Riccardo Tisci: Die Kraft der acht Schwestern

Givenchy-Designer Riccardo Tisci gehört zu den Kreativsten seiner Branche. Mit "Gala" sprach der Italiener über seine große Familie, seine Freunde – und Schwangere in hochgeschlitzten Kleidern

Die Familie ist für Italiener das Wichtigste, auch heute noch. Man sitzt beim Essen an einem langen Tisch, geht sonntags gemeinsam in die Kirche. Was immer auch passiert: Die Familie hält zusammen. Das sollte jeder im Hinterkopf behalten, der Riccardo Tisci, 39, verstehen will, seit 2005 Kreativdirektor des Luxusunternehmens Givenchy mit Sitz in Paris.

Aufgewachsen ist er in Cermenate. Der kleine Ort in der Lombardei liegt ganz in der Nähe von Italiens Modemetropole Mailand. Allerdings war diese Tatsache der Familie damals ziemlich egal: Sie hatte genug mit sich selbst zu tun. Riccardo ist das jüngste von neun Geschwistern, der einzige Junge. Sein Vater, ein Obsthändler, starb früh. Die Mutter hielt alles zusammen. Es herrschten bescheidene Verhältnisse.

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©Gala

Tisci nutzt gern bekannte Motive und verfremdet sie. So sind auf den Taschen eine Madonna und ein Teil von Bambi verewigt

Heute lebt Riccardo Tisci ein völlig anderes Leben. Nachdem er mit 17 nach London gegangen war, um am Saint Martins College ein Designstudium zu beginnen, arbeitet er nun für eines der wichtigsten Modehäuser der Welt. Viele seiner Kunden sind sehr, sehr reich. Auf seinen Fashion-Events gibt's Champagner. Dennoch: Auch in der Welt des schönen Scheins suchte er sich eine Art Familie. Es sind inzwischen langjährige Freunde, denen er bedingungslos vertraut. "Riccardo ist ein eher ruhiger Mensch", sagt einer. "Er braucht den Glitzer nicht und mag nichts Oberflächliches. Er hat das Herz am rechten Fleck."

"Gala" konnte sich davon jetzt in einem sehr persönlichen Interview mit Riccardo Tisci überzeugen, der sich nur selten öffentlich äußert. Die Initiative ging von dem Designer selbst aus: Er wollte ausdrücklich mit dem deutschen People-Magazin sprechen. Fangen wir doch mit dem Thema Mode und Stars an...

Herr Tisci, welcher Celebrity würden Sie gern einen neuen Look verpassen?

Ich hasse das Wort Celebrity. Ich rede lieber von Künstlern. Jeder, der etwas ausdrücken will, ist für mich ein Künstler.

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Okay. Welchen Künstler oder welche Künstlerin würden Sie gern umstylen?

Auch da muss ich erst mal kontern, so denke ich nämlich überhaupt nicht. Für mich ist es spannend, dass ich mit Frauen und Männern zusammenarbeite, die mich interessieren. Ich will mit ihnen eine echte Beziehung aufbauen. Ich würde nie einen Star verändern, damit er zu mir und meinem Geschmack passt oder damit ich mehr Kleider verkaufe. Es geht immer um den Stil jeder einzelnen Person. Wenn ich beispielsweise an die Met-Gala denke, diesen spektakulären Event im Metropolitan Museum von New York - ich hätte es mir nie erlaubt, so faul zu sein, Madonna oder Beyoncé einfach irgendein Kleid zu schicken. Nein, ich habe mich hingesetzt und überlegt, was zu jeder einzelnen Frau passen könnte.

Das machen manche Designer anders.

Stimmt. Was wirklich süß bei meinen Künstlern ist: Sie wissen, dass ich ehrlich bin. Ich würde niemals jemanden ausstatten, nur um dadurch mehr Kleider zu verkaufen. Ich style sie, weil ich ihre Schönheit und ihr Talent feiern möchte. Da sie das alle wissen, vertrauen sie mir auch.

Glauben Sie, dass man das den Frauen dann ansieht?

Ja. Jemand formulierte es mir gegenüber mal so: Jene Frauen, die auf dem roten Teppich Givenchy tragen, sehen viel stärker aus als andere! Es geht mir hier nicht darum, andere Designer schlechtzumachen. Ich will nur sagen, dass meine Art der Zusammenarbeit eine sehr ehrliche, liebevolle ist. Ich gebe mein Bestes. Und die Frauen geben das mit einer bestimmten Haltung zurück.

Was macht einen Red-Carpet-Look aus?

Da gibt es kein Patentrezept. Es hängt alles von der Person ab, die das Kleid trägt. Und davon, wie sie sich auf dem Event oder sogar in einem ganz bestimmten Moment fühlt.

Bei der jüngsten Met-Gala fanden es manche unpassend, dass Sie die schwangere Kim Kardashian in ein enges, hochgeschlitztes Kleid gesteckt haben. Trifft Sie solche Kritik?

