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"And Just Like That …" Warum sollen Frauen über 50 keinen Sex mehr haben?

"And Just Like That ..." macht die Sexualität von Frauen ab 50 zum Witz
"And Just Like That ..." macht die Sexualität von Frauen ab 50 zum Witz.
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / imago images
"And Just Like That …" versucht sich dem Zeitgeist anzupassen – und bleibt dabei so konservativ wie vor bald 20 Jahren.

Mit "And Just Like That …" wurde die bekannte und enorm erfolgreiche Serie "Sex and the City" fortgesetzt. Viel hat sich verändert im Leben der Hauptfiguren Carrie (Sarah Jessica Parker, 57), Charlotte (Kristin Davis, 57) und Miranda (Cynthia Nixon, 56) – und auch New York City ist nicht mehr die Stadt, die sie Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre war, in der die Originalserie spielte. Alles ist bunter, "woke" – und abstinent.

"And Just Like That …" ist vollgestopft wie Carries Kleiderschrank

"And Just Like That ..." richtet den Fokus auf viele, viele Dinge zugleich – und verliert sich dadurch in Teilen
"And Just Like That ..." richtet den Fokus auf viele, viele Dinge zugleich – und verliert sich dadurch in Teilen
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / The Hollywood Archive / imago images

Die HBO-Serie "Sex and the City" legte damals einen Grundstein nach dem anderen: Frauen im Mittelpunkt der Handlung, über 30 und – Gott bewahre – noch immer unverheiratet, im Job erfolgreich, intelligent, charmant, unabhängig.Figuren wie Miranda und Samantha (Kim Cattrall, 66, die nicht für die Fortsetzung zur Verfügung stand) waren Paradebeispiele für Frauen, die beruflich erfolgreich sein und lieben durften, wen und sooft sie wollten.

Doch in "And Just Like That …" bleibt von der Prämisse des Originals nicht viel übrig – zu viel musste "woken" Momenten weichen, wie der Geschlechtsidentität von Charlottes Kind oder nichtbinären Personen wie Che (Sara Ramírez, 47). Das ist einerseits wundervoll und wichtig: "Sex and the City" war sicherlich ein Produkt seiner Zeit, aber eben auch eine kapitalistische, queerfeindliche, rassistische Fantasiewelt, in der die Hauptfiguren allesamt reich, schön, hetero, weiß, und gleichermaßen privilegiert wie unreflektiert darüber waren.Seinen absurden Höhepunkt fand das ganze Schauspiel mit dem Film "Sex and the City 2", nachdem es sehr lange ruhig um die Serie wurde.

Andererseits werden all diese wichtigen Themen in "And Just Like That …" aufgrund ihrer schieren Masse höchstens oberflächlich angekratzt: Ein Satz des eigenen Kindes wie "Ich fühle mich nicht wie ein Mädchen" würde unter anderen Umständen eine ganze Serie füllen – hier war er nur eine Randnotiz. Genau wie Mirandas Alkoholkrankheit oder die Beziehungen der drei (beziehungsweise nach Folge 1 nur noch zwei) Hauptfiguren mit ihren Ehemännern.

Die Sexualität einer Frau über 50 scheint nur die Pointe eines Witzes zu sein

"I couldn't help but wonder" ... haben Frauen ab 50 etwa keinen Sex mehr?
"I couldn't help but wonder" ... haben Frauen ab 50 etwa keinen Sex mehr?
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / imago images

Im Online-Magazin "The Conversation" schreibt Debra Dudek über die fehlende Repräsentation vom Sexualleben der Frau über 50: "Ältere Frauen werden als asexuell dargestellt oder dass sie Sex hinter sich hätten." Tatsächlich ist die Frau ab 50 schon für sich eine Seltenheit in Hollywood-Produktionen: Laut einer Studie macht sie in der US-Bevölkerung einen Anteil von 20 Prozent aus, wird allerdings nur zu 8 Prozent in Film und Fernsehen dargestellt und wenn, dann oftmals in ihrer Rolle als Mutter. Sicherlich aber nicht als Mensch, der sexuelle Begierden hat und diese auslebt.

Das fortgeschrittene Alter sei die bei weitem "größte menschliche Entwicklungsperiode, die von Missverständnissen und Stereotypen geplagt wird, die durch unaufhörliche Witze am Leben erhalten werden", schreibt Dudek weiter. Und das Geschlecht, das die meisten Witze über sich ergehen lassen müsste, sei das der Frau. 

Schon fast ironisch ist es dann, dass sie in ihrem Artikel ausgerechnet "And Just Like That …" als positives Gegenbeispiel nennt: Eine Serie, deren Hauptfiguren in den 50ern sind und die mit Klischees und "Witzen" aufräumen kann. Aber tut sie das?

"Also keinen Sex für dich? Nie wieder?"

Schon "Sex and the City" wurde dem eigenen Titel damals nur bedingt gerecht: Laut einer Analyse von "Ceros" gab es in sechs Staffeln insgesamt 96 Sexszenen – die meisten davon hatte Samantha, dicht gefolgt von Miranda. Das Schlusslicht stellte Carrie dar. In "And Just Like That …" hat Miranda Sex mit Che und nutzt diese Begegnung später als Vorlage für ihre Selbstbefriedigung mit einem Vibrator. 

Und mal wieder wird die Sexualität einer Frau zur Lachnummer gemacht:Die Szene zeigt eine Frau, die nach unbefriedigten Jahren ein sexuelles "Neuerwachen" hat, die an der Ehe mit ihrem Mann und den Entscheidungen im Leben zweifelt … Und dann ist sie doch nur eine Lachnummer, als Mirandas Sohn anklopft und ihr ein Gespräch aufzwingt, nicht wissend, wobei er seine Mutter gerade stört. Wie … witzig?

Mr. Big (Chris Noth, 67) verabschiedet sich glücklicherweise schon nach der ersten Folge. Dass er und Carrie überhaupt noch ein Sexleben hatten, wird lediglich angedeutet. Für Charlotte und ihren Ehemann Harry (Evan Handler, 61) gibt es zumindest den Versuch eines intimen Moments, der dann doch nur wieder für einen pubertären Witz genutzt wird. 

Im Laufe der Serie fragt Miranda ihre Freundin Carrie: "Also keinen Sex für dich? Nie wieder?" Und ich konnte nicht anders als mich zu fragen: Meint sie damit Carrie oder jede Frau der Welt ab 50? Schon "Sex and the City" war – die Prämisse im Hinterkopf – überraschend konservativ. Doch auch bald 20 Jahre später hat "And Just Like That …" bei allen Anpassungen und Auseinandersetzungen mit dem aktuellen Zeitgeist erschreckend wenig dazugelernt.

Verwendete Quellen: harpersbazaar.com, mediasmarts.ca, theconversation.com, womensmediacenter.com, hollywoodreporter.com, time.com, seejane.org, ceros.com

Gala

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