heute mehr Menschen kennen als früher. Oft denke ich, dass unser Umfeld fast schon zu kritisch ist, weil Tom und ich dauernd in der Position sind, uns verteidigen zu müssen.

Robbie Williams wurde wie Sie mit 15 Jahren entdeckt. Er sagt: "Ruhm vergrößert deine Empfindlichkeiten, er verstärkt deine Schwächen, und er offenbart die unheimlichsten Seiten deines Charakters."

Bill: Das ist so. Eine Karriere vergrößert deine Stärken und verstärkt deine Schwächen. Ich war schon immer ein extremer Perfektionist, aber inzwischen ist es so weit gekommen, dass ich richtig Panik schiebe, wenn eine Sache nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Diese Panik ist oft so intensiv, dass ich nachts nicht mehr schlafen kann. Mir muss wirklich niemand Druck machen. Den mache ich mir schon selber.

Tom: Ich bin dermaßen detailverliebt, dass ich genau wissen muss, wie der nächste Tag aussieht. Wenn etwas Außerplanmäßiges eintritt, ist das für mich eine mittlere Katastrophe. Ich wünschte, ich könnte sagen: "Okay, was soll’s, lassen wir den Tag doch einfach mal auf uns zukommen." Das schaffe ich aber nicht. Hinzu kommt, dass ich mich manchmal frage, ob es noch gesund ist, dass ich den ganzen Tag lang mit mir selbst rede, wenn ich mal von Bill getrennt bin. Diese andauernden Selbstgespräche stressen mich total, weil ich nicht weiß, ob das in so eine seltsame Richtung abdriftet.

Wie haben sich die Jahre abseits des Pop-Rummels angefühlt?

Bill: Das Seltsame ist, dass ich gar nicht sagen kann, ob es schwieriger ist, mit dem Ruhm zu leben oder ohne ihn. Nach zwei Jahren Rückzug habe ich jetzt wieder das Verlangen loszulegen. Wenn ich dann aber die ersten Fotografen sehe, denke ich: Scheiße, vielleicht brauche ich doch noch ein Jahr länger Pause. Auf der einen Seite will ich in Ruhe gelassen werden, auf der anderen Seite will ich natürlich mit der Band erfolgreich sein. Aber so sind Menschen, sie wollen immer das, was sie gerade nicht haben.

Führt Ihr Leben im Goldfischglas dazu, dass Sie selbst beim Pinkeln noch posieren?

Tom: Bei Bill ist das so. Bei mir nicht.

Bill: Ich kann nicht anders: Sobald ich ein Fotohandy sehe, werde ich paranoid und falle in ein bestimmtes Verhaltensmuster. Selbst wenn bei Familienfesten Fotos gemacht werden, bin ich unentspannt, weil ich genau weiß, irgendwo werden diese Bilder auftauchen. Ein Blitzlicht bedeutet für mich: Pass auf, du bist im Job!

Tokio Hotel lösten eine Hysterie aus - erst in Europa, später in den USA und Asien.

Wem würden Sie pro Stunde mehr bezahlen: einem Automechaniker oder einem Psychotherapeuten?

Bill: Einem Automechaniker. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ob mir eine Psychotherapie vielleicht mal ganz guttun würde, aber irgendwie glaube ich nicht so richtig an Therapeuten. Ich bin keiner, der durch die Gegend rennt und nicht mitkriegt, welche Probleme er hat. Ich weiß ziemlich gut, was mit mir los ist. Aber mein Gefühl ist, wenn ich selbst schon meine Probleme nicht lösen kann, dann kann das auch kein Anderer.

Tom: Vielen Leuten hilft es, sich einem Therapeuten mitteilen zu können. Wir brauchen das nicht, weil wir als eineiige Zwillinge ohnehin den ganzen Tag miteinander sprechen. Ich bin Bills Therapeut und er ist meiner. Deshalb fällt es mir auch so auf, wenn er nicht da ist. Dann muss ich mir meine Gedanken selber erzählen.

Bill: Es kann niemand nachvollziehen, dass wir jeden unserer Gedanken sofort dem Anderen mitteilen müssen. Alles, was im Kopf vorgeht, wird sofort ungefiltert rausgelassen. Das machen normale Menschen nicht mal bei der eigenen Mutter oder dem ältesten Freund.

