Fashion-Look: Die Bühne als Laufsteg

Schon immer galten Bands und ihre Sänger als Stilvorbilder. Unser Autor Clark Parkin erinnert sich an seine Teenager-Zeit - und zeigt, dass Designer und Popstars bis heute ein enges Verhältnis zueinander pflegen

Popstars

Es gibt Momente, die sich auf ewig

ins jugendliche Gedächtnis eingebrannt haben.Wie der Tag, an dem ein Mitschüler die neue "Bravo" aufschlug und wir uns über ein ganzseitiges Foto von Boy George beugten.

Boy George und seine Band Culture Club waren gerade mit ihrem ersten Hit "Do You Really Want To Hurt Me" in den Charts. Des Sängers Outfit führte zu heftigsten Diskussionen. Boy George sah aus wie eine peruanische Hochlandbäuerin, die auf Jamaika einen Joint zu viel geraucht hatte. Dazu war er geschminkt wie eine Geisha. Die meisten Mädchen fanden dieses Wesen, das so kokett mit seiner sexuellen Identität spielte, "total süß". Die meisten Jungs fanden den Typen dagegen "total blöd". Genau definieren konnten sie das allerdings nicht. Vielleicht war es einfach diese Mischung aus zu viel Schminke, verbunden mit einer sehr hohen Stimme.

Für mich war es eine meiner ersten Lektionen in Sachen Styling: Boy George hatte mit seinem Look eine ganze Mode-Epoche vorweggenommen.

Boy George und seine Band Culture Club.

Betrachtet man in der Rückschau die Wirkung, die bestimmte Phänomene der Pop- und Rockmusik auf die Mode haben, so stellt man fest, dass es einerseits eine unmittelbare Wirkung gibt - aber auch einen Langzeiteffekt, der über Jahrzehnte wirken kann. Was Boy George unmittelbar hervorrief, waren die Horden junger Mädchen, die seinen Look bis ins letzte Detail kopierten und so zu den Konzerten gingen. An derart gekleidete Jungs kann ich mich dagegen nicht erinnern. Gleichzeitig gab es einen Schminkboom bei den Mädchen an meiner Schule: schwarzer Lidstrich, ineinander verlaufende, schillernde Pink- und Orangetöne als Lidschatten und ein blass gepuderter Teint.

Doch Boy Georges Einfluss geht weiter. Die unbekümmerte Art, sich stilistisch aus verschiedenen Ethnien zu bedienen, sieht man zehn Jahre später auf Goa-Partys, wiederum einige Jahre später ist es John Galliano, der diesen Stil in der Pariser Haute Couture bei Dior etabliert. Geisha, Rasta, Machu Picchu, es gibt wohl keine Himmelsrichtung des Planeten, in der Galliano nicht für seinen elektrisierenden Mash-up gewildert hätte. Sicher hatten sich auch schon vorher Designer von Folklore inspirieren lassen, als Beispiel seien hier nur die frühen Kollektionen von Kenzo Takada genannt. Doch hätte es in der Musik nicht Cross over-Formen wie die von Massive Attack gegeben, ein vergleichbares Miteinander der verschiedensten kulturellen Referenzen wäre wohl kaum vorstellbar.

Josephine Baker im Bananenröckchen.

Ein anderes schönes Beispiel dieser Art von Langzeitwirkung: Als Josephine Baker mit ihrer "Revue Nègre" in den Zwanzigerjahren in Paris erschien, sind die Menschen ausgerastet. Im Bananenröckchen tanzte sie jeden Abend im Théâtre des Champs-Elysées und löste mit ihrer Performance eine Modewelle aus.

Plötzlich war alles, was mit dem schwarzen Kontinent zu tun hatte, chic. Die Pariser interessierten sich für afrikanische Stammeskunst, kauften Masken, Schmuck, Holzstatuen. Es etablierten sich unzählige Galerien zwischen Quartier Latin und Saint Germain, die heute noch existieren. Auch auf Yves Saint Laurent, der wohl täglich an ihnen vorbeilief, müssen sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Seine Afrika-Kollektion von 1967 mit ihren aus dunklen Holzperlen in Makramee-Technik geknüpften Kleidern kann man heute als einen seiner revolutionärsten Entwürfe überhaupt bezeichnen.

langer Arm reicht sogar bis in die Neuzeit. Ihr Bild im Bananenröckchen muss auf dem Moodboard für Miuccia Pradas Sommerkollektion 2011 gehangen haben: Auf einem Volant-Rock im Twenties-Style fand sich die Banane als Zitat aus afrikanischem Wachs-Druck wieder.Sogar das passende Bananenhemd wurde angeboten - und weltweit erfolgreich verkauft.

