Zeitreise in Berlin: Immer in Mode

Von den dekadenten Zwanzigern bis zum aktuellen Streetstyle-Hype – Berlin war schon immer Inspirationsort für Designer. "Gala" nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch die Stil-Dekaden und erklärt, warum die Mode bis heute vom Geist der Hauptstadt profitiert

Dem Berliner Stil fehlt immer irgendwas.

Für Wolfgang Joop existiert er nicht einmal, und Karl Lagerfeld ist auch nicht mit ihm zufrieden. Karl hätte gern etwas mehr "Humor" in Berlin, weniger Konzentration aufs Auffallenmüssen. "Ist man zu besessen von Avantgarde und Anti-Establishment, ist ja im Grunde alles gleich." Doch Berlin als Stilstadt ist einmalig. Ein merkwürdiger Durchlauferhitzer, der Energien und Kräfte freisetzt, die absurde und unmöglichste Kleider ganze Stil-Bewegungen auslösen lassen. Das können wenige Städte in der Welt. Niemand kann diese Berlin-Kraft genau erklären, und nicht jeder findet sie schön, attraktiv oder gar wichtiger als Chanel. Doch sie existiert.

Links: Flapper-Dress mit Fransen und Pailletten, neu von Blugirl. Rechts:Abendtäschen, angelehnt an die "Dorothy"-Taschen, neu von Alberta Ferretti

In den Zwanzigerjahren

entsteht hier die einzige deutsche Variante der Flapper- Girls ("Flapper": jemand, der flattert). Das sind die ersten sorglosen Partymädchen, die man sonst nur im wilden New York dieser Zeit findet. Sie tragen Bubikopf, ihr Kleid reicht höchstens bis zum Knie, das enge Korsett der Jahrhundertwende verschwindet auf dem Müll, genau die Art Garderobe, die man für eine damalige "Sex And The City"-Existenz in Berlin braucht. Die Flapper sind auch die erste Generation von Mädchen, die ihr eigenes Geld verdienen, um besser feiern zu können. Ihr Look wird zum Sinnbild der freien Frau, die sich den Gesetzen der Ehe nicht mehr beugen will. "Die Mütter mochten es nicht, wenn ihre Söhne ein Flappermädchen zum Tanz, zum Tee oder zum Schwimmen mitnahmen, und erst recht nicht sich in das Mädchen verliebten"“, schreibt Ober-Flapperin Zelda Fitzgerald, Frau von Scott Fitzgerald.

Fashion Week Berlin

Es liegt Mode in der Luft

Heike Makatsch will sich die neusten Brautkleid-Kreationen von Kaviar Gauche anschauen.
Kaviar Gauche Bridal Collection 2015
Kaviar Gauche Bridal Collection 2015
VIPs wie Emilia Schuele, Oskar Roehler, Heike Makatsch und Lavinia Wilson sitzen bei Kaviar Gauche ganz vorne.

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Die Zwanziger gelten ohnehin als die Ära der exzessiven, stilangebenden Frauen in Berlin: Performerin Anita Berber tanzt nackt auf den Tischen, hat Affären mit Männern und Frauen, Else Neuländer-Simon arbeitet als eine der ersten experimentellen Modefotografinnen, die den neuen Berlin-Stil dokumentieren und erste Definitionen von Coolness zeigen. Die Nazi-Zeit unterbricht die Stil-Evolution, und es dauert, bis neue Kleider und neue Ideen zum Anziehen auf den Straßen wieder erlaubt sind. In Berlin dominiert ein neuer Rebellenlook: Rock-'n'-Roll-Kleidchen und Nietenjeans. Das Outfit von Horst Buchholz aus "Die Halbstarken", gedreht in Westberlin, wird zum Vorbild für Jungs, die keine Bankangestellten werden wollen, sondern auf der Suche nach einem anderen Leben sind. Auch stilistisch. Die Kombination von Ententolle und Lederjacke wirkt auf den Rest der Republik extrem hart und zu exzentrisch. In Restaurants und Kneipen hängen Schilder mit der Aufschrift "Eintritt in Lederwesten, Bluejeans oder unordentlicher Kleidung nicht gestattet". Frauen dürfen sich jedoch wieder aufbrezeln und als Glamour-Girls in den Bars sitzen, sie kreieren einen auffälligen Look, an dem sich Designerinnen wie Lena Hoschek bis heute orientiert.

