John Galliano: "Das Schlimmste, was ich je von mir gab"

Nach seiner antisemitischen Entgleisung wurde John Galliano aus der Modeszene verbannt. Jetzt, nach fast zwei Jahren, bricht er sein Schweigen – und gibt sich reumütig

Das Video seines Ausbruchs kann man bis heute auf Youtube anschauen, Hunderttausende klickten es bereits an. Vor zwei Jahren beleidigte der damals völlig derangiert wirkende John Galliano in einem Pariser Café eine Gruppe Italienerinnen, die er für Jüdinnen hielt, mit antisemitischen Sprüchen. Und besiegelte seinen Untergang als Stardesigner: Dior feuerte seinen Kreativdirektor unverzüglich.

Zum ersten Mal spricht er jetzt über die Gründe für seinen Ausraster. "Das war das Schlimmste, was ich je von mir gab", sagt er in der Juli-Ausgabe des US-Magazins "Vanity Fair". Angeblich ist es sogar das erste Interview aller Zeiten, in dem der Couturier nüchtern spricht. "Ich fragte mich, wieso mein Hass auf diese Leute gerichtet war", sagt er. Seine Erklärung: "Ich war so wütend und frustriert über mich, dass ich das Verachtenswerteste sagte, das mir einfiel." Beruflicher Druck habe ihn schon lange vorher in Alkohol- und Tablettensucht getrieben.

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Wiesn-Fitting für das teuerste Dirndl der Welt

Lilly Becker und Alessandra Meyer-Wölden mit Gala.de-Redakteurin Jolla
Alessandra Meyer-Wölden und Lilly Becker sind trotz des gleichen Ex-Partners Freundinnen geworden und teilen sich sogar die Liebe zu hochklassigen Dirndln.
©Gala

Rassistische Motive kann sein einstiger Kollege, Couturier und Modeprofessor Julien Furnié, jedenfalls bis heute nicht erkennen. "John Galliano ist eine kreative Kriegsmaschine, das ja. Wenn man sie nicht pflegt, dreht sie durch", sagt er zu "Gala". "Aber antisemitisch? Er war schon als Rabbi auf dem Laufsteg und hat sich schon immer für Minderheiten eingesetzt."

Detailreich beschreibt der jetzt 52-jährige Galliano, wie unselbstständig er war: "Hinter dem Laufsteg war eine Schlange von fünf Leuten, die mir halfen. Einer hatte eine Zigarette für mich, der nächste das Feuerzeug. Ich wusste nicht mal, wie man einen Bankautomaten bedient!" Ein verwöhntes Kind in einem Elfenbeinturm, das irgendwann rebellieren musste und dabei so drastisch übers Ziel hinausschoss.

Im März 2011 tauchte das Amateurvideo aus dem Pariser Café im Netz auf, ein Schrei der Empörung ging um die Welt. Natalie Portman, Jüdin und damals Testimonial des Parfüms "Miss Dior Chérie", gab zu Protokoll, sie sei "schockiert und angewidert". Galliano wurde wegen Beleidigung angezeigt, kam mit einer Kaution davon, machte einen Entzug und eine Therapie und beschäftigte sich intensiv mit der jüdischen Religion. An den Abend selbst will er keine Erinnerung haben: "Als ich das Video sah, übergab ich mich." Was ihm half: einige wenige Freunde. Linda Evangelista besuchte ihn in der Therapie, Kate Moss, einst selbst von der Modebranche nach ihrem Kokainskandal fallen gelassen und triumphal wieder zurückgekehrt, hielt zu ihrem Lieblingsdesigner. "Ihr Hochzeitskleid entwerfen zu dürfen war meine Rettung", so Galliano. Doch ob der Modehimmel seinen gefallenen Gott wieder aufnimmt, wird sich zeigen.

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