Meistens fing alles mit einem neuen Musikstil an, zu dem eine neue Frisur nötig wurde, immer sehr zum Verdruss des Establishments. Die Elvis-Tolle der Halbstarken, die Pilzköpfe der Beatles, die langen Haare der Hippies, der Irokese der Punks. Frisuren sind die Waffen der Jugend: Sie kosten weniger Geld als neue Klamotten, und man kann sich sicher sein, dass man damit die vorangegangene Generation auf die Palme bringt. Jugendliche Protestbewegungen und Rockmusik haben schon immer eine besondere sexuelle Anziehung entwickelt. Der klassische Rock'n'Roll ist auch in seiner Endphase noch gut für ein modisches Revival. Oder hätten Sie je gedacht, Elvis' strassbesetzte Nietenkostüme auf dem Laufsteg wiederzusehen? Miuccia Prada verpflanzte seine späte Entgleisung in eine Fifties-Garderobe– und landete damit in diesem Frühjahr einen Modehit.

Fashion-Looks

Der Style von Lady GaGa

Wow, was für eine Lady in Red spaziert denn hier durch die Straßen von Paris? Keine Geringere als Sängerin Lady GaGa. Ihr stylishes Midi-Kleid mit Schleifen-Applikation am Hals stammt von dem amerikanischen Label "CO". Zum Kleid kombiniert die Sängerin eine Cat-Eye-Brille im 60's Look und schwarze klassische Pumps - très chic!
Wer den Leo-Look liebt, sollte sich eines merken: Je mehr Raubkatze, umso wilder das Outfit. Daher gilt die Fashion-Regel: Lieber einen Gang zurückschalten und nur ein Stück mit dem Animal-Print tragen. Doch Lady Gaga folgt ihrem ganz eigenen Mode-Gesetz. Bei ihr ist mehr einfach mehr. 
Am Abend des gleichen Tages geht Lady Gagas Kostüm-Show weiter. Von der Raubkatze verwandelt sie sich in ein Crew-Mitglied von "Star Trek". Beam her up, Scotty!
Rodeo scheint am Tag zuvor das Motto von Lady Gaga zu sein. Ein paar Inspirationen könnte sich die Sängerin aber auch aus "Fifty Shades of Grey" geholt haben. Was für ein skurriler Mix aus Lederriemen, Cowboy-Accessoires und Diva-Attitüde.

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Pete Doherty verkörpert nicht nur einen Rocker-Image er trägt auch Designer-Anzüge und es passt hervorragend zusammen.

Folgt man den Spuren der Bühnenkostüme, landet man oft bei einem Designer. Oder umgekehrt. Hedi Slimane zog Anfang des neuen Jahrtausends auf Inspirationssuche für seine "Dior Homme"-Kollektionen durch Berliner und Londoner Clubs. Hier castete er junge Bands für seine Schauen. Später verkaufte er deren jugendlichen Rock-'n'-Roll-Look an die Rolling Stones. Slimane hat sich außerdem von Pete Doherty inspirieren lassen - und der zeigte sich wiederum in Slimanes ultraschmal geschnittenen Dior-Anzügen.

Rocker im Designer-Anzug? Ganz neu ist das nicht. Am Anfang ihrer Karriere sahen viele Bands noch brav aus. Sogar die Rolling Stones oder die Beatles, von den Frisuren einmal abgesehen. Mit dem ersten Erfolg gab es dann eine Wandlung zu mehr Exzentrik. Die hautengen geblümten Rüschenhemden der Rolling Stones in den späten Sechzigern haben die Mode beeinflusst, geschneidert hat sie der legendäre Londoner Schneider Mr. Fish. Ähnliches trifft auf den Punk zu. Zerschlissene T-Shirts, Sicherheitsnadeln in den Wangen und Karohosen mit Bondage-Gürteln waren eine Erfindung von Malcolm McLaren und VivienneWestwood, die mit den Sex Pistols quasi das Modell der Castingband erfanden. Doch nicht jeder Retortenband, die einen grandiosen Look aufweisen konnte, war ein vergleichbarer Erfolg beschert. Oder erinnern Sie sich noch an die Kostüme von Sigue Sigue Sputnik?