2007 zeigt Designerin Leyla Piedayesh ihr Label Lala Berlin erstmals auf der Modemesse Premium. Die Entwürfe für diesen Sommer präsentierte Lala Berlin in der Deutschen Oper

Es ist die Designergruppe "Berliner Chic",

die die Stadt in den Sechzigerjahren wieder auf den internationalen Plan hebt. Uli Richter, Staebe-Seger und vor allem Heinz Oestergaard setzen Pariser Haute Couture für die Berlinerin um, die sich nicht zu schick fühlen möchte. Die Modemesse "Berliner Durchreise" wird die erste Fashion Week, Händler und Modejournalisten treffen sich zum ersten Mal in einer Stadt, die sich dem Neuen zuwendet. Heinz Oestergaard, berühmt für sein weißblondgefärbtes Haar, wird der erste It- Designer, tritt sogar in Will Trempers Film "Playgirl" auf. Als Vorreiterin und Stil-Ikone gilt Kommune-1-Bewohnerin Uschi Obermaier, die Militärjacke, hochsitzende Skinny-Jeans und Hippieblusen ohne BH für die Demos in Kreuzberg kombiniert. Mitte der Siebzigerjahre ist Westberlin vor allem Mauerstadt.

Fashion Week Berlin

Die Make-up-Looks vom Catwalk

Die Models bei Dorothee Schumacher lassen ihre Haare zum minimalistischen Make-up und dezentem Eyeliner ins Gesicht fallen.
Die Stylisten von Glaw setzten auf akzentuierten Silber-Lidschatten und dezentes Lipgloss.
Mit Lockenpracht und dunklen Lippen präsentiert das Label Zukker seine Models.
Retro-Look mit toupierten Hochsteckfrisuren und überlangem Eyeliner ist bei Guido Maria Kretschmer angesagt.

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Diese Sonderlage zieht zwei Superstars an, weil die beiden in Berlin ihre Ruhe haben. David Bowie und Iggy Pop suchen sich einen Altbau in Schöneberg und lassen es drei Jahre lang krachen. Die westdeutsche Enklave wird zum internationalen Hotspot des nächtlichen Hedonismus. Bowie und Iggy putzen sich heraus wie zwei Yves-Saint-Laurent-Models: kurze Lederjacke, enge Jeans, scharf angeschnittenes Haar. Sie hätten so für Hedi Slimane arbeiten können, der Jahrzehnte später in der Auguststraße wohnen wird. Als David Bowie im Westberliner Heroin-Schocker "Christiane F." mit roter Bomberjacke und Bubihaarschnitt auftaucht, ist dieser kühle, enthippisierte, realistische Look geboren. Designer wie Raf Simons sind von der Ästhetik des Films verzaubert. Schon zu Beginn seiner Karriere gründet er eine Mode-Firma, die er nach dem Freund von Christiane F. benennt: Detlef. Und Simons druckt T-Shirts mit dem Slogan "The Sound of Berlin".

Der neue, etwas schickere Punk-Look

Fashion

Mode aus Deutschland

Eleganz aus deutschen Landen weht weltweit über die roten Teppiche. Das Münchner Designerduo Johnny Talbot und Adrian Runhof löst mit aufwendigen Roben im Zwanzigerjahre-Flair nicht nur bei Eva Padberg (links) Glücksgefühle aus. Und Escada, hier an Kelly Rutherford (Mitte) oder Basler an Franziska Knuppe (rechts) sind eh längst Synonyme für Wow-Auftritte.
Wussten Sie, dass die Adilette von Stil-Ikonen wie Rita Ora oder der Berliner Kostümbildnerin Aino Laberenz zur Couture-Schlappe erkoren wurde? Hier sind drei Fashion-It-Pieces, deren Ruhm an den weltweiten A- Klasse-Auto-Hype heranreicht. 1. Pali-Tuch aus Kaschmir von Lala Berlin; 2. Die Logo-Bag von MCM reiht sich bei Big Names wie Louis Vuitton ein; 3. Vom Fußballer zur Lady: Die Adilette mit den typischen Adidas-Streifen ist jetzt High Fashion
Die Berlinerin Ina Beissner hat sich an die Spitze der Schmuck-Upperclass geschmiedet. Nach dem Motto "Klotzen statt kleckern" kreiert sie Echtes im XL-Format. Klare Linien und starke Formen stehen für Eleganz und Modernität. Ihr Goldreif in Rassel-Optik hat das Zeug dazu, eine Ikone zu werden.
Vor einem Jahr brach das deutsches Designer-Duo Thomas Bentz und Oliver Lührs nach England auf, um von dort aus mit seinem Label Achtland international zu überzeugen.   Ein Mantel im cleanen Schnitt aus Metallic-Material aus der Achtland-Herbstkollektion 2015.

