Jil Sander: "Ich möchte andere vom schlechten Geschmack erlösen"

Jil Sander gibt nur äußerst selten Interviews. Zum Start ihres neuen Projekts sprach sie mit GALA über ihre Mission als Designerin, die Lust an der Perfektion - und Accessoires als Parallelwährung

Jil Sander

Jeder Mensch hat seine Idole – ich bin wegen Jil Sander überhaupt erst Modejournalist geworden. Wegen jener Frau, die mit Mitte zwanzig ihren ersten Shop in Hamburg-Pöseldorf eröffnete und von hier aus die Fashion-Welt revolutionierte. Bis heute sprechen alle bewundernd über ihre Leidenschaft für klare Schnitte und edle Stoffe. Längst ist sie Deutschlands einflussreichste Designerin. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in meiner Studentenzeit an ihrem Haus vorbeispazierte und sie in einem Bentley vorfuhr. Sie stieg aus – dunkler Hosenanzug, weißes Hemd, strenger Mantel. Bis heute mein Stil-Vorbild.

Das bisher letzte Mal sahen wir uns vor vier Jahren in ihrem Mailänder Showroom, da gönnte sie sich gerade einen Salat. Ihr Händedruck war zart, ihre Stimme weich. Seitdem ist viel passiert. Jil Sander verließ aus persönlichen Gründen ein weiteres Mal ihre eigene Firma, zog sich zurück. Nun ist sie wieder da, mit einem fulminanten Projekt: Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst zeigt ihre große Ausstellung "Präsens" (4. November 2017 bis 6. Mai 2018). Dafür hat die heute 73-Jährige raumgreifende Installationen zu ihrem Werk entwickelt.
Der perfekte Anlass, um über den Stand der Mode zu sprechen.

Frau Sander, viele Designstudenten nennen Sie als ihr großes Vorbild.

Wenn ich Vorbild bin oder war, so ist mir das nie bewusst geworden. Es gab sehr früh schon viele Fans, die mir auch schrieben. Das berührt, und es hat mich bei meiner Arbeit immer sehr motiviert.

Wie haben Sie Ihren Einfluss genutzt?

Ich habe nie politisch oder strategisch gedacht. Ich zweifle auch, ob die eigene Bekanntheit Vorteil verschafft. Man muss sich immer wieder von Neuem beweisen.

Ist Ihnen bei der Organisation der Ausstellung etwas Neues an Ihrer Arbeit aufgefallen?

Mir ist angenehm aufgefallen, dass alles Gezeigte eine Signatur trägt. Meine Lebenshaltung und meine Ideale finden sich überall wieder.

Hat sich Ihre Definition von Modernität im Laufe der Jahre verändert?

Natürlich. In den Sechziger- und Siebzigerjahren ging es um Neuentwürfe, die ohne Dekor und eine übertriebene Weiblichkeit auskommen. Damals war das konventionelle Frauenbild noch sehr verbreitet. Später ging es mehr um Formstudien, um das Spiel mit Proportionen. Auch um Mode, die in den Schnitten feminin und maskulin ist, ohne Stereotypen zu bemühen.

Welche Funktion hat Mode?

Mode befreit uns, macht uns bereit für neue Selbstentwürfe. Und sie gibt uns ein Gefühl für den historischen Augenblick und die Energie, die in ihm steckt. Heute kommt es mir manchmal so vor, als würden die Menschen lieber als Mitläufer in Erscheinung treten statt als Akteur des Zeitgeistes. Ich bin sehr einverstanden mit Understatement, aber es ist schade, wenn man Mode nur zum Untertauchen gebraucht. Denn auch ein schlicht wirkender Schnitt und eine unterschwellige Farbigkeit können mit einem qualitativ hochwertigen Stoff und intelligenter Verarbeitung sehr attraktiv sein. Die Energie, die der Purismus der Form zum Ausdruck bringt, war mir immer wichtig.

