John Galliano Aufstieg und Fall eines Genies


Wurde Ex-Dior-Designer John Galliano die Sucht nach Skandalen zum Verhängnis? Eine Spurensuche in Paris

Manchmal sind die leise formulierten Nachrichten

die eindringlichsten. "John Galliano, der talentierte und in Schwierigkeiten geratene und von Dior wegen antisemitischer Sprüche gefeuerte Designer, hat Frankreich verlassen, um eine Rehab aufzusuchen", twitterte Suzy Menkes, Chef-Modekritikerin der "International Herald Tribune", Ende vergangener Woche während der Pariser Fashion Week.

Selbstverständlich verurteilt die Branche Gallianos antisemitische Verbal-Attacken, die als Video im Internet kursieren. Doch einige kritisieren inzwischen den schnellen Rauswurf bei Dior. Ist die Sache damit wirklich erledigt? Oder sollte man sich nicht doch die Frage stellen, wie es mit Galliano so weit kommen konnte?

Um Antworten zu finden, muss man zunächst seinen Aufstieg beleuchten. In Gibraltar wuchs der Brite mit Roma-Vorfahren in ärmlichen Verhältnissen auf. Er ging nach London, um Design zu studieren, und gründete gleich nach dem Examen 1984 sein eigenes Label. Da war er 24. Bereits drei Jahre später wurde er zum "British Designer of the Year" gewählt. Als Galliano in finanzielle Engpässe geriet, war es "Vogue"-Chefin Anna Wintour, die Geldgeber besorgte.

Ungewöhnliches Schlussbild bei Gallianos letzter Dior-Schau vergangenen Freitag im Pariser Rodin-Museum: Der Designer war nicht
Ungewöhnliches Schlussbild bei Gallianos letzter Dior-Schau vergangenen Freitag im Pariser Rodin-Museum: Der Designer war nicht anwesend - dafür kamen die Mitarbeiter des Schneiderateliers auf den Laufsteg.
© Reuters

Sein Stil gefiel, noch mehr aber sein exzentrisches Auftreten. 1995 wurde er Kreativchef von Givenchy, 1997 machte ihn Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH, zum Kreativdirektor bei Dior. Galliano sorgte für Skandale, etwa mit einer Couture-Show, die sich beim "Look" von Obdachlosen bediente. Das brachte Schlagzeilen - und Dior immense Umsatzzuwächse. Arnaults Strategie war aufgegangen. Galliano wurde zum Sonnenkönig, der am Ende jeder Show den Jubel des Volks entgegennahm. Der Modezirkus liebte seinen hoch talentierten Clown.

Spricht man mit engen Mitarbeitern, bekommt man ein anderes Bild von diesem Menschen. "John ist sehr schüchtern", heißt es da. "Er geht auf niemanden zu. Während der Shows saß er immer backstage in einem Raum, den nur enge Freunde betreten durfte. Vielleicht war es ja sein Problem, dass er für die Öffentlichkeit immer eine Rolle spielen musste." Man hört auch, dass "vor allem die letzten Jahre sehr schlimm für ihn gewesen sind". 2007 beging Steven Robinson, Gallianos Atelierleiter und engster Vertrauter, Suizid. In seiner Trauer suchte Galliano Zuflucht bei Alkohol und Drogen. "So ist er halt", hieß es, wenn er wieder mal über die Stränge schlug. Eher amüsiert als mitfühlend nannten ihn viele "Sue Ellen", nach der alkoholabhängigen Ehefrau von J. R. in der TV-Serie "Dallas".

War es jetzt einfach eine Provokation zu viel? "John ist kein Antisemit", beteuert ein Bekannter. "Er hatte einfach kein Regulativ mehr, wie weit er gehen kann. Schließlich wurde er bisher doch für seine Skandale gefeiert." Nach dem Freitod von Alexander McQueen vor einem Jahr galt Galliano als letztes Enfant terrible der Szene. Er fragte sich in jüngster Zeit immer häufiger, wie er sich in jeder Saison selbst übertrumpfen könne. Ein Denkfehler offenbar, denn genau darauf kommt es in der Mode nicht mehr an. In den Neunzigern noch wurden schillernde Designer wie Popstars verehrt. Pierre Bergé, langjähriger Partner von Yves Saint Laurent, sagt nun: "Modeschöpfer wie Christian Dior brauchten früher weder Handschuhe noch Pferdeschwanz. Ihnen genügte ihr Talent." Dort soll es wieder hingehen.

John Galliano und sein Anwalt Stephane Zerbib (l.) vergangene Woche in Paris auf dem Weg zum Polizeiverhör.
John Galliano und sein Anwalt Stephane Zerbib (l.) vergangene Woche in Paris auf dem Weg zum Polizeiverhör.
© Reuters

Galliano war der Letzte seiner Art. Sein Haus in der Pariser Rue de la Perle verließ er nur mit Leibwächter und Fahrer. Selbst ins Fitnessstudio "L'Usine" ließ er sich im Jeep mit dunklen Scheiben vorfahren. "Er kam immer frühmorgens und blieb nie zum Duschen", verrät ein Angestellter des Gyms. Vertrauen hatte er nur zu wenigen Freunden, einer Männerclique, die sich oft im "La Perle" trafen, einem Bistro ein paar Meter neben seinem Wohnhaus. Mit diesen Männern war Galliano auch zusammen, als er andere Gäste beschimpfte. Seine Clique schweigt. Und hofft, dass John Galliano in der Rehab zur Besinnung kommt – damit der talentierte Designer den einsamen Clown irgendwann wieder überstrahlt.

Marcus Luft, Mitarbeit: Oliver Mohr

gala.de

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