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der späten Siebzigerjahre definiert sich im Nachtleben weiter aus. Am besten geht das in Berlins glamourösestem Club "Dschungel" nahe dem Ku'damm, einer Art italienischer Eisbar mit Tanzfläche. Das Publikum ist eine Mischung aus Teenagern, Weltstars, Berliner Schnöseln. Udo Jürgens hängt hier mit Minirockmädchen ab. Es ist auch die Zeit, als Designerin Claudia Skoda ihr Atelier in der Zossener Straße betreibt und mit Avantgarde-Strick die Westberliner Szene anzieht.

Sneaker, neu von Puma über www.sarenza.de. Graffity-Shirt, neu von Ikks

Als 1989 die Mauer fällt, erfährt die Stadt neue Impulse aus dem Osten. Techno bahnt sich den Weg in die Clubs, eine neue Mode ist nicht weit, wie immer, wenn sich Musik und Drogen im Berliner Nachtleben ändern. Labels wie 3000 von Frank Schütte und Next Guru Now sorgen für ein neues Kapitel im üblichen Anti-Stil: zerfetzte Hosen, zerschnittene T-Shirts neu zusammengesetzt, um Coolness geht es ab sofort weniger. Stattdessen um eine Garderobe, die in den Nächten im "E-Werk" oder im "Tresor" extrem gut funktioniert: tanzfähig und mit hohem Ausflipppotential. Die neue Stilhoheit heißt Inga Humpe, Zeitschriften wie "The Face" oder "i-D" schicken Fotografen wie Wolfgang Tillmans aus England, um bloß keinen neuen Ravetrend zu verpassen. Anfang 2000 ist der reine Avantgarde- Status endgültig passé. Es geht zwar noch darum, arm, aber sexy zu sein, wie Ex- Bürgermeister Klaus Wowereit den Stil seiner Stadt umschreibt, doch die Vorzeichen ändern sich. Berlin fühlt sich plötzlich internationaler, teurer und kommerzieller an. Geheime Ausgeh-Orte verschwinden, das echte Berlin öffnet sich nach sehr langer Zeit der Welt. Amerikaner, Franzosen, Londoner, New Yorker ziehen her und verändern die ab und zu miese Laune der Stadt. Auch modemäßig. Es geht nicht mehr um Dauer- Abgrenzung, auch wenn Designer wie Raf Simons immer noch einen "ausgeklügelten Schmuddel-Look" ausmachen können.

GALA-Event

GALA Fashion Brunch

Astrid Bleeker, Director Brand Solutions GALA, Marcus Luft, stellvertretender Chefredakteur GALA, und Chefredakteurin Anne Meyer-Minnemann hießen die Gäste im Hotel Ellington willkommen.
Für Cathy Fischer gab es in dieser Woche einen klaren Fashion-Favoriten: Laurèl! In einem Outfit des Labels und mit großem Statement-Ring von Konplott kam sie ins Hotel Ellington.
Märchenhaft wie eh und je: Eva Padberg in einem farbenfrohen Cape-Ensemble.
Model Anastasia Plewka Guseva verdrehte nicht nur Prinz Harry, sondern auch den Gästen beim GALA Fashion Brunch den Kopf.

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Aber ab jetzt wird mitgemischt. Labels wie Augustin Teboul, eine Allianz aus einer Berlinerin und einer Pariserin, zeigen heute, wo es lang geht: raus! Ähnliches gilt für Lala Berlin oder Kaviar Gauche, man findet ihre Kleider auf den roten Teppichen oder auf den Straßen von Downtown Los Angeles. Doch die Macht der Clubs ist nicht verschwunden. Besucht man das "Berghain", zeichnet sich dort der Look ab, den man in den Straßen von Mitte an jeder Ecke wiederfindet: ein simpler, beinahe minimalistisch-monochromer Look. Labels wie Sopopular definieren diesen mit. Den Designern geht es um klare Sprache und Wiedererkennung. Diese beiden neuen Stilwerte machen Berlin heute genauso modesicher wie London oder New York. Wenn man durch das The Store im "Soho House" schlendert, weiß man nicht mehr, ob man gerade in Berlin ist oder in Notting Hill. Die Crazyness der alten Tage ist verschwunden, dafür ist Berlin jetzt dort, wo alle anderen sind – ganz vorne.

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