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Skandinavische Designer Modischer Nordwind


Immer mehr lässige skandinavische Labels trumpfen in der Mode auf. Besonders auffällig: die vielen Frauen an der Spitze

Es muss schon etwas Besonderes passieren, damit Angelika Taschen bereits zehn Minuten vor dem offiziellen Einlass zu einer Shop-Eröffnung kommt. Die Verlegerin wird immerhin im Jahr zu Hunderten solcher Veranstaltungen eingeladen. Offenbar wollte sie das neue Label "& Other Stories" in Ruhe auf sich wirken lassen, bevor die übrigen 450 Gäste, darunter Schauspielerin Pheline Roggan, Model Eva Padberg und Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler, am Ku'damm eintrafen. Die Erwartungen an "& Other Stories" sind nach den vielen Vorberichten der vergangenen Monate kolossal. Mode, die den Zeitgeist mit hohen Designansprüchen und bezahlbaren Preisen bedient - so lautet das Versprechen der Marke, hinter der das Milliardenunternehmen H&M steht. Vor lauter Aufregung brach am Erstverkaufstag prompt der Onlineshop zusammen. Wieder ein Label aus Skandinavien, dem es gelungen ist, in der Mode aufzutrumpfen!

Denk an die Frauen! So lautet die erste Regel für skandinavische Modemacher. Eigentlich sollte das für alle Designer gelten. Aber viele ignorieren die Regel - der Ausdruck der eigenen Kreativität ist ihnen wichtiger, als eine vernünftige Hose zu entwerfen. Bei "& Other Stories" achtet man sehr genau darauf.

Die aufregendsten Marken der vergangenen Jahre werden fast alle von weiblichen Designern gemanagt: Linn Persson steht für Rodebjer, Veronica B Vallenes und Stine Goya sind mit Marken erfolgreich, die ihren Namen tragen. Bei House of Dagmar haben sich die Schwestern Kristina Tjäder, Karin Söderlind und Sofia Wallenstam zusammengetan. Sie vertreten zwar unterschiedliche Stile, aber eines verbindet sie: Keine der drei versteht Tragbarkeit als Schimpfwort. Auch Ditte Reffstrup und Katrine Green, die für das dänische Label Ganni feminine Mode entwerfen, müssen nicht lange überlegen, was ihre Mode ausmacht: "Wir denken immer darüber nach, was wir selbst gerne tragen würden. Und skandinavische Designer wagen bei Mode mehr als zum Beispiel viele deutsche, auch wenn sie Konfektionsware entwerfen.“

Die Zukunft der skandinavischen Mode: Eine prominente Jury verlieh im Januar den H&M Design Award an die Südkoreanerin Minju Kim. Ihre Mangainspirierte Gewinnerkollektion geht sogar in Produktion.
Die Zukunft der skandinavischen Mode: Eine prominente Jury verlieh im Januar den H&M Design Award an die Südkoreanerin Minju Kim. Ihre Mangainspirierte Gewinnerkollektion geht sogar in Produktion.
© PR

Die zweite Regel der Modemacher aus dem Norden: Kreativität ist ein Business! In den Ateliers trifft man keine verkopften Genies, sondern kluge Unternehmer, die mit Mode ihr Geld verdienen. Doch bei allem Geschäftssinn regiert die Überzeugung, dass das Design von hoher Qualität sein muss. Im Team von "& Other Stories" arbeiten Kreative, die vorher bei Lanvin und Sonia Rykiel beschäftigt waren. Das spiegelt sich in detailreichen Accessoires und außergewöhnlichen Schnitten wider - aber nicht unbedingt im Preis. Samuel Fernström, Markenchef von "& Other Stories", erklärt: "Nichts sollte bei uns mehr kosten, als es wert ist. Deshalb ist Leder selbstverständlich teurer als Neopren, Baumwolle günstiger als Seide."

Regel Nummer Drei: Vergiss Klischees! Mode aus Skandinavien ist immer schlicht, immer minimalistisch, immer beige? Falsch! Tiger of Sweden bedienen sich bei der Herrenschneiderei, Soulland und Wood Wood stehen für lässige Streetwear. Die Entwürfe von Henrik Vibskov sind extrem experimentell. "In der Mode muss für alles Platz sein", sagt Ann-Sofie Johansson, die Chefdesignerin von H&M. "Man braucht die Basics genauso wie die fantasievollen Stücke." Unerwartbar bleiben - das, erklärt Johansson, war auch der Gedanke hinter der ersten Modenschau von H&M seit acht Jahren, die jüngst gezeigt wurde. Und wer während der Prêt-à-porter-Woche neben den gefeierten Designern mit Massenware auftritt, den interessieren auch die Standesdünkel der Modebranche nicht.

"Entwirf ein fantastisches Produkt, dann wird es sich auch verkaufen. Und wenn die Kunden es mögen, werden sie wiederkommen", sagte Mikael Schiller, Geschäftsführer von Acne, dem "Wall Street Journal". Eine simple Philosophie - mit umwerfendem Resultat: In Stockholm war jede zweite Modenschaubesucherin von Kopf bis Fuß in Acne gekleidet. Die Marke ist seit mehr als zehn Jahren angesagt, weil sie es nicht darauf anlegt, jedem zu gefallen.

"Aufmerksamkeit den Details gegenüber und hohe Qualität der Materialien", so fasst Dorothea Gundtoft skandinavisches Design zusammen. Sie muss es wissen. Die Journalistin hat Anfang des Jahres in London eine Ausstellung mit den besten Designern aus Schweden, Dänemark und Norwegen betreut und dazu ein Buch herausgebracht: "Fashion Scandinavia" (Thames & Hudson). Der Untertitel bringt es auf den Punkt: "Contemporary Cool".

Marlene Sørensen

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