Muss Mode Bestand haben?

Selbst die klassischste Form unterliegt der Veränderung, weil alles im Fluss ist. Man spürt an sich selbst, dass das Lieblingsstück des letzten Jahres im nächsten nicht unbedingt mehr dasselbe leistet. Proportionen, Stoffe, Silhouetten, all das lebt mit dem Zeitgeist.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Mode und Bekleidung?

Mode setzt sich mit dem Fluidum der Gegenwart auseinander. Sie ist im Gespräch mit einer Vielzahl von Phänomenen, alles geht in sie ein. Und sie ist durch eine Designerpersönlichkeit gefiltert, die den Versuch macht, das alles in einen Entwurf zu übersetzen. Bekleidung bewegt sich bestenfalls im Reich der guten Kopie.

Ist Mode heute lauter?

Wir hatten schon sehr laute Mode-Epochen. Heute gibt es den Vintage-Trend, der mit Versatzstücken und Kollagen spielt. Weil es dabei eher auf Kontraste als auf eine in sich schlüssige Vision ankommt, sind diese Trends vielleicht auch lauter. Daneben gibt es die sehr stille, fast camouflageartige Mode.

Derzeit sind Marken wie Gucci, die mit vielen Prints, Retro-Details und verrückten Farben auf sich aufmerksam machen, extrem erfolgreich. Verstehen Sie das?

Der Globalismus hat der Mode viele neue Konsumenten in anderen Teilen der Welt gebracht, für die sie eine neue Erfahrung ist. Sie haben die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts im Westen nicht mitgemacht und sind neugierig auf alles, was für uns schon Geschichte war. Hinzu kommt eine Jugend, die der industriellen Produkte überdrüssig ist und sich für alles interessiert, was den Anschein des Selbstgemachten und der Handarbeit hat. Vintage und übertriebenes Styling reagieren auch auf den Recycling-Trend.

Können Sie etwas mit den Begriffen Must-have, It-Bag oder Streetstyle anfangen?

Streetstyle ist noch etwas anderes als It-Bags und Must-haves: Sie werden von den Social Media und den Influencern beworben. In den Nullerjahren waren Trend-Accessoires vor allem ein Wegweiser für die neuen Konsumentennationen. In China waren bestimmte Taschen fast eine Parallelwährung. Dem Streetstyle fühle ich mich in vieler Hinsicht sehr nahe. Als ich die "+J"-Kollektionen für Uniqlo entworfen habe, ging es mir auch darum, den Streetstyle qualitativ zu unterstützen. Wir leben in keiner Zeit mehr, wo man sich fünfmal am Tag umzieht.

Mittlerweile sind Produkte erfolgreich, weil sie viele Likes bekommen oder von Influencern getragen werden.

Propaganda ist wirksam, ganz einfach. Aber Kleidungsfetische sind keine Mittel, um den Träger physisch attraktiv zu machen. Sie zeigen nur – wie schon im 19. Jahrhundert –, dass man sich etwas leisten kann, aber sie verhelfen nicht zu einer sympathischen Präsenz. Das Wissen darum, was einem steht und guttut, scheint mehr und mehr verloren zu gehen.

Kann man heute noch eine Karriere wie Ihre starten?

Warum nicht? Jede Geschichte ist einmalig, und jedes echte Talent findet seinen Weg. Nachdem ich mich für die Ausstellung intensiv mit meiner Vergangenheit beschäftigt habe, ist mir allerdings klar geworden, dass ich die Chance hatte, vieles zum ersten Mal zu tun. Es gab in den Sechzigerjahren bei Weitem nicht so viele Modedesigner wie heute. Ich musste mir keine Sorgen um meine Sichtbarkeit machen. Heute ist sicher das Hauptproblem, überhaupt eine Plattform für das eigene Design zu finden.

Der beste Stoff, der perfekte Schnitt: Warum war es Ihnen immer so wichtig, keine Kompromisse einzugehen?

