David Garrett: "Tief graben muss ich da nicht"

David Garrett, erfolgreichster Crossover-Violin-Star der Gegenwart, hat sich auf neues Terrain gewagt: In seiner ersten Kinorolle spielt er Niccolò Paganini. Was verbindet ihn mit dem "Teufelsgeiger"?

Er gilt als Rampensau und Frauenschwarm. Doch er ist keiner von der lauten Sorte. Bei der Begegnung mit "Gala" im Berliner "Ritz-Carlton"-Hotel wirkt David Garrett vor allem höflich - und introvertiert. Zunächst schaut er auf den Boden, erst dann hebt er den Blick. Man hat den Eindruck, der 33-Jährige ist gewappnet. Gegen alles, was von außen kommt. Seit mehr als 20 Jahren steht er auf der Bühne und damit in der Öffentlichkeit. Mit vier Jahren bekam er seine erste Geige, mit zwölf den ersten Plattenvertrag. Jetzt zeigt er eine neue Seite: David Garrett hat einen Film gemacht. "Ein Herzblutprojekt", wie er zu "Gala" sagt. Mit einer Geschichte, die Parallelen zu seiner eigenen zeigt.

Unangepasst, wild, diabolisch - und musikalisch brillant: Im Film "Der Teufelsgeiger" (ab 31. Oktober) spielt David Garrett den Virtuosen Niccolò Paganini (1782 bis 1840). Der erste Geigen-Solist der Musikgeschichte wurde gefeiert und gefürchtet, weil sein Spiel als überirdisch galt.

"Der Teufelsgeiger" beschreibt den dramatischen Karriere-Höhepunkt des Italieners Niccolò Paganini, der die Musikwelt Anfang des 19. Jahrhunderts als erster Geigen-Solist aufmischte. Vom zum Üben gezwungenen Wunderkind wird Paganini zum gefeierten Mega-Star. Genau wie David Garrett, dessen Vater ihn schon früh extrem fördert und fordert. Doch im Gegensatz zu Paganini - der sich im Film zwischen falschen Freunden, großen Gefühlen und harten Drogen verliert - hat Garrett gelernt, mit Talent und Ruhm umzugehen. Der Wunderkind-Karriere folgten bei dem 1,92-Meter-Mann internationale Engagements als Model und eigene Arrangements bekannter Popsongs. Er hat sein persönliches Metier kreiert: Weltweit begeistert er mit ebenso massentauglichen wie virtuosen Interpretationen von Brahms und Beethoven, aber auch mit Klassikversionen von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" oder Queens "We Will Rock You". Die Ideen gehen ihm nie aus.

Einige Werke stellt Garrett parallel zum Film auf dem neuen Album "Garrett vs. Paganini" (Universal) vor. Die Platte ist mehr als ein Soundtrack: "Zu hören sind auch Komponisten, die Paganini beeinflusst haben oder von ihm inspiriert wurden".

Die Idee zum Film hatte er vor drei Jahren. Auch an der Umsetzung war er maßgeblich beteiligt. Er hat die Musik überarbeitet, er hat das Drehbuch mitgeschrieben, er spielt die Hauptrolle: den Mann, dessen verteufelt schwierige Capricen den kleinen David beim Proben zum Weinen brachten. Aufgegeben hat er trotzdem nicht. "Diese Stücke muss man spielen können", sagt er. "Nur wer Paganini technisch beherrscht, kann auftreten, ohne dabei an die Musik denken zu müssen. Nur dann kann man sich fallen lassen."

Singende Schauspieler

Diese Stars haben Musik im Blut

In der Schauspielbranche ist Kiefer Sutherland kein unbeschriebenes Blatt, wurde mehrfach für seine schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet. Doch auch musikalisch hat der 52-Jährige einiges auf Lager. 2016 brachte er das Album "Down in a Hole" auf den Markt. 
Mit seiner Band "The Jazz Kids" tritt Schauspieler Tom Schilling in Hannover auf. Es gibt sogar ein Debütalbum, mit dem Namen "Vilnius".
Überraschungsgast bei Coldplay: Chris Martin bittet plötzlich Schauspieler Michael J. Fox auf die Bühne. Gemeinsam spielen sie die Hits aus dem Film "Zurück in die Zukunft".
Im Kino ist Bruce Willis meistens dafür zuständig die Welt zu retten. Auf der Bühne beweist der Schauspieler aber auch seine musikalische Seite. Seine Platte "The Return of Bruno" beispielsweise ist mit Platin ausgezwichnet worden.

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Sich fallen zu lassen gehört für David Garrett zum Beruf. Steht er auf der Bühne, ist jede Zurückhaltung dahin. Und das funktioniert auch auf der Leinwand. Sein Spiel ist stark, die Emotionen wirken echt. In New York, wo er neben Berlin einen zweiten Wohnsitz hat, nahm der gebürtige Aachener Schauspielunterricht. Die Gefühle für seine erste Hauptrolle holte er sich aus dem Leben. "Die stecken doch im Alltag", sagt er. "Tief graben muss ich da nicht. Die Emotionen im Film passen im übertragenen Sinne zu Momenten, die ich selbst schon erlebt habe."

Dem wahren David Garrett steht das Image entgegen, das er selbst kreiert hat. Derber Silberschmuck und schwarze Boots machen ihn optisch zum Rockstar. Und mit dem melancholischen Blick, den er mal mit Kajalstift betont und mal hinter blondierten Haarsträhnen versteckt, wird er zum Frauenheld. Seine Welt ist der Beruf, seine Zeit verbringt er mehr in Hotels als zu Hause. Noch Monate, nachdem er es gekauft hatte, stand sein Berliner Apartment leer.

Gala

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Mittlerweile ist es eingerichtet. "Nur sieht es jetzt aus wie im Hotel", sagt er. "Ich bin einfach zu selten da." Bei der Frage, wie er seine Ruhepausen nutzt, muss er einen Moment überlegen. "Spazierengehen finde ich wichtig. Meistens in der Stadt. Neulich war ich nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder im Wald. Herrlich! Da habe ich einen Baum umarmt." Jetzt lacht er ganz offen und schaut seinem Gegenüber direkt in die Augen. "Echt! Das war toll."

Draußen ist es dunkel geworden. David Garrett lehnt sich auf dem Sofa zurück, er hat Rückenschmerzen - und Lust auf Feierabend. Den verbringt er mit seinem Team, es ist seine "Familie". An ein Leben mit Frau und Kindern denkt er aktuell noch nicht: "Ich habe doch meine Job-Family on the road. Wenn ich noch eine richtige dazu hätte, wäre das momentan ein bisschen viel."

Und auch eine Zweitkarriere als Schauspieler plant er nicht. "Nein, nein, nein", sagt er, schüttelt den Kopf und verfällt in seine zweite Muttersprache: "Once in a lifetime is enough!" Einmal im Leben ist genug. Was soll auch nach David Paganini noch kommen?

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