Staragentin Carole White: Die Supermodel-Ära ist vorbei

Sie war die Agentin von Naomi Campbell & Co. Mit "Gala" sprach Carole White über Gagen, Jugendwahn und Nervensägen

Carole White ist schwer zu fassen. Zweimal muss der Interviewtermin mit ihr verschoben werden. Die Model-Agentin ist seit über 30 Jahren im Geschäft und hat immer noch viel zu tun. 1981 gründete sie mit ihrem Bruder Chris die Agentur Premier, um ihre "Mädchen" zu platzieren. Zur Glanzzeit der Supermodels wurde Carole White, 64, zur Superagentin, sie vertrat Naomi Campbell, Christy Turlington und Claudia Schiffer. Ihr Casting für das Video zu George Michaels Hit "Freedom" definierte eine ganze Ära. In ihrem Buch "Have I Said Too Much" blickt sie nun auf die Jahre mit der Model-Elite zurück.

Frau White, Sie sind beruflich sehr viel unterwegs ...

"Ich bin die verrückteste Braut"

Sophia Vegas zeigt ihr Last-Minute-Brautkleid

Sophia Vegas
Sophia Vegas heiratet in wenigen Tagen. Im Interview mit RTL spricht sie über die Last-Minute-Vorbereitungen und zeigt sogar ihr Brautkleid.
©RTL

Gerade bin ich auf dem Weg nach Paris. Ich liebe diese Zeit. Die Schauen sind für mich wie die Oscars – der Höhepunkt des Jahres.

Klingt glamourös.

Es ist aber auch viel Arbeit. Ich schwebe nicht den ganzen Tag in Designerkleidern durch die Gegend und lasse mir die Nägel machen, ich bin von morgens bis abends in Meetings. Schauen werde ich vermutlich keine besuchen. Was ich von dieser Saison bisher mitbekommen habe, fand ich auch eher fad. In der ganzen Branche scheint es einen kreativen Stillstand zu geben. Es fehlt die Radikalität eines Alexander McQueen.

Nach über 30 Jahren haben Sie alles schon einmal gesehen?

Ja, aber es gibt mir noch immer einen Kick, das Mädchen zu finden, was den Look der Saison bestimmt. Das "cool girl".

Welche Art Model ist aktuell angesagt?

Sehr groß, sehr athletisch, sehr jung.

Sind Models nicht meist groß und jung?

Stimmt, das ändert sich wohl nie. Gerade werden sie sogar wieder jünger. Alle wollen die Mädchen, die auf den Schauen laufen, für ihre Kampagnen und Magazine buchen. Es gibt zwar inzwischen Richtlinien, nach denen sie für den Laufsteg mindestens 16 sein müssen, aber da wird getrickst. In Paris sind sie manchmal erst 13. Alle sind so gierig auf die nächste große Entdeckung, dass viele Mädchen verheizt werden, bevor sie 18 sind. Es ist ein hartes Geschäft. Bei Premier lassen wir ihnen Zeit, bis sie 16 sind, und versuchen, ihr Selbstbewusstsein aufzubauen.

Schiffer + Co.

Superreiche Supermodels

Stephanie Seymour	
Vermögen: ca. 12 Millionen Euro
Nationalität: amerikanisch
19. Carolyn Murphy
Vermögen: ca. 12 Millionen Euro
Nationalität: amerikanisch
18. Cindy Crawford
Vermögen: circa 13 Millionen Euro
Nationalität: amerikanisch
17. Linda Evangelista		
Vermögen:  ca. 13 Millionen Euro
Nationalität: kanadisch

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Naomi Campbell nannte Sie "Mum". Übernehmen Sie eine Beschützerrolle?

Mentor trifft es besser. Ich bin nicht ihre Mutti, die sagt: "Ach, Schätzchen, du musst nicht arbeiten, wenn du Jetlag hast". Ich habe ein Business. Also erkläre ich ihnen, warum sie einen Job machen müssen, auch wenn sie müde sind oder ihnen kalt ist. Die Halbwertzeit eines Models ist kurz. Meine Aufgabe ist es, sie anzutreiben. Es gibt genug, was sie zurückhält.

