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Jason Wu Happy in Germany

Diane Kruger ist mit Jason Wu befreundet und großer Fan seiner Kreationen.
Diane Kruger ist mit Jason Wu befreundet und großer Fan seiner Kreationen.
© PR
Er ist der Lieblingsdesigner von Michelle Obama und neues Mode-Idol in Hollywood – nun verleiht Jason Wuals Kreativdirektor Hugo Boss seine Handschrift. "Gala" traf ihn in New York und in der schwäbischen Provinz

New York im Februar. Es ist Fashion Week und bitterkalt. Bald soll ein Schneesturm die Stadt lahmlegen. Vor einem Wolkenkratzer in der Nähe des Central Parks halten die Limousinen und schicken die elegant bis verrückt gekleideten Fashionpeople hinaus in den Schnee. Die stöckeln zum Eingang, fahren mit dem Lift nach oben. Im großen Saal, dekoriert mit Wiesengras und Birken, sitzen Gwyneth Paltrow und Diane Kruger in der ersten Reihe. Auch Anna Wintour wartet geduldig. Dann beginnt die Fashionshow. Die besten Models zeigen eine perfekt inszenierte Kollektion. Es wird ein Triumph.

Metzingen im Juni, Mittagspausenzeit, sehr warm. Auf der Terrasse der Kantine der Hugo Boss AG sitzen Frauen im Kittel und reden über Kässpätzle und darüber, dass sich der Mann als Geburtstagsessen einen Kasseler-Rollbraten wünscht.

Countdown: Die Models warten auf den Start der Show von Hugo Boss in New York. Wus Premieren- Kollektion spielt mit strengen Silhouetten und warmen Farben
Countdown: Die Models warten auf den Start der Show von Hugo Boss in New York. Wus Premieren- Kollektion spielt mit strengen Silhouetten und warmen Farben
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Zwei Welten, so unterschiedlich wie Hose und Rock. Und doch sind beides Inspirationsorte für jenen Mann, den "Gala" zum Interview treffen wird: Jason Wu, vor 31 Jahren in Taiwan geboren. Mit seiner Ernennung zum Kreativdirektor von Hugo Boss gelang dem deutschen Modeunternehmen vor einem Jahr ein Coup. Jason Wu gilt in den USA als Wunderkind. Michelle Obama ist Freundin und Stammkundin. Beim Ball zur Einführung des US-Präsidenten trug sie ein Kleid des Designers.

Wir, so die Botschaft von Hugo Boss, wollen nicht mehr nur Herren- und Damenausstatter sein, der zweimal im Jahr eine große Promiparty veranstaltet. Wir wollen nun in der High-Fashion-Liga mitspielen. Dass dies gelingen wird, daran ließ die Debüt-Kollektion von Jason Wu schon während der eiskalten New Yorker Fashion Week keinen Zweifel. Seine Mode spielt mit Gegensätzen, die Schnitte sind perfekt. Wu hat die Coolness einer Jil Sander und das Designverständnis eines Calvin Klein. Vor allem aber beherrscht er die Kunst des Weglassens. Wu konzentriert sich aufs Wesentliche. Er hat eine Vision, eine Aussage. Dazu ist er charmant und sehr selbstbewusst.

Als man Ihnen den Job angeboten hat, haben Sie da erstmal gegoogelt, wo Metzingen liegt?

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung und lernte all das hier ja dann auch relativ schnell kennen. Ich mag es hier.

Normalerweise entschuldigt sich erst einmal jeder Angestellte von Hugo Boss dafür, dass er in Metzingen, also in der Provinz, arbeitet.

(lacht) Wirklich amüsant. Meine Perspektive ist natürlich eine andere. Ich schaue mir das Unternehmen und den Ort quasi von oben an. Daher ist mein Bild von Metzingen ganz anders. Der größte Teil der Inspiration meiner ersten Kollektion kommt von hier. Viele würden das wahrscheinlich gar nicht sehen, da es die Dinge hier vielleicht schon 20 Jahre gibt. Es ist die Boss-Story, die es schon immer gab, die aber noch niemand erzählt hat.

Und wie geht die?

Ihr Deutschen geht ganz anders an Mode heran als Italiener oder Franzosen. Es geht um Materialien, Strukturen, Silhouetten. Davon möchte ich erzählen.

Viele hat Ihre Ernennung überrascht. Sie auch?