Tom: Wenn wir miteinander sprechen, ist das wie ein Furz - es kommt alles direkt raus. Für Leute, die uns zuhören, ist das ganz schön krass. Weil wir alles übereinander wissen, sind wir uns so unbeschreiblich nah. Es hat schon etwas Übersinnliches, dass wir fast immer die gleichen Gedanken haben. Eigentlich bräuchten wir über¬haupt nicht miteinander zu reden. Wir wissen schon alles über den Anderen.

Bill + Tom

Deshalb die Auszeit

Bill + Tom Kaulitz: Deshalb die Auszeit

Treibt es Frauen in den Nervenzusammenbruch, dass sie bei Ihnen stets das Gefühl haben müssen, die Nummer zwei zu sein?

Tom: Wir sind auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig, weil wir immer im Doppelpack kommen. Wir werden wahrscheinlich unser Leben lang zusammen wohnen und so ziemlich alles zusammen machen. Auf diese Intimität nicht eifersüchtig zu sein, ist für einen Partner extrem schwierig.

Viele eineiige Zwillinge empfinden ihre Symbiose auch als Qual und liefern sich mörderische Szenen, weil sie weder miteinander noch ohne einander können. Empfinden Sie Ihre Intimität zuweilen als Terror?

Bill: Nein. Diesen Gedanken hatten wir noch nie. Ich kann mich noch nicht mal in die Vorstellung hineinversetzen, längere Zeit von Tom getrennt zu sein.

Robbie Williams lebt seit 2002 in Los Angeles. Er sagt: "Es ist in L. A. fast unmöglich, sich zu verlieben, weil die Frauen dort so gottverdammt neurotisch sind. Bei ihrem Gestörtsein entwickeln sie wirklich übermenschliche Kräfte. Fast jede dieser Zicken ist eine Supermacht der Neurosen." Teilen Sie seinen Eindruck?

Tom: Es gibt in L. A. diese typischen Ego-Freaks, bei denen das meiste an ihrer Persönlichkeit Fake ist. Ich habe aber das Gefühl, dass dieser Typ Frau international geworden ist. Den kann man in jeder Stadt finden, wenn man Pech hat.

Angenommen, Sie entdecken in einem Coffeeshop in Los Angeles eine Frau, die Sie interessiert. Wie stellen Sie sich vor?

Bill: Es ist ein typisches L.A.-Ding, dass die Leute dir sofort unglaublich viel über sich erzählen. Jeder macht angeblich etwas ganz Besonderes und hat ein tolles Leben. Tom und ich fallen dadurch auf, dass wir so gut wie nichts von uns erzählen. Wenn die Leute dann doch mal fragen, was wir beruflich so machen, spiele ich das total runter. In L. A. ist Understatement ein Downer. Deshalb erzählen die Leute sofort wieder Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Mir ist das sehr recht.

Tom: Wenn man sich in L. A. in einem Fitnessstudio anmeldet, muss man in dem Aufnahmeformular seinen Beruf angeben. Wir gucken uns dann an und fragen uns, was realistisch klingen könnte. Wenn wir "Student" hinschreiben, kapieren die Leute schnell, dass das nicht sein kann und fragen: "Wie könnt ihr als Studenten mit so einer fetten Karre durch die Gegend fahren? Seid ihr Millionärskinder?"

Und noch mal Robbie Williams: Er erzählt, dass es in Deutschland zwei Sorten Groupies gebe: "Die einen wollen beim Sex ein Foto machen, um ihren Freundinnen einen Beweis präsentieren zu können. Die anderen fragen beim Sex: 'Robbie, sind deine Gefühle für mich wirklich echt?'" Machen Sie ähnliche Erfahrungen?

Tom: Ich kann bestätigen, dass Groupie-Frauen relativ schnell wissen wollen, ob meine Gefühle für sie wirklich echt sind. Das ist aber nicht nur in Deutschland so. Ich finde, bei Groupies kommt es darauf an, wie du die klargemacht hast. Frauen, die schwer zu knacken sind, verspricht man viel. Das sind dann die Kandidaten, die fragen, ob man auch wirklich ernsthafte Gefühle für sie hat. Bei der Antwort auf diese Frage habe ich nicht oft geschummelt, weil ich diese Nummer schon ziemlich heftig finde. Ich gehe den Mittelweg. Ich sage nie, das ist sowieso nur für eine Nacht, gebe der Frau aber auch nie das Gefühl, es könnte mehr werden.