Zum Beispiel?

Neidische Freundinnen. Eifersüchtige Freunde. Ein fester Freund ist für uns meist die größte Nervensäge, weil das Mädchen lieber bei ihm bleiben will, als in den Flieger zu steigen. Gerade britischen und anderen westlichen Mädchen fehlt oft der Antrieb, es durchzuziehen. Sehr frustrierend. Dagegen haben die Ostblock-Mädchen ein kolossales Arbeitsethos. Sie wollen ein besseres Leben. Ihr großer Traum: in New York leben und einen reichen Amerikaner heiraten.

Ihre Beziehung zu Naomi Campbell endete nach 17 Jahren im Streit über einen Parfümvertrag. Wie ist ihr Verhältnis heute?

Carole White sagte 2010 im Blutdiamanten-Prozess gegen Naomi Campbell aus

Menschen ändern sich, das Leben geht weiter. Aber wenn wir uns auf einer Party sehen, grüßen wir uns.

Obwohl Sie im Prozess wegen Kriegsverbrechen gegen Charles Taylor aussagten, Naomi habe sehr wohl gewusst, dass er ihr Blutdiamanten geschenkt hat?

Aber ja. Wir sind miteinander im Reinen.

Ikonen der Neunziger

Das machen die Supermodels heute

Die Anwaltstochter aus Rheinberg am Niederrhein hat es bis ganz nach oben geschafft: Mit dem Sexappeal einer Brigitte Bardot, blonder Mähne und perfekten Proportionen eroberte Claudia Schiffer die Modebranche im Sturm. Einer ihrer größten Verehrer: Superdesigner Karl Lagerfeld.
Drei Kinder, einen Produzentenehemann und mehr als 25 Jahre Modelkarriere hat "La Schiffer" heute vorzuweisen. Sie lebt mit ihrer Familie in England und gibt selten Einblicke in ihr Privatleben. Auf großen Werbeplakaten sehen wir sie aber auch in 2019 noch. Gerade erst hat sie für "Bash" eine riesige Kampagne geschossen.
Die Rotzgöre aus London konnte, durfte und machte alles: Kate Moss war schon zu Beginn ihrer Karriere das Enfant Terrible unter den sonst so perfekten Supermodels. Rauchend, trinkend, koksend und knutschen feierte das Aushängeschild des "Heroin-Chics" wilde Parties. Gebucht wurde sie dennoch von absolut allen namhaften Labels.
In 2019 ist es wesentlich ruhiger um Kate Moss geworden, die nun Mitte 40 ist und sich einen viel eleganteren Style - und auch gesitteteren Freund - zugelegt hat. Beliebt ist sie bei den Modemarken allerdings noch immer. 

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Neben ihr hatten Sie Anfang der Neunzigerjahre Supermodels wie Christy Turlington und Claudia Schiffer unter Vertrag. Als typisch für die Zeit gilt Linda Evangelistas Aussage: "Unter 10.000 Dollar am Tag wachen wir nicht mal auf."

Linda hat das damals zu meinem Bruder Chris gesagt. Es war ironisch gemeint. Der Witz ist, dass 10.000 Dollar viel zu wenig gewesen wären! Diese Models haben enorme Summen verdient. Egal, welche Gage ich für sie verlangt habe, es wurde gezahlt. Können Sie sich vorstellen, was es gekostet hat, den bekannten Werbespot für Opel Corsa mit Christy, Naomi und Linda, Kate Moss und Tatjana Patitz zu besetzen?

Angeblich hat jede von ihnen dafür 300.000 britische Pfund bekommen – für einen Tag Arbeit.

Stimmt.

Wie sah es denn hinter den Kulissen aus? Von außen wirkte die Zeit der Supermodels ja wie eine einzige Party.

Es war wirklich sehr aufregend. Ein Rausch! Diese Mädchen waren sich absolut bewusst, wie gefragt sie waren. Ich sage immer: Ohne die Concorde hätte es die Supermodels nicht gegeben. Sie konnten morgens in London vor der Kamera stehen, in den Flieger steigen und am gleichen Tag in New York den nächsten Termin machen. Ohne Tickets für die Concorde ging nichts. Wir haben sowieso alles beschafft, was sie wollten. Ein Llama-Curry mitten in Mailand? Aber gerne.

