Jil Sander: Wie Rodolfo Paglialunga das Label neu aufstellt

Jil Sander stand immer für Minimalismus. Purismus. Perfektion. Dann kam Rodolfo Paglialunga. Der Kreativdirektor mixt die Tradition des Labels mit eigenen Ideen – und das macht er perfekt! "Gala" traf ihn in Mailand

Rodolfo Paglialunga

Wäre das Modeunternehmen Jil Sander ein Gebäude – man müsste es sich als cleanen Bungalow vorstellen. Kein Staubkorn würde man im Wohnzimmer finden. Alle Handtücher wären exakt gefaltet. Die Blumen (weiße Callas!) stünden millimetergenau arrangiert in der Vase. Genau so hat die Hamburgerin Jil Sander ihr Unternehmen aufgebaut. In einer ihrer Schaffenspausen (sie verließ das Haus dreimal) führte der heutige Dior-Designer Raf Simons den kühlen Purismus fort. 2013 ging Jil Sander endgültig. Im April 2014 kam Rodolfo Paglialunga, der auch schon für Prada und Vionnet gearbeitet hat, als Kreativchef.

Ende der Sechzigerjahre gründete Jil Sander in Hamburg ihre Modefirma.

Dem Designer gelingt derzeit ein erstaunlicher Wandel: Er reißt die Mauern des Hauses nicht ab, sondern gibt ihnen einen zeitgemäßen Anstrich. Plötzlich ist Mode von Jil Sander wärmer und femininer. Würde das Unternehmen also ein Gebäude sein: Jetzt wäre es richtig wohnlich.

"Gala" trifft Rodolfo Paglialunga, 47, zum exklusiven Interview in seinem Mailänder Showroom, einen Tag nach seiner zweiten Schau. Er ist höflich und warmherzig. Seine dunkle Hose sitzt ein wenig schief. Am Pulli hängen ein paar Krümel. Und um den Hals trägt er – ja, was eigentlich?

Was haben Sie denn da umhängen?

Das sind meine Hausschlüssel. Damit ich sie nicht verliere.

Stimmt, die hatten Sie ja auch gestern um. Selten gab es in Mailand während der Modewoche so viel Applaus wie für Ihre Show. Sind Sie zufrieden?

Ich bin happy! Alles hat sich so entwickelt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich wollte eine neue Normalität zeigen.

Das heißt?

Ich wollte etwas erschaffen, das total normal wirkt, wenn man es zum ersten Mal sieht. Erst auf den zweiten Blick sollen die besonderen Details sichtbar werden. Meine Kollektion soll einfach zu tragen sein.

Etwas Einfaches zu erschaffen ist oft das Schwierigste.

Da ist etwas Wahres daran. Wenn man an der Silhouette eines Looks arbeitet und es zu schlicht wird, kann das auch langweilig aussehen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich liebe den Minimalismus! Aber viele leben immer noch im Minimalismus der Neunziger. Die Kleiderschränke sind voll mit solchen Sachen.

Basics eben. Aber wie sieht nun der neue Minimalismus aus?

Es geht darum, dass man überraschende Farben zusammenstellt oder Materialien mixt, die eigentlich nicht füreinander bestimmt sind.

Ihre erste Kollektion für Jil Sander war ein Statement. Fühlten Sie sich sehr unter Druck?

Jil Sander ist insofern eine schwierige Marke, weil sie eine relativ kurze Geschichte hat. Sie ist ein Label unserer Zeit. Und ich wollte natürlich auch versuchen, meine Ideen mit der DNA des Hauses zu verbinden.

Wollten Sie der berühmten Gründerin auch ein bisschen gefallen?

Die Frage kann ich nicht beantworten. Jemand sagte vor meiner aktuellen Show, dass ich bei meinem Design- Debut "Jil Sander gemacht" hätte und man nun sehen wolle, was ich selbst einbringen kann. Ich sehe das so: Natürlich erinnert einiges an Frau Sander, aber wir reden ja auch über ein minimalistisches Haus. Ich kann nicht plötzlich barocke Mode entwerfen. Dennoch glaube ich, dass ich viel Neues eingebracht habe. Im Minimalismus geht es um eher leise Veränderungen.