"Ich vermisse es schon, jemanden zu lieben." Bill

Wie reagieren Sie, wenn eine Frau beim Sex ein Beweisfoto für ihre Freundinnen machen möchte?

Tom: Bei so was würde ich im Leben nicht mitmachen. Bei uns war es immer so, dass die Frauen vorher informiert wurden, dass sie keine Fotos machen dürfen. Das war allen sonnenklar. Ganz früher mussten die Mädchen ihre Taschen und Jacken vorher bei den Security-Leuten abgeben und quasi schon halbnackt in den Raum kommen.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen morgen eine Frau sagt, sie sei von Ihnen schwanger?

Tom: Das kann nicht passieren. Ich habe seit längerer Zeit eine feste Freundin und bin deshalb frauenmäßig nicht mehr unterwegs.

Bill: Es hat sich so Einiges geändert. Am Anfang unserer Karriere mussten wir viel mehr Autogramme schreiben. Heute wollen die Leute das gar nicht mehr. Wenn Leute mich fragen, ob sie ein Foto machen dürfen, und ich sehe gerade total beschissen aus, sage ich: "Seid nicht böse, heute bitte keine Fotos. Ich kann euch aber was unter¬schreiben." Dann antworten die: "Nein, danke." Wer heute ein Newcomer-Star ist, kann es sich schenken, Autogrammkarten drucken zu lassen. Autogramme sind komplett out.

Tom: Beim Fotografieren sind die Leute meistens so aufgeregt, dass sie ihre Kameras nicht anbekommen und zu zittern anfangen. Wenn ich das sehe, werde ich auch total nervös.

Bill: In solchen Situationen sind wir beide extrem schlecht, weil wir überhaupt nicht smalltalken können. Ich bewundere es, wenn Fremde aufeinander treffen und einfach mal locker ein paar Bemerkungen hin und her werfen. Wenn ich jemand Fremdes treffe, wird die Situation immer unangenehm. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und der Andere meist auch nicht. Dann ist Totenstille. Auf Englisch kann ich viel besser smalltalken, weil es mehr Floskeln gibt. Auf Deutsch ist immer alles gleich so bedeutungsschwer.

Wann haben Sie das letzte Mal zu einem Menschen "Ich liebe dich" gesagt?

Bill: In der Schule habe ich diesen Satz ohne viel nachzudenken zu Freundinnen gesagt - aber gemeint habe ich es nie. Es ist ein paarmal vorgekommen, dass ich mich in jemanden verguckt habe, aber das war nichts wirklich Ernsthaftes. Ich habe bis heute niemanden gefunden, zu dem ich sagen kann: "Ja, ich liebe dich, und das meine ich aus vollem Herzen." Bei den Familienmitgliedern ist das natürlich was anderes.

Tom: Mir sagt er täglich, dass er mich über alles liebt.

Gala

Inhaltsverzeichnis

Gala: Inhaltsverzeichnis

Viele Künstler kommen mit Selbstliebe aus. Fehlt Ihnen wirklich etwas, Bill?

Bill: Ich vermisse es schon, jemanden zu lieben - aber was heißt vermissen? Es ist natürlich nicht so, dass ich jeden Tag auf der Suche bin und voller Unglück denke: Oh, ich Armer, ich habe die große Liebe immer noch nicht gefunden. Das Ding ist, Menschen sind einfach dafür gemacht, mit jemandem zusammenzusein. Ich glaube, es gibt niemanden, der ernsthaft sagen kann, er sei gerne Single. Das halte ich für eine Lüge.

Tom: Manche Leute haben richtig Mitleid mit dir und sagen: "Der ist schon so lange allein. Wie deprimiert muss er sich fühlen." Die vergessen, dass du ja Gott sei Dank nicht dieses traurige Leben führst, von wegen alleine wohnen und alleine zur Arbeit gehen.

Bill: Genau. Die erste und oberste Beziehung ist immer die, die wir miteinander haben. Alles andere kommt sowieso erst an zweiter Stelle.

Von Goethe heißt es, er habe mit 39 Jahren zum ersten Mal Sex gehabt.

Bill: Wow! Dann fühle ich mich noch besser.

„DSDS“-Finale

Siegersong aus der Feder von Tom und Bill Kaulitz?

„DSDS“-Finale: Siegersong aus der Feder von Tom und Bill Kaulitz?
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