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Charlotte Roche + Oliver Berben Ruhig mal spießig sein!

Von diesen beiden hätte man solche Töne nicht erwartet: Im exklusiven "Gala"-Interview sprechen Charlotte Roche und Oliver Berben über ihre Lust an der klassischen Familie

Kichernd sitzen Charlotte Roche und Oliver Berben im Berliner "Hotel de Rome". Dabei sind die Themen, über die die Autorin und der Produzent mit "Gala" sprechen, alles andere als lustig. Es geht um Roches zweiten Roman "Schoßgebete", in dem die ehemalige Viva-Moderatorin anhand der fiktiven Protagonistin Elizabeth Kiehl ihr schlimmstes Erlebnis verarbeitet: Auf dem Weg zu Roches Hochzeit in England starben 2001 ihre drei Brüder bei einer Massenkarambolage. Ihre Mutter wurde schwer verletzt. Dass sich die beiden so entspannt über dies schwierige Thema unterhalten können, liegt an der gemeinsamen Arbeit.

Warum wollten Sie "Schoßgebete" verfilmen, Herr Berben?

Charlotte Roche: Ja, warum? (lacht)

Oliver Berben: Das Buch von Charlotte ist für mich ein Paradebeispiel, wie ein spannender Charakter gezeichnet ist - unabhängig davon, ob das eine real existierende Person ist oder nicht. Dieses Buch ist weit mehr als ein Sexroman. Für mich ist es eine Hommage an die Ehe, an die Beziehung, an Kraft, die man voneinander schöpft. Außerdem greift es auch im Kleinen in mein Leben ein: Meine Verlobte hat sich eine Heizdecke fürs Bett gewünscht - wie Elizabeth im Film.

War für Sie, Frau Roche, sofort klar, dass Sie aus "Schoßgebete" auch einen Film machen wollen?

Roche: Auf jeden Fall! Aber das Loslassen, mein Buch aus den Händen zu geben, war für mich sehr emotional. Außerdem kam ja dann noch mein traumatisches Erlebnis mit dem Unfall hinzu. Da war ich sehr aufgeregt, ob ich das psychisch verkraftet bekomme. Es gab auch mal die Überlegung, ob ich den Film überhaupt gucke, weil ich Angst davor hatte.

Wie war es dann, als Sie ihn sahen?

Roche: Es ist, was den Unfall angeht, etwas passiert, was mich eher entspannt als dass es mich verrückt gemacht hat. Ich habe dadurch gemerkt, dass das echte Leben schlimm ist - denn hier gehe ich jeden Tag mit dieser Situation um. Viele sind auf mich zugekommen und haben gesagt: "Oh Gott, das muss so schlimm sein, wenn du dich auf der Leinwand im Brautkleid siehst." Aber für mich war es einfach nur Elizabeth und nicht ich selbst!

Haben Sie mal darüber nachgedacht, selbst die Rolle der Elizabeth zu spielen?

Roche: Ich habe schon mal in einem Film mitgespielt. Und ich finde nicht, dass ich das besonders gut gemacht habe.

Berben: Ich glaube, Charlotte könnte das sehr gut. Aber ich denke auch, dass es bei dem Stoff besser gewesen ist, es jemand von außen machen zu lassen. Das war noch mal eine andere Herangehensweise an die Figur. Das heißt aber nicht, das wir nicht in Zukunft mal mit ihr vor der Kamera drehen.

Die Familie Roche war nicht begeistert, als das Buch "Schoßgebete" herauskam. Wie hat sie jetzt auf das Filmprojekt reagiert?

Roche: Meine Familie ist schon lange außen vor, was meine Arbeit angeht. Meine Arbeit insgesamt ist leider nicht für die Familie geeignet. Es gibt andere Leute, die können zu Hause stolz erzählen oder zeigen, was sie machen. Ich leider nicht!

Herr Berben, Sie haben eine innige Beziehung zu Ihrer Mutter Iris Berben. Schockt es Sie, wenn Sie in eine so extreme Familiensituation eintauchen?

Berben: Sie wollen wissen, wie ich von außen ein gestörtes Familienbild wahrnehme? Dann möchte ich Ihnen nicht erzählen, was bei mir in der Familie so los ist. (lacht) Ich glaube, dass jede Familie einen gesunden Schlag hat - das ist ja das Wunderbare.

Sie sind beide in Patchworkfamilien großgeworden. Wie hat Sie das in Bezug auf Ihre heutige Elternrolle geprägt?

Roche: Ich hatte 68er-Eltern, die sich selbst verwirklicht haben, die sind viel umgezogen, haben viel geheiratet. Meine jetzige, direkte Reaktion als Mutter darauf ist, dass man sich gefälligst am Riemen reißt. Zumindest bis die Kinder Teenager sind: gleiche Stadt, gleiche Schule! Wenn man selber 80 Jahre alt wird, kann man doch mal 13 Jahre für das Kind spießig sein!

Berben: Auch ich bin ein Kind der 68er und merke, dass man in vielen Bereichen des Familienlebens versucht, die elterliche Prägung umgekehrt auszuleben. In einer gesunden Familienfortpflanzungsgeschichte finde ich es gut, die Dinge anders zu machen, die einen in der eigenen Erinnerung gestört haben. Aber manchmal ist es einfach wunderbar, spießig zu sein.

Rebecca Schindler Gala


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