Narciso Rodriguez: Schlichte Eleganz

Der amerikanische Designer Narciso Rodriguez ist hierzulande vor allem durch seine erfolgreichen Düfte bekannt. Dabei kann er viel mehr: Starke Frauen wie Michelle Obama schätzen seine puristische Mode. Gala traf den Kreativen in Miami

Narciso Rodriguez

Miami Beach ist nicht unbedingt ein Ort des Minimalismus.

Die Artdéco-Häuser strahlen in allen Farben von Fruchtsorbets, scheinbar alterslose Frauen zeigen viel Haar, viel Pink und viel Oberlippe: Alles erinnert hier eher an Gianni Versace als an Narciso Rodriguez. Warum liebt der amerikanische Designer, dessen bevorzugte Farben Schwarz und Weiß sind, die Metropole in Florida so sehr? "Meine Familie stammt aus Kuba. Daher ist mir die Lebensart hier nicht fremd", erklärt er an diesem sehr heißen Morgen in der Beach-Bar eines sehr großen Strandhotels in Miami Beach.

Seine Mode ist immer linear und klar, hier ein Model bei der Mercedes-Benz Fashion Week New York

Wir sitzen unter einem Sonnenschirm und trinken stilles Wasser. Rodriguez trägt eine schwarze Hose, dazu ein faltenfreies weißes Hemd. Um uns herum wirbeln die anderen Gäste in bunter Badebekleidung herum. Kinder springen schreiend in den Pool. "Meine Familie verbrachte früher sehr viel Zeit in Miami", sagt der Designer. "Ich mag es hier. Ich erinnere mich sehr gerne an Abende zurück, an denen wir alle an einem langen Tisch saßen und bis tief in die Nacht laut quatschten." Doch Rodriguez ist das Gegenteil von laut. Er scheint in sich selbst zu ruhen, spricht leise. Seine Mitarbeiter beschreiben ihn als humorvoll. Dennoch werden sie hektisch, wenn sich Termine verschieben. Der Chef mag keine Unpünktlichkeit. Nur seine Augen verraten, dass er alles im Blick behält.

"Ich bin in einer sehr bunten Welt aufgewachsen. Irgendwann merkte ich aber, dass ich das Schlichtere bevorzuge. Mein Zimmer habe ich dann als Teenager nur in Nicht-Farben eingerichtet", schildert Rodriguez. Dieser Kulturschock für die Familie war gleichzeitig der erste Baustein für seine Karriere in der Modebranche. Nach der Schule studierte er in New York Kunst und Design. Er hatte eine Mode-Botschaft für die Amerikaner: "Weniger kann sehr wohl mehr sein!" Genau wie Calvin Klein und Donna Karan - ein Zufall ist das nicht. Für beide Modeschöpfer hat Rodriguez am Anfang seiner Karriere gearbeitet.

Anna Wintour, Chefredakteurin der US-"Vogue", erkannte Rodriguez' Talent bereits früh

Auch dank ihm wird "Fashion made in the USA" mittlerweile weltweit respektiert. Was seine Mode auszeichnet: Obwohl Rodriguez nur sehr dezent Farben einsetzt, geht von ihnen eine gewisse Wärme aus. Durch fließende Stoffe und fabelhafte Schnitte verlieren die Kleider ihre Unnahbarkeit. "Ich mag den Begriff Minimalismus nicht", erklärt er. "Ich denke, wir sollten eher über Purismus und Eleganz sprechen." Diese beiden Begriffe beschreiben den Kern der Marke. Das Mitte der Neunzigerjahre gegründete Unternehmen ist nicht nur durch seine Mode bekannt, sondern auch durch die gleichnamigen Parfums. Zwar wussten bei der Lancierung des ersten Dufts "For her" 2003 nur die wenigsten, welcher Designer sich hinter dem Namen verbirgt. Trotzdem wurde das Produkt ein Bestseller - und blieb es bis heute. Ärgert es ihn, dass viele seine Mode überhaupt nicht kennen? Der Designer sieht's pragmatisch. "Ich denke, dass ein Parfum genau so zum Look gehört wie ein schönes Kleid. Insofern passt das sehr gut zusammen."

Wenn man sich länger mit Narciso Rodriguez unterhält, spürt man schnell, dass ihm das Wohl der anderen eine Herzensangelegenheit ist. Offenbar gilt das auch für das Tragen seiner Looks. "Ich finde, dass die Zeit der Selbstdarsteller in der Branche vorbei ist", sagt er. "Die Zukunft der Mode liegt darin, tragbare Kollektionen zu zeigen. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit Langeweile. Im Gegenteil. Die meiste Zeit meiner Arbeit verbringe ich damit, kleine Details, beispielsweise Abnäher, zu perfektionieren. Außerdem sind wir wahnsinnig lange mit der Suche nach neuen Materialien beschäftigt." An diesem Perfektionismus hielt er auch fest, als sein Unternehmen vor einigen Jahren in eine finanzielle Schieflage gekommen war. Damals halfen ihm "Vogue"-Chefin Anna Wintour und einige US-Designer mit ihren Verbindungen. Seit 2007 gehört die Hälfte der Marke dem Konzern Liz Claiborne. An seiner Vision, "starke Frauen zum Strahlen zu bringen", hat sich dadurch aber nichts geändert.

"Man muss einfach seinen Visionen folgen!", sagt der Meister des Purismus, während eine Frau im papageienbunten Badeanzug juchzend in den Hotelpool springt. Er lächelt. Auch in Miami stirbt die Hoffnung zuletzt.

Narciso Rodriguez' Beauty-Welt

1 Aktueller Duft "'Essence Eau de Musc' verbindet reinste Moschusnoten mit einer Art Leuchten", sagt der Designer. Hinter dem "Leuchten" verbergen sich frische Noten von Iris und Zitrus. 75 ml EdT, ca. 75 Euro; 2 Sein erster Duft Ähnlich geradlinig wie in seinen Kollektionen näherte sich Rodriguez 2003 seinem ersten Parfum. "For her" enthielt vor allem Moschus. Dieses unverwechselbare Aroma zieht sich wie ein roter Faden durch alle nachfolgenden Düfte; 3 Herrenvariante Männer sollen echt, natürlich und erdverbunden riechen. Deshalb setzt "For him" auf holzige Noten und Patschuli. 50 ml EdT, ca. 52 Euro; 4 Line-Extensions Um sich komplett in die Rodriguez-Welt zu hüllen: parfümierte Bodycreme im schweren Glastiegel (150 ml, ca. 54 Euro) oder "Hair Mist" für duftende Haare (30 ml, ca. 32 Euro)

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