Jean Paul Gaultier: Darf ich bitten, Madame?

Tausendsassa mit Talent, Teddy und Tarot. Die fabelhafte Welt des Jean Paul Gaultier

Jean Paul Gaultier

X– das ist der Buchstabe

, den Jean Paul Gaultier besonders liebt. Weil er Taille hat. Man könnte fast denken, das Schriftzeichen trüge ein Korsett. Beide, Taille wie Korsett, sind typisch für die Entwürfe des Pariser Modemachers. Kundinnen in aller Welt lieben diesen körperbetonten Appeal mit genau der richtigen Portion Sex.

Haute Couture: Für diesen Sommer ließ Gaultier sich von "Avatar" und von den Azteken inspirieren.

Sex – ein Wort, das, glaubt man Gaultier, nur auf x enden kann. "Es ist interessant, welche Symbolkraft generell in Buchstaben steckt", sinniert er beim Interview in seinem Modehaus, einem stilvoll renovierten Zunftquartier aus dem Jahr 1912 im dritten Pariser Arrondissement. "X ist ein starkes Zeichen mit perfekter Symmetrie. Mich interessiert der Punkt, an dem sich die Linien treffen, die Vereinigung. Sie ist mystisch und supererotisch. Was ist dagegen ein U?" Ja, was? "Ein Loch, in das alles hineinfällt. Voilà!" Er lacht laut und ein wenig meckernd, aber höchst ansteckend. Und dann hängt er seinem Favoriten im Alphabet, dem er kürzlich eine ganze Kollektion widmete, noch ein Quäntchen mehr Bedeutung an: "Fischernetze sind ein einziges Flechtwerk aus diesem Zeichen." Und was geht denen nicht alles in die Fänge!

Allerdings stehen Jean Paul Gaultiers Modemaschen dem in nichts nach. Kein anderer Pariser Designer hat mit dem eigenen Label seit Jahrzehnten so viel und so kontinuierlich Erfolg wie er. Seit 1976 präsentiert er eine stets unkonventionelle, immer Trends setzende Prêt-à-porter-Linie. Er machte Unterwäsche und Punklook salonfähig und das Ringel-T-Shirt im Matrosenstil zum Dauerbrenner. Immer für Überraschungen gut, ließ er für seine Herrenlinie die ersten Dressmen im Rock über den Catwalk marschieren.

Etwas braver fallen die kommerzielleren Linien wie die Jeans-Kollektion und das sportliche Unisex-Label "JPG by Gaultier" aus, die später dazukamen. 1997 wagt der Tausendsassa – während reihum große Häuser ihre Luxusschiene stilllegen - gar den Schritt in die Haute Couture. Und gewinnt! Heute gehört er zu dem kleinen, elitären Kreis der Könner, die sich auf eine Handvoll Stammkundinnen verlassen können. Bei Gaultier sind es gerade mal 20 Frauen weltweit, die bereit sind, ein Vermögen für seine exquisit geschnittenen und extrem raffinierten Roben hinzublättern.

Rihanna, Katy Perry & Co. lieben Jean-Paul Gaultier dafür, dass er ihnen immer eine Extraportion Sexappeal verleiht.

Die Schauspielerin Arielle Dombasle krönte Ende Januar den Abschluss des Haute-Couture-Defilees in Paris.

Diese Karriere hatte dem jungen Mann aus der Pariser Vorstadt, der nie eine Modeschule besuchte, anfangs niemand zugetraut – außer seiner Großmutter. Die Krankenschwester, die ihren Patienten auch mit Schönheitsmasken, Kosmetik- und Modetipps wieder auf die Beine half, machte ihrem Enkel immer Mut. "Ich war ein sehr schüchterner Junge", erzählt Gaultier freimütig, "ich fühlte mich in der Schule und unter den anderen Jungs nie wohl." Lieber baute er zu Hause Theaterdekorationen und zeichnete Schuhe. Außerdem entwarf er damals bereits seine erste Kollektion, "für meinen Teddy". Er lacht und witzelt: "Der hat sich wenigstens nie beschwert, wenn ich ihn mal aus Versehen mit der Nadel gepikst habe." Seine Großmutter fand diese modischen Spielereien nicht albern, meinte nur: "Mach weiter so. Alles wird gut." Die Gewissheit dazu gaben ihr die Tarot-Karten. Die sagten Jean Paul nämlich eine tolle Karriere voraus. "Das hat mir Selbstvertrauen gegeben." Keine Angst, vor nichts und niemanden habe er seitdem. Was sollte nach diesem Orakel auch schiefgehen?