Die Punkbewegung und die Sex Pistols gehören einfach zusammen. Malcom McLaren und Vivienne Westwood gaben der Band den unverkennbaren Fashion-Look.

Nicht jedes Bühnenkostüm ist in der Mode zitierfähig. Auch eingefleischte Kiss-Fans legten sich das Make-up der Band nur zu Konzertbesuchen auf. Anders dagegen Robert Smiths The Cure. Die blass geschminkte Gothic-Mode mit gekreppten Haaren und Sado-Maso-Accessoires war mehr als ein Look, sie war eine Weltanschauung, ein selbstgewähltes Außenseitertum. Heute ist Gothic dank Musikern wie Bill Kaulitz Teil des Mainstreams. Rick Owens, in dessen Kreationen Kaulitz gelegentlich gesichtet wird, und Gareth Pugh sind Teil einer Gothic-Modesparte. Auch die belgischen Dekonstruktivisten wagen Ausflüge ins Genre, wie jüngst in der Kollektion von Ann Demeulemeester zu sehen war.

Kein Popstar hat sich aber so sehr an die Mode rangeschmissen wie Madonna. War der Look aus weißer Spitze und Rosenkränzen zu "Like A Virgin" noch eine eigene Erfindung, entwickelte sie sich bald zur öffentlichsten Kleiderstange der Welt. Das spitzbrüstige Bustier aus ihrem Video zu "Open Your Heart To Me" von 1986 soll übrigens nicht von Jean Paul Gaultier stammen - dem Designer, der sie später für ihre "Blond-Ambition"-Tour einkleidete -, sondern von der New Yorker Designerin Norma Kamali.

Bill Kaulitz, der Sänger von Tokio Hotel, präsentiert die Mode von DSquared in Mailand.

Die bisher letzten Stars, die der Mode Impulse gegeben haben, sind Amy Winehouse und Lady Gaga - auf ganz unterschiedliche Weise. Amy Winehouse' selbstgeschaffene Gesamt- Looks aus zotteliger Beehive-Frisur, abgeschnittenen Jeans und über dem Bauch geknoteten Flohmarktblusen trug sie auch im wirklichen Leben. Und Lady Gaga, deren Bühnenkostüme selten zur Nachahmung taugen, hat es geschafft, ein Versace- Revival auszulösen, in dem sie über Monate ausschließlich Vintage-Teile aus deren Archiv trug.

Tourkostüme, Promotionfotos, Celebrity-Dressing: Heute gibt es nur noch wenige Momente einer modischen Unschuld, in der aus einer Musik ganz ohne Marketinginteressen ein Stil erwächst. Wenn man Lady Gaga nicht mehr toppen kann, dürfte die nächste Phase eine der demonstrativen Verweigerung sein. Aber auch das ist nichts Neues in der Beziehung zwischen Mode und Musik. Kurt Cobain zog sich ein Blümchenkleid an, damit niemand seinen Look kopierte, die Trainingsanzüge der Britpopper der frühen Neunziger sind aus ähnlichen Motiven geboren.

Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, hieß in den Achtzigern eine recht erfolgreiche Synthie-Band,die schon mit ihrem sperrigen Namen versuchte, die Mechanismen des Pop zu widerlegen. Genervt davon, dass ihre Bühnenoutfits sofort von ihren Fans kopiert wurden, beschlossen sie eines Tages, das unglamouröseste, hässlichste Kleidungstück zu tragen, das sie sich vorstellen konnten. Sie liehen sich die alten Strickjacken ihrer Väter und gingen damit auf die Bühne. Der Effekt ließ nicht auf sich warten. Zum darauf folgenden Konzert erschienen die Fans in Strickjacken.

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