Minimalismus 2015: Die Jil-Sander-Frühjahrskollektion überzeugt durch einen wärmeren Touch. So starke Material- und Farbkombinationen hätte es bei diesem Label früher nicht gegeben

Hat Minimalismus Glamour?

Ja. Sicher nicht, wenn Sie darunter Bling- Bling verstehen. Aber Glamour kann ja auch etwas mit Selbstbewusstsein und Reduzierung zu tun haben.

Jedenfalls sind Ihre Kollektionen nicht mehr so kühl wie frühere ...

Wissen Sie, es ging bei Jil Sander immer um Perfektion. Aber das ist vielen Menschen in der heutigen Zeit zu anstrengend. Ich finde es spannender, wenn an einem cleanen Look Rüschen zu sehen sind! Das macht es softer und weiblicher.

Das perfekt Unperfekte – das ist neu. So etwas hätte es bei Frau Sander nicht gegeben. Eher hätte sie die Kollektion verbrannt!

(lacht) Ich bin Italiener ... Wir arbeiten mit Fehlern. Das unterscheidet uns sicherlich. Ich gebe mir allerdings sehr viel Mühe, damit etwas zunächst falsch aussieht und doch richtig ist.

Ihre Position passt zu der aktuellen Diskussion darüber, dass Mode heute vor allem "realistisch" sein muss.

Ja, das stimmt. Ich denke bei meiner Arbeit immer daran, dass sich jede Frau ihren Look am Ende selbst zusammenstellt. Heute haben Designer die Aufgabe, tragbare Teile zu kreieren.

Mit dieser Einstellung wären Sie noch vor ein paar Jahren als Kreativdirektor wahrscheinlich entlassen worden.

Vermutlich. Aber um diesen Ansatz geht's doch heute. Verrückt sind nun eher subtile Dinge. Etwas Ironisches, kleine Details. Die meisten Frauen arbeiten heute und kümmern sich außerdem um die Familie. Natürlich wollen sie sich schön anziehen. Aber es muss in ihren Alltag passen.

Sandale mit prägnantem Blockabsatz. Umhängetasche aus Kalbsleder

Hat sich dadurch insgesamt die Funktion der Mode verändert?

Frauen kaufen ihre Mode heute aus emotionalen Gründen. Sie brauchen eigentlich nichts Neues – sie wollen es.

Trotz Ihrer Ideen bleiben Sie den Wurzeln der Marke treu. Die neuen Kreativdirektoren bei Gucci und Saint Laurent brechen dagegen mit der Vergangenheit. Warum ist diese Radikalität nichts für Jil Sander?

Weil ich die Marke und ihre DNA einfach zu sehr schätze. Wenn es auch hier um Radikalität ginge, wäre ich der falsche Mann für diesen Posten. In unserem Fall ist es gut, unseren Weg zu gehen. Wer an Jil Sander denkt, der denkt an Qualität, Tragbarkeit, Silhouetten, Perfektion ...

... aber die wollten Sie doch aufgeben!

Was ich aufgeben will, ist die Neunzigerjahre-Definition der Perfektion. Ich möchte ihr die Strenge nehmen. Minimalismus ist heute ein Teil diverser Trends. Damals war es der Trend. Ich möchte den Minimalismus neu definieren.

Hat das auch damit zu tun, dass High-Street-Marken wie COS inzwischen Mode anbieten, die optisch aus dem Haus Jil Sander stammen könnte?

Vielleicht gibt es dort Dinge, die es früher bei Jil Sander gab – natürlich in anderer Qualität. Daher ist es schon wichtig, dass wir etwas anderes machen. Unsere Mode muss zeitlos sein. Man wird sie auch in vielen Jahren noch tragen können.

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