VG-Wort Pixel

"Bridgerton" Wie historisch akkurat die Serie wirklich ist

"Bridgerton": Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor)
Die Netflix-Serie "Bridgerton" hat nicht den Anspruch, historisch akkurat zu sein.
© Cinema Publishers Collection / Liam Daniel /Netflix / The Hollywood Archive Los Angeles CA / imago images
"Bridgerton" mag ein historisches Drama sein – doch mit der Genauigkeit ist es bei der beliebten Netflix-Serie so eine Sache. An mehr als einer Stelle hat man sich künstlerische Freiheiten erlaubt.

"Bridgerton", die Netflix-Serie, um die man Ende 2020 kaum herumkam, geht am 25. März in die zweite Staffel. Grund genug also, sich die erste noch einmal genauer anzuschauen. 

Die Serie spielt im 19. Jahrhundert in Großbritannien und bedient sich gerade ästhetisch einiger Dinge aus dieser Periode, unter anderem in puncto Kleidung und Erziehung – insbesondere der weiblichen Figuren. Doch während sich andere Serien und Filme, wie beispielsweise "Band of Brothers: Wir waren wie Brüder" und "The King’s Speech – Die Rede des Königs" mit geschichtlicher Akkuratesse rühmen, nimmt es "Bridgerton" damit – beabsichtigt – nicht ganz so genau.

"Bridgerton" ist diverser als es Großbritannien zu dieser Zeit war

In der ersten Staffel drehte sich die Kernhandlung um die Liebesgeschichte zwischen Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor, 26) und dem Herzog Simon Basset (Regé-Jean Page, 33) – nebenbei wurde so manches Drama aus dem Leben der zahlreichen restlichen Bridgerton-Geschwister thematisiert.

Die Netflix-Serie beruht auf der gleichnamigen Buchreihe von Autorin Julia Quinn, 52. Viele Jahre später kam "Bridgerton" auf die Streaming-Plattform und wurde dort ein riesiger Erfolg – wenn auch der:die ein oder andere Kritiker:in anmerkte, dass die Schauspieler:innen in ihrer Diversität kein realistisches Bild von England im 19. Jahrhundert darstellten. In einem Gespräch mit Entertainment erinnert die Autorin Quinn daher daran, dass "Bridgerton" keine Geschichtsstunde, sondern eine Serie für ein modernes Publikum sei und verteidigte den Cast. 

Kritik an der Rolle von Königin Charlotte

Besonders die Rolle von Königin Charlotte, gespielt von Golda Rosheuvel, 52, stand unter diesem Gesichtspunkt in der Kritik. Zwar gibt es Theorien, nach denen die britische Royal tatsächlich von schwarzen Menschen (nämlich Margarita de Castro e Sousa, einem Mitglied der portugiesischen Königsfamilie) abstamme, nicht wenige Historiker:innen bezweifeln allerdings, dass diese (Jahrhunderte zurückliegenden) Vorfahren Einfluss auf die Hautfarbe der Königin gehabt hätten.

"Bridgerton" bietet eine "alternative Geschichte"

Tatsächlich nutzt "Bridgerton" jedoch genau das als Katalysator für eine "alternative Geschichte" – eine, in der Hautfarbe keine große Rolle mehr spielte. In der vierten Folge diskutieren Lady Danbury (Adjoa Andoh, 59) und der Herzog die Liebe und wozu sie in der Lage ist. Danbury sagt hier:

Schau dir unseren König an. Sieh dir ihre Ehe an und alles, was sie für uns tut, was sie uns erlaubt, zu werden. Wir waren zwei unterschiedliche Gesellschaften, getrennt von Farbe, bis ein König sich in eine von uns verliebte. Die Liebe besiegt alles.

Dabei muss klar gesagt werden, dass die reale Welt, fern von romantischen Filtern und alternativen geschichtlichen Entwicklungen, alles andere als divers war. Im London des Jahres 1813 war die Aristokratie sehr wohl getrennt nach Hautfarbe und der Sklavenhandel noch lange nicht abgeschafft und würde es auch erst 15 Jahre nach dem Tod der Königin, im Jahr 1833, sein, wie Marlene Koenig, Expertin der britischen und europäischen Königsfamilie in einem Interview mit Insider berichtet. "Diversität wie wir sie heute definieren, existierte nicht", so Koenig.

Historisch gesehen mag die Casting-Entscheidung zu kritisieren sein – gesellschaftlich war sie ein wichtiges Zeichen. Die Serie würde People of Color die Türen in Periodendramen öffnen, die mehr spielen wollen als die "erniedrigende Diener- oder Sklavenrolle", schreibt The Huntington News. Auch Schauspielerin Dynevor verteidigt die Casting-Entscheidungen im Gespräch mit "Grazia" und nennt sie "perfekt". Großartige Menschen seien für großartige Rollen gecastet worden – nicht mehr und nicht weniger.

