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Fashion Verstehen sie Cocooning?

Kuschelalarm: Popstar Adele im Stricknirvana
Kuschelalarm: Popstar Adele im Stricknirvana
© Picture Alliance
Spinnen die Designer jetzt? Irgendwie schon. Nach Raupenvorbild packen sie uns in Oversize-Jacken, wattierte Blazer und ganz viel Strick – frei nach dem Motto: Verpuppen leicht gemacht!

Zukunftsvision

"In meinem Leben hat es zwei Offenbarungen gegeben: Die erste war Bebop-Jazz, die zweite LSD", soll die berühmte Trendforscherin Faith Popcorn einmal gesagt haben. Mit Offenbarungen kennt sie sich aus. Immerhin sagte sie schon in den Neunzigerjahren einen der größten Trends unserer Zeit voraus: das "Cocooning". Der Begriff leitet sich vom englischen Wort für "verpuppen" ab, einen Kokon schaffen. Ihr war aufgefallen, wie müde die Menschen von ihrem damaligen Lifestyle waren, von langen Nächten in Clubs, Alkