Kreative Frisuren: Der Haar-Punk

Seit über 20 Jahren beeinflusst Eugene Souleiman durch spektakuläre Stylings die internationalen Haartrends. Es ist nicht nur sein britischer Humor, der seine Kreativität befeuert. Dass ihn annähernd alles inspiriert, erlebte GALA beim Tête-à-Tête in Paris

Gretel-Zöpfe mit Fischgrat-Optik,Tory Burch Frühjahr/Sommer 2013

Als wir am letzten Tag des Pariser Modeschauenmarathons Eugene Souleiman treffen, regnet es in Strömen, und es ist ausgesprochen kalt. Trotzdem sitzt der wohl einflussreichste Hairstylist der Welt im Außenbereich eines Cafés. Er ist eben Brite. Und abgesehen davon hat der Haarkünstler die vergangenen Wochen durchgehend in abgedunkelten Backstage-Räumen in New York, London und Mailand verbracht.

Mann mit Kappe: Als Global Creative Director für Wella Professional setzt Eugene Souleiman seine ganze Backstage-Erfahrung für die Entwicklung neuer Stylingprodukte des Labels Eimi ein

Schnell stellt sich heraus, dass der 52-Jährige auch sonst meist das macht, was man am wenigsten von ihm erwartet. Bereits der Karrierestart des Hairstylisten, der inzwischen jede Saison trendweisende Looks auf den Laufsteg schickt und mit seinen Kreationen von allen großen Magazinen und Modekampagnen aufgegriffen wird, wirkt außergewöhnlich. Souleiman ist sich in keinster Weise bewusst, dass er zum Hairstylisten bestimmt ist. Er studiert Kunst in London und spielt Bass in einer Punkband. Das sogar so intensiv, dass er sein Studium vernachlässigt und deshalb von der Akademie fliegt. Daraufhin geht er, der Punk, 1982 zur Jobberatung, füllt einen Multiple-Choice-Fragebogen aus und erfährt, dass seine Begabung eindeutig in der Friseurbranche liegt. Er hört auf die Beamtin und macht eine Ausbildung als Friseur. Sein Talent wird schnell erkannt: An der Seite von Trevor Sorbie, damals die Haar-Größe bei Vidal Sassoon, lernt er das Handwerk von der Pike auf.

Zu der Zeit lernt er auch den angehenden Fashion-Fotografen Craig McDean kennen und investiert neben dem Job im Salon viel Kreativität in Fotoshootings. Aus Punk wird Grunge. Diesen Zeitgeist visualisiert er mit Craig so außergewöhnlich, dass die Fotos in der britischen "Vogue" erscheinen. Es folgen Prada- und Jil-Sander-Kampagnen. Anfang der Neunziger auch Runwaystylings bei Alexander McQueen, Yohji Yamamoto, John Galliano oder Stella McCartney.

Fashion Week Paris 2016

Highlights der Pariser Modewoche

Willow Smith bei Chanel
Kendall Jenner für Chanel
Gigi Hadid / Chanel
Karl Lagerfeld + Hudson Kroenig

72

Woher kommt dieser schier unerschöpfliche Antrieb, Saison für Saison bahnbrechende Trends zu setzen? "Ich bin ein Airhead", sagt Eugene Souleiman. "Ich bin meist nur halb anwesend, der Rest von mir lebt in meiner Fantasiewelt." Das merkt man sofort: Während des Interviews schweift sein Blick ständig ab, seine Augen laufen unruhig umher, scheinen nach Inspiration zu suchen. Souleiman erspäht einen Mann mit spiegelnder Glatze. Ob dieser Look in den nächsten Schauen auftaucht? "Keine Angst", sagt er, "ich lasse mich zwar gern von Dingen inspirieren, die andere Menschen vielleicht als schlechten Geschmack einstufen, setze sie aber nie eins zu eins um." Wie etwa bei der Spring/Summer-Show 2015 von DKNY: Hier hatte Souleiman eine Joggerin mit verschwitzten, klebenden Haaren im Kopf, schickte Models mit kunstvoll drapierten Ponysträhnen über den Laufsteg.

Verschwitze Haare für den Laufsteg (l.), gesehen bei DKNY Frühjahr/Sommer 2015. Für Yohji Yamamoto (Herbst/Winter 2014) spannt er kunstvoll ein Netz verfilzter Wollfäden um die aus Luftballons geformte Haarbeulen.

Nicht nur Menschen inspirieren ihn, auch Bilder, Federn oder andere Materialien. Für diese Fundstücke hat der "eclectic collector", wie sich der Vater von zwei Töchtern (neun und vier Jahre alt) selbst bezeichnet, einen extra Raum in seinem Haus bei London eingerichtet. Die Frage, ob er sich als Künstler sehe, verneint er. "Ich bin eher ein Scharlatan, habe manchmal Bedenken, dass jemand herausfindet, dass ich eigentlich nur rumspiele – und dafür so viel Anerkennung bekomme!" Damit meint er die verrückten Kreationen für Yohji Yamamoto, die aus einfachen Luftballons entstanden sind.

"Man darf einfach keine Angst haben, Fehler zu machen. Beherrscht man das Handwerk, dann ist alles möglich". Mit dieser Einstellung schafft er es, aus einem Styling-Unfall einen "happy accident" zu machen, wie 2015 bei der Show für Haider Ackermann. Die Looks waren alle schon bestimmt und abgenommen. In der Backstage-Hektik schnitt Souleiman zu viel von der Perücke ab. "Eine Katastrophe, doch ich probierte ein bisschen herum, und schon entstand ein neuer, meiner Meinung nach innovativerer Look. Manchmal muss man seine Komfortzone verlassen, damit man richtig kreativ sein kann." Apropos, er muss jetzt auch wieder los, Inspirationen suchen. Beim Aufstehen zitiert er Picasso: "Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen!" Wie wahr.

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