Egal was die Leute über Kim denken: Sie ist eine wunderbare Frau! Sie hat mich immer unterstützt, und sie ist die Freundin von Kanye West, einem sehr engen Freund von mir. Ich wollte eine Art Familienmoment schaffen: Kim, Kanye und das Baby sind inzwischen ja eine kleine Familie, und ich bin gewissermaßen ein Teil davon. Die Leute sollen ruhig reden. Ich habe schon oft schwangere Frauen ausgestattet und finde, dass die Schwangerschaft das Schönste im Leben einer Frau ist. Der Körper einer Frau verändert sich, wenn sie einer neuen Seele ein Leben schenkt.

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Sie haben acht Schwestern und sind damit Experte: Was wollen Frauen?

Sie wollen sich gut fühlen und gut aussehen. Es dreht sich um Selbstbewusstsein.

Gehört auch Glamour dazu?

Schauen Sie sich die Frauen an, die ich in den vergangenen Jahren ausgestattet habe!

Also zum Beispiel Madonna. Auch mit ihr sind Sie ja eng befreundet.

Madonna ist so speziell. Sie ist die Königin des Pop. Schon in meiner Kindheit war sie meine größte Inspiration, und sie ist es bis heute geblieben.

Sie sagten mal, Madonna habe neben Dynamik auch Romantik zu Givenchy gebracht. Was ist heute romantisch?

Oh, eine ganze Menge! Freundlichkeit. Die Natur. Eine besondere Geste. Und vor allem die Liebe.

Dynamik und Romantik waren sicher Leitmotive bei Ihrem aktuellen Projekt: Sie haben die Kostüme zum Ballett "Boléro de Ravel" an der Pariser Opéra Garnier entworfen.

Diese Aufgabe war eine große Herausforderung! Es hatte fast schon etwas von der Arbeit eines Ingenieurs, so als würde man eine Brücke bauen. Auf der einen Seite muss das Ergebnis sehr gut aussehen, auf der anderen Seite muss es belastbar sein.

Schwangere Stars

Glücklich für zwei

Joana Krupa feiert in Warschau eine spektakuläre Babyshower. Es ist die erste von drei geplanten, Feiern in Chicago und Los Angeles sollen noch folgen. In einem engen weißen Kleid und beigen Riemchen-Heels macht die polnische Schauspielerin auch im fortgeschrittenen Stadium ihrer Schwangerschaft noch eine tolle Figur. 
Keira Knightley und ihre Mutter Sharman Macdonald sind gemeinsam mit ihrem Ehemann James Righton in London unterwegs. Die riesige Babykugel der Schauspielerin und die Hand, die sie schützend davor hält, verraten: Lange kann es nicht mehr dauern! 
Lara Trump zeigt sich kurz vor der Geburt ihrer Tochter in einem hübschen Sommerkleidchen in New York. Die spitzen Louboutins mit dünnem Absatz hat sie gegen bequeme Gucci-Loafers getauscht - kein Wunder, Eric Trump, der zweitältesten Sohn von Donald Trump, gibt wenige Tage später via Twitter bekannt, dass Töchterchen Carolina Dorothy das Licht der Welt erblickt hat.
Stolz präsentiert uns das Curvy-Model Ashley Graham in einem enganliegendem Schlauchkleid ihre Baby-Kugel. Dazu schreibt die 1,75 Meter große Schönheit: "Kann es kaum erwarten, dich kennen zu lernen". Erst vor wenigen Tagen verkündete sie die freudige Nachricht, dass sie und ihr Ehemann Justin Ervin Nachwuchs erwarten. 

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Wo lag der Unterschied zu Ihrer Arbeit für Givenchy?

Wenn man in der Mode arbeitet, weiß man, dass die Kleidung dort nur ein bestimmtes Level an Belastbarkeit aushalten muss. Man muss sich zum Beispiel damit hinsetzen können, viel mehr aber auch nicht. Das ist beim Ballett anders. Die Tänzer müssen sich bei jeder Bewegung so frei fühlen, als wären sie nackt.

Bei Givenchy spielen Sie oft mit bekannten Symbolen, so sieht man in der neuen Kollektion einen entzückenden Bambi-Print. Eine Kindheitserinnerung?

Ja, Bambi bringt mich dorthin zurück. Alle meine Schwestern waren besessen von diesem Tierchen. Ich übrigens auch. Da Sie von Symbolen sprachen: Bambi steht natürlich für Zerbrechlichkeit. Und es lebt einen Traum.

Noch mal zu Ihrer Kindheit: Sie wurden streng katholisch erzogen, vor zwei Jahren widmeten Sie dann als Gast-Kurator des Avantgarde-Magazins "Visionaire" dem Thema Religion eine ganze Ausgabe. Und in Ihren Kollektionen tauchen immer wieder Madonnen-Bildnisse auf. Welche Rolle spielt der Glaube heute in Ihrem Leben?

Eine große! Ich bete jeden Tag.

Sorgt Gott dafür, dass Sie nicht abheben?

Dafür sorgen schon meine Schwestern. Und vor allem meine Mutter.

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