Die Kostümdesignerin hatte nicht Akkuratesse im Fokus

Nicht nur beim Cast hatten die Macher:innen von "Bridgerton" weniger den Fokus auf geschichtliche Genauigkeit – auch bei den Kostümen, die für das Laienauge vielleicht der Zeit entsprechend aussehen mögen, wurde sich einiger kreativer Freiheit bedient. Eben auch hier mit Methode, wie Designerin Ellen Mirojnick, 72, im Interview mit Slate verriet. "100 prozentig historisch korrekt zu sein war nie unsere Agenda", gibt sie offen zu.

Wir erzählen eine wundervolle Geschichte und hoffen, dass [die Zuschauer:innen] ihre Vorstellungskraft nutzen, während wir sie erzählen

Ihr Job als Designerin sei es, der Vision des:der Regisseur:in gerecht zu werden, wobei etwaige Kritik von Historiker:innen oder gar anderen Designer:innen für sie an zweiter Stelle stehen würde, macht Mirojnick klar.

Die Schauspieler:innen brachten eigene Freiheiten in ihre Rolle

Selbst die Darsteller:innen in "Bridgerton" hatten sich eher einer glaubwürdigen Darbietung ihrer Figur verschrieben, denn einer geschichtlichen Genauigkeit. Für die teils bombastischen Frisuren der Charaktere in "Bridgerton" war Marc Pilcher, †53, verantwortlich, Make-up- und Hair-Artist. Wie er im Interview mit "Insider" verriet, war der Dreitagebart, welchen die Figur Simon Basset mit einem enormen Sexappeal zu tragen wusste, die Idee seines Darstellers Page. "Auch wenn es technisch gesehen nicht korrekt ist, dass ein Mann mit seinem Vermögen einen Dreitagebart tragen würde", so Pilcher.

Und Page war nicht der Einzige, der Entscheidungsgewalt über das Aussehen seiner Figur hatte: Auch die Darstellerin von Lady Danbury, Andoh, wusste ganz genau, was sie will. "Sie war sehr entschlossen darüber, wie [Lady Danbury] ihrer Meinung nach auszusehen hat", erzählte der Artist. "In ihren Augen ist Lady Danbury eine Beobachterin des Raumes und sie wollte keine Effekthascherei. Sie wollte keine Locken."

"Bridgerton" macht historisch auch vieles richtig

Nun soll es nicht so wirken, als würde historische Genauigkeit keinerlei Bedeutung für die beliebte Netflix-Serie haben – schließlich hätte sie dann auch zu jeder anderen Zeit spielen und der zeitliche Kontext nichts weiter als nette Dekoration sein können. Prinz Friedrich von Preußen war beispielsweise ein ferner Verwandter von Königin Charlotte und hat zu jener Zeit gelebt. Und während die Bridgerton- und Featherington-Geschwister nahezu verzweifelt auf der Suche nach einem passenden Mann von gutem Stande sind, gab es auch zu jener Zeit schon Frauen, wie die Schneiderin Genevieve Delacroix (Kathryn Drysdale, 40), die finanziell auf eigenen Beinen standen. Denn tatsächlich war es im 19. Jahrhundert auch Frauen möglich, gewissen Berufen nachzugehen und unabhängig zu sein – wenngleich es nicht sonderlich hoch angesehen war.

Auch der bedauernswerte psychische Zustand von König George III ist korrekt: Was genau zum mentalen Zusammenbruch des Monarchen führte, ist zwar nicht genau bekannt, Historiker:innen vermuten allerdings, dass der frühe Tod seiner jüngsten Tochter, Prinzessin Amelia, ein Auslöser war.

Besonders spannend: Lady Whistledown mag eine fiktive Figur sein – doch eine "Klatschzeitschrift", die die Skandale der High Society aufdeckt, gab es bereits lange vor 1813. "The Female Tatler", angelehnt an der Zeitschrift "Tatler" aus England, die von Richard Steele veröffentlicht wurde, war ein sehr beliebtes Blatt, das von Frauen (nicht nur) für Frauen geschrieben wurde. Bis heute ist es bekannt, obwohl es nur ein Jahr lang im Umlauf war (1709 bis 1710).

Letztlich machen alle Beteiligten von "Bridgerton" eins klar: Es ist eine Serie, keine Dokumentationsreihe. Ein Drama, keine Geschichtsstunde. Eine Romanze, keine graue Realität. Die Netflix-Serie bricht mit der Geschichte und unserer aller Vergangenheit an Stellen, die wichtig sind (Stichwort: Diversität) und sieht nicht so genau hin, wo es ohnehin für die Handlung kaum eine Bedeutung hat (Stichwort: Kleidung). Und tut am Ende das, wofür viele Fans reinschauen: sie unterhält. Und an ein oder anderer Stelle bildet sie sogar; zumindest ein wenig.

Verwendete Quellen: ew.com, insider.com, history.com, slate.com, graziadaily.com, huntnewsnu.com, living.alot.com

Gala

Mehr zum Thema

Gala entdecken