Wer war die Schwierigste?

Ach, jede Einzelne war eine Herausforderung. Nur Claudia hat funktioniert wie ein Uhrwerk. Deutsch eben.

Heute macht Christy Turlington wieder Werbung für Calvin Klein, Naomi Camp¬bell ist noch immer auf dem Laufsteg, und Kate Moss denkt gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Ist es so schwer, eine neue Christy, Naomi oder Kate zu finden?

Supermodels wie sie kommen nie wieder. Zu ihrer Zeit gab es nicht so viele Models wie jetzt. Sie waren Persönlichkeiten, deshalb sind sie bis heute so präsent. Heute werden Mädchen berühmt, die für mich keine Models sind. Es reicht, eine Reality-TV-Show zu haben.

Sie meinen zum Beispiel Kendall Jenner und Gigi Hadid.

Ich finde das sonderbar. Obwohl ich es verstehe. Social-Media-Präsenz ist inzwischen eine eigene Währung. Wenn ein Model mehrere Millionen Follower hat, muss der Kunde kein Geld mehr für Werbeflächen ausgeben. Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben. Die Leute wollen heute wissen, was ein Mädchen zu Mittag isst, wo sie einkaufen geht oder ob sie stricken kann.

Haben TV-Shows wie "Germany's next Topmodel" Ihren Job leichter oder schwerer gemacht?

Zuerst mal haben sie unser Business zugänglicher gemacht. Andererseits ist nicht jedes hübsche Mädchen ein Model. Das sieht man daran, dass die Gewinnerinnen solcher Shows nie große Hits werden. Und natürlich haben diese Sendungen nichts mit dem Alltag eines Models zu tun, es ist reines Entertainment. Als würden Models jeden Tag kopfüber an Bungeeseilen hängen oder auf Bergspitzen posieren. Absurd. Übrigens habe ich Heidi Klum mal abgelehnt.

Warum denn das?

Not my cup of tea. Allerdings habe ich auch Kate Moss keinen Vertrag gegeben. Die Fotografin Corinne Day kam Anfang der Neunziger zu mir und sagte, Kate sei mit ihrer Agentur unglücklich, ob ich sie nehmen würde. Ich fand sie umwerfend, aber zu klein. Ein Riesenfehler! Bereue ich bis heute.

Was muss ein Model haben, um Sie zu überzeugen?

Im ersten Moment denke ich oft: Die sieht aber seltsam aus. Wie ein Alien. Was wir schön finden und was die Öffentlichkeit schön findet, ist komplett verschieden.

Wie berechtigt ist die Kritik, dass Sie und Ihre Kollegen ein falsches Körperideal fördern?

Designer schneidern die Kleidung nun einmal sehr klein. Sie verlangen Mädchen, die gerade sind, kein Hintern, keine Brüste, völlig flach. So sieht man viel vom Kleid. Im Prinzip sind es die Körper von kleinen Jungen.

Nicht gerade ein taugliches Vorbild für Frauen, oder?

Wenn die Mädchen als Teenager zu uns kommen, sind sie ganz natürlich so schmal. Später, wenn sie sich entwickeln, ändern sich ihre Aufträge von Laufsteg-Auftritten hin zu anderen Jobs. Wir verleiten hier keinen zum Hungern. Im Gegenteil. Inzwischen achten wir besonders auf das Essverhalten. Wenn die Mädchen zu uns kommen, haben sie oft keine Ahnung von gesundem Essen. Sie ernähren sich von Bic Macs. Wir schicken sie dann ins Gym, besorgen ihnen Personal Trainer, erklären ihnen gesunde Ernährung. Am Körpertyp ändert das natürlich nichts. Aber genauso wenig wie jeder aussehen kann wie eine Ballerina oder wie ein Athlet, können alle Frauen aussehen wie auf dem Laufsteg. Models sind eine Fantasie.

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