Ja, am Anfang schon. Schließlich stehe ich eher für eine sehr feminine Mode. Und Hugo Boss eher für eine klare, strenge Business-Kollektion.

Strenge trifft auf Wärme. Die Winterkollektion zeichnet ein exzellentes Spiel mit Gegensätzen aus
Strenge trifft auf Wärme. Die Winterkollektion zeichnet ein exzellentes Spiel mit Gegensätzen aus
© PR

Fiel es Ihnen schwer, diese beiden Richtungen zusammenzubringen?

Nein. Frauen wollen wieder femininer werden. Daher spielt Glamour eine wichtigere Rolle. Diane Kruger trug bei der Gala des Metropolitan Museums bereits einen Look von Boss. Glamour passt zu Boss. Das muss man natürlich langsam aufbauen. Schließlich hat das Unternehmen noch andere Wurzeln. Boss ist ja auch in der Kunst und im Film engagiert.

Bringen Sie ohne Weiteres Ihre eigene Kollektion und Ihre Arbeit bei Boss unter einen Hut?

Ach, ich liebe an euch Deutschen, dass ihr so wahnsinnig durchstrukturiert seid. Mein Plan steht schon bis nächstes Jahr. Ich liebe dieses Deutschtum. Das hilft bei der Arbeit sehr. Und so lerne ich auch für meine eigene Marke immer wieder etwas dazu.

Dennoch sind Sie die meiste Zeit in New York, richtig?

Ich habe dort ein Atelier mit 15 Designern für Boss. Aber ich bin regelmäßig in Metzingen. Meine Aufgabe als Kreativdirektor ist es, eine klare Vision in alle Abteilungen zu tragen. Man muss sich sicher sein, was man will und welche Haltung man hat, sonst wird es für alle schwierig.

Die Arbeit eines Designers hat sich schon sehr verändert, oder?

Die Basis ist geblieben: Man hat eine Idee im Kopf, bringt sie zu Papier, setzt sie in Stoff um und macht eine Kollektion daraus. Was sich geändert hat, ist das Umfeld. Designer waren früher nicht präsent. Balenciaga oder Dior haben selten oder nie Interviews gegeben. Heute siehst du unsere Show im Livestream, zwei Millionen schauen zu, es gibt Posts auf Facebook und Instagram. Designer passen sich dem an, weil sie es müssen.

Was ist in Zeiten wie diesen denn die Funktion von Mode?

Claus-Dietrich Lahrs, CEO der Hugo Boss AG, begrüßte in New York auch Gwyneth Paltrow
Claus-Dietrich Lahrs, CEO der Hugo Boss AG, begrüßte in New York auch Gwyneth Paltrow
© PR

Dass man nicht friert und nass wird. (lacht) Mode war noch nie so erfolgreich wie jetzt. Alle interessieren sich dafür. Es gibt einen Hype um Fashion. Egal wen man trifft: Zunächst beurteilt man ihn danach, was er trägt.

Amerikanische Designer sind bekannt dafür, dass sie – im Unterschied zu Kollegen aus Paris etwa – sehr tragbare Kollektionen entwerfen.

Ja, das stimmt. Wir haben schon sehr früh verstanden, wie wichtig das Geschäft ist. Am Ende geht es darum, ein gutes Produkt zu liefern. Mode muss auf der Straße zu sehen sein. Darum geht es.

Durch diese Demokratisierung hat natürlich auch jeder eine Meinung über Mode.

Wohl wahr. Das Erste, was du als Designer lernen musst, ist, dass man es niemals allen recht machen kann. Das Gute aber daran ist, dass man viel mehr mitbekommt. Nehmen Sie Instagram: Ich bin besessen davon, weil man viel mehr erfährt und sieht. Dennoch ist es natürlich wichtig, dass man nicht in einem Elfenbeinturm lebt. Man muss raus. Das Berufsbild hat sich insofern schon sehr verändert.

Gerade ältere Kollegen von Ihnen kritisieren, dass Mode mittlerweile so schnell geworden ist. Sie dagegen mögen diese Entwicklung?

Absolut. Ich werde unruhig, wenn ich keine hundert E-Mails in einer Stunde bekomme oder ein Download länger als eine Minute dauert. Ich kann mir nicht vorstellen, zwei Minuten ohne ein Telefon auskommen zu müssen. Meine Generation lebt mit alldem. Warum sollte ich es verabscheuen? Es gehört dazu. So läuft das eben heute.

Gala

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