Ein Kompromiss verdirbt alles. Es ist nicht egal, welchen Stoff man nimmt, welchen Schnitt, welches Model. All diese Entscheidungen werden unter höchstem Druck mit absoluter Konzentration getroffen. Und es ist bei allem Stress auch ein großes Glück, zur richtigen Lösung zu finden. Warum sollte man auf diese Genugtuung verzichten? Es geht ja auch um eine Vision, um eine Mission. Man wird leicht unglaubwürdig.

Während Ihrer aktiven Zeit als Unternehmerin und Designerin waren Sie für Ihre Perfektion bekannt. Ich erinnere mich an eine Freundin und ehemalige Mitarbeiterin von Ihnen, die mir mal erklärte, wie wichtig es Ihnen beispielsweise war, wie der Löffel neben der Kaffeetasse arrangiert wurde.

In dieser Hinsicht hat sich nichts geändert. Selbst wenn ich eingeladen bin, fange ich an, Dinge umzustellen und zu korrigieren. Wahrscheinlich ist diese Eigenart der Grund, aus dem ich Designer wurde.

Stichwort Perfektion: Waren feste Termine, zum Beispiel eine Show, eher ein Drama, weil Sie loslassen mussten? Oder wirkte das beruhigend?

Ich habe ja schon von der Konzentration unter Stress gesprochen. Nichts gelangt zur Reife ohne einen gewissen Druck, der Entscheidungen erzwingt. Das Loslassen kommt später, nach der Deadline. Aber bis zu ihr hin ist der Kopf hellwach und verschenkt nichts.

Fühlen Sie sich von schlechtem Geschmack beleidigt?

Ich nehme nichts persönlich. Aber ich habe immer den Wunsch, andere vom schlechten Geschmack zu erlösen. Oft handelt es sich nur um Kleinigkeiten, die eine vorteilhafte Veränderung mit sich bringen. Ich bin einfach ein Spezialist für das Optische.

Ist Minimalismus für Sie eine Lebenseinstellung?

Ich bin keine Minimalistin. Die Preise der Stoffe, die ich verarbeitet habe, sprechen von einer anderen Art der Opulenz. Um den Purismus zu verwirklichen, den ich schätze, sind zahllose Fittings und große Einsätze auf allen Ebenen nötig. Wenn ein Kleidungsstück Energie haben soll, muss man viel Zeit und Genie investieren.

Sie haben die Mode beeinflusst wie kaum ein anderer Designer. War Ihnen das immer klar und wichtig?

Ich wollte mit überlebten Moden aufräumen. Ob es mir gelungen ist, ist eine andere Frage. In den Neunzigern sah es so aus. Inzwischen befinden wir uns in einer ganz anderen Situation.

Vermissen Sie es heute, als Designerin zu arbeiten?

Es ist meine Ausdrucksform, die ich daher natürlich vermisse. Aber ich kann mir auch neue Gebiete vorstellen, auf denen ich mich verwirkliche.

Sie haben mit "+J", einer Kooperation mit der japanischen Modekette Uniqlo, gezeigt, dass hervorragende Mode nicht teuer sein muss. Liegt hier aber nicht andererseits ein Problem? Denn die Ästhetik minimalistischer Luxusmarken bieten nun Ketten wie Cos & Co. für wenig Geld an.

Dass es wenig Geld kostet, ist ja kein Problem. Ich freue mich darüber. Nur hängt das Ergebnis von der Sorgfalt der Prototyp-Erarbeitung ab, und von Materialentscheidungen.

Tragen oder benutzen Sie Jil-Sander-Produkte?

Ich trage Uniqlo "+J" und Jil Sander.

Können Sie leicht loslassen?

Ich habe das Loslassen lernen müssen. Ich glaube, es ist weise, sich nicht zu sehr mit Dingen zu identifizieren, die vergehen.

Themen

Mehr zum Thema

Star-News der Woche