Mit 17 schickt er seine Modezeichnungen an Pierre Cardin, der erkennt sein Talent und stellt ihn als Assistenten ein. Im Haus Jean Patou lernt er später das Couture-Handwerk, kehrt wieder zu Cardin zurück und macht sich mit 24 Jahren selbstständig. Schnell wird die Branche auf ihn aufmerksam. Seine schrägen Defilees sind mehr Showact als gesittete Modenschau. Das liegt an den ausgefallenen Locations und an den Models, die er auch im Bekannten- und Freundeskreis rekrutiert, vorzugsweise pfundige Typen – Lichtjahre bevor Karl Lagerfeld kurzfristig den Kurven von Gossip-Sängerin Beth Ditto verfiel. Und das wiederum hat mit Gaultiers Art zu tun, Mode spektakulär von unten nach oben zu kehren. Korsett überm Blazer, reichlich Strapse, Oberteile mit ausgeprägt spitzen Satin-Bustiers – Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre allemal ein Skandal im Modebezirk.

"L’enfant terrible" nennen sie ihn, "das schreckliche Kind". – "Ein englischer Journalist hat mich so getauft", erinnert sich Gaultier, "Wenn so etwas von außen kommt, gilt es immer mehr. Die Franzosen haben es dann übernommen." Gestört oder gar geärgert habe ihn der Spitzname nie. Im Gegenteil. Er sieht darin ein Kompliment. "Damals war die große Zeit der Couture und der Designer Claude Montana und Thierry Mugler. Ich war anders als die anderen und störte diese Szene. Das hat mir total Spaß gemacht." Schade sei, dass man ihn heute nicht mehr so nennen könne, "wegen meines Alters". Schon gackert er wieder fröhlich drauflos.

57 Jahre ist er jetzt. Kein Grund, nicht mehr jede Menge Spaß zu haben. "Wer wie ich seinen Kindheitstraum lebt, bleibt Kind. Und muss es auch. Nur das gibt die Frische, Dinge immer neu zu sehen. Diesen Zustand habe ich konserviert." Er gibt ihm Energie. So viel, dass er es schafft, nebenher auch noch die Prêt-à-porter-Linie des Pariser Traditionshauses Hermès zu verantworten.

Der Modekapitän Gaultier und die blau-weißen Matrosenstreifen sind eine Liebe fürs Leben. Früher sah man ihn selbst nie ohne, heute zieht er lieber andere damit an.

Bei diesem kreativen Output geht Gaultier zuweilen die "Blasierheit" gehörig auf die Nerven, die er bei vielen seiner Landsleute zu spüren glaubt. "Es schockiert mich immer, Leute zu sehen, die niemals sagen, wenn etwas gut ist. Die meinen stattdessen lieber affektiert: 'Das ist nicht schlecht.' Das ist traurig. Die Fähigkeit, sich noch wundern und für eine Sache begeistern zu können, ist etwas Unverzichtbares."

Sein Enthusiasmus gilt auch dem Film. "Ich versuche, zweimal pro Woche ins Kino zu gehen. Aber in Paris laufen jede Woche zehn neue Filme. Wie soll man das schaffen?" Am liebsten sind ihm Filme, die "auf eine gewisse Art zum Träumen anregen". Wie die des italienischen Kultregisseurs Federico Fellini. Wichtig ist ihm aber, dass trotz aller Fantasiewelten immer noch "ein Schuss Wahrhaftigkeit" dabei ist. "Reine Fiktion mag ich nicht. Als Zuschauer muss ich noch sagen können: Das könnte mir auch passieren."

Madonna provozierte 1990 mit sexy Bühnen- Outfits, allesamt entworfen von Jean Paul Gaultier

Seine Affinität zur Bühne nutzen Regisseure von Film und Theater nur zu gern und engagieren Jean Paul Gaultier als Kostümbildner der Extraklasse. Für die Space Opera "Das fünfte Element" von Luc Besson hat er die Protagonisten ebenso spektakulär ausgestattet wie Madonna und Kylie Minogue für ihre Tourneen. Hand aufs Herz, Monsieur, welche der beiden Diven ist denn einfacher einzukleiden? "Madonna dirigiert", plaudert er aus dem Nähkästchen, "sie schreibt ihr Spektakel selbst und erwartet Outfits, die perfekt dazu passen. Das ist sehr professionell." Und wie ist es bei Kylie? "Oh, die lässt mir totale Freiheit, steht dann vor den Kleidern und sagt: 'Das mag ich und das. Oder doch lieber das?‘"

Die Stars haben es ihm schon immer angetan. Seine Lieblingsheroine bleibt Katharine Hepburn. "Die Latzhosen, die sie immer trug: wunderbar!", schwärmt er. "Was für eine Allüre." Klar, dass er eine Couture-Variante davon kreieren musste. Aus schwarz schimmerndem, mit Satin abgefüttertem Leder mit Krokodiloptik. African Queen anno 2010 à la Gaultier. Für solche quasi eingewebten Sottisen hat er eben ein Händchen. Man kann sich genau vorstellen, wie er sich (kindlich) freut, wenn ihm wieder so ein Entwurf mit Kick gelingt. Dann grinst er von einem beringten Ohr zum anderen. Er liebt sie einfach, die Mode mit JuX.

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