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So Sue DYA – Dress Your Age

So Sue
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© So Sue / Gala
GALA-Kolumnistin Sue kennt die zwei wichtigsten Fragen aus ihrer Boutique: "Macht mich das dick?" und "Macht mich das alt?". Dabei hat sie handfeste Ideen, wie man zeitlose Klasse beim Styling erreicht. "Dress Your Age" ist von L.A. bis Ludwigsburg einfach DAS Thema

Wie buntes Herbstlaub trudeln täglich neue Trendteile ein

Staunend stehe ich vor meinem Wareneingang bei "Linette" und freue mich, dass der Leomantel von Dries van Noten genauso aussieht, wie auf der Stange im Showroom vor gut acht Monaten in Paris. Denn nicht immer kommt ein Trendteil in der Produktion so perfekt raus wie das Verkaufsmuster. Das ist dann auch für mich immer wie der Griff in eine Pralinenschachtel.

"Dress Your Age" ist DAS Thema

In diesem Winter dreht sich ja viel um Brokat, Samt, Lack, Metallic mit einem Hauch von Breitkord. Nicht gerade Figur- und Alters-Schmeichler. Denn wenn ich im Verkauf stehe, gibt es für ein Teil eigentlich nur zwei kritische Fragen: "Macht mich das dick?" und "Macht mich das alt?" "Dress Your Age" ist von L.A. bis Ludwigsburg einfach DAS Thema.

Trendy und zeitlos ist die aktuelle Rocklänge bis zum Knie. Und so trägt GALA-Kolumnistin Sue ihre Breitcordhose. Der Modeherbst 2016 kann kommen!
Trendy und zeitlos ist die aktuelle Rocklänge bis zum Knie. Und so trägt GALA-Kolumnistin Sue ihre Breitcordhose. Der Modeherbst 2016 kann kommen!
© So Sue / Gala

Ich selbst frage mich jeden verdammten Sommer, ob ich meine Vintage-Hot-Pants von Levis noch anziehen kann und ob der Saum meiner Röcke und Kleider nicht mindestens auf Knielänge rutschen sollte (das ist ja zum Glück gerade sowieso angesagt – die langen Kleider, meine ich). Auch bei Spaghetti-Trägern bin ich mir nicht mehr ganz so sicher und Jeans mit großen Löchern finde ich bei Ü20 schon schwierig. Stramme Lycra-Leggings, wenn das Bindegewebe bis zu den Kniekehlen hängt, sollte man meiden – genauso wie große Prints in starken Farben, wenn die Faltentiefe im Gesicht 40 Jahre Sonnenkonsum funkt.

Je oller, je doller, meinte meine coole Omi

Schon meine Omi sagte früher immer, wenn sie sich in eine Bluse mit Kettenprint von Lucia schmiss "je oller, je doller!", stülpte dabei noch fünf Goldringe über jeden Finger und lächelte mich dabei keck an. Oh, meine Omi hatte Stil! Einmal in der Woche gönnte sie sich einen Termin beim Friseur und ich bewunderte dann immer den leichten Lilastich in ihren sonst silbergrauen Locken. Sie hatte auch noch im hohen Alter eine tip-top-gepflegte Haut und zu Weihnachten bekam sie dafür immer einen großen Topf Nivea von mir geschenkt. Ich liebte ihre Hände, die sie mit Schweinefett einrieb und als ich in die Pubertät kam und ich mich stilistisch abheben wollte vom Rest des VW-Einheits-Schicks (jawohl, ich komme aus Wolfsburg!), ließ ich ihre Aigner, Lucia und Delmod-Modelle einfach enger machen. Das hat ihr, glaube ich, sehr geschmeichelt und mir den gewünschten Effekt gebracht, endlich älter und erwachsener auszusehen.

Jetzt gibt es Augen-Filler, Botox und Detox

Diese Zeiten sind natürlich längst vorbei und ich bin selbst bald in dem Omi-Alter. Statt Nivea gibt es dieses und jenes Serum, Augen-Filler,Tages- und Nacht-Emulsionen, Botox und Detox, Joggen, Yoga und Skinny Bitches; alles Anti-Aging.

Und wie alles im Leben gilt es Maß zu halten. Ich erinnere noch als Kind in Cortina D’Ampezzo, die mit Pelz und Schmuck reich dekorierten Italienerinnen, die sich erst in den Fiat setzten, als dieser schon eine halbe Stunde vorglühte. Ich machte große Augen ob der haarigen Oberbekleidung und ich werde nie vergessen, was mein Vater mir dazu sagte: "Je älter die Frauen sind, desto mehr müssen sie sich dekorieren, um von ihrem Alter abzulenken!" Das hat sich bei mir eingeprägt. Und seitdem befolge ich die Regel: "Less is more".

Less is more

Das fängt schon bei der Haarfarbe an: Strähnen machen älter als eine homogene Farbe und wenn man nicht gerade Iris Apfel heißt, sollte man sich vor allzu hysterischen Farbkombis bei der Klamottenwahl hüten. Leo-Prints gibt es bei mir mal höchstens an den Füßen und schulterfreie Carmen-Blusen überlasse ich meiner 13-jährigen Tochter. Was spricht auch gegen ein gestreiftes Oversize-Hemd zu einer highwaisted, leicht ausgestellten Ankle-Jeans und coolen Loafern?

Die richtige Tasche oder ein Statement-Schuh zeigen mehr als Tausend Cut-outs oder wilde Intarsien auf kaugummibunten Pullis. Auch brauche ich kein Katzenmotiv, um mein inneres Kind wiederzubeleben. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir einigermaßen zuverlässig, wer ich bin und wo ich stehe. Hormonbedingte Deutungsverschiebungen inbegriffen. Habe ich doch alle modischen Fehltritte (Achtung! Keilhose! Kommt jetzt wieder) und Lolita-Schleife im Haar mitgemacht. Auch eine sexy Dauerwelle ließ ich nicht aus. Ich brauche keinen zweiten Aufguss.

Julianne Moore begeistert immer wieder mit eleganten und stylischen Outfit wie diesem Schwarz-Weiß-Look.
Julianne Moore begeistert immer wieder mit eleganten und stylischen Outfit wie diesem Schwarz-Weiß-Look.
© Splashnews.com

Stars wir Iris Berben und Julianne Moore haben ein zeitloses Charisma

Frauen wie Iris Berben und Julianne Moore sind wahrhafte Stil-Vorbilder in dieser Beziehung und sie schaffen es souverän zu altern, sie sind "ageless". Das Gegenlager sind die ehemalige Begum und ihre Tochter... da wird so lange getuned, gespritzt und geschnitten, bis sich die Grenzen völlig aufheben und man sich fragt, wer Tochter und wer Mutter ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem es ohnehin nur Verlierer gibt.

Was ist also die Formel beim DYA?

Souverän kombinieren, mal ein wenig schummeln, mit Noblesse ausgleichen. Die peinlichen Kombis unter 30 absolvieren und wissend lächelnd hinter sich lassen. Mit dem Prädikat "ageless" ist es so wie mit gutem Sex – der beginnt auch im Kopf.

Gala

So Sue: Unsere Mode-Expertin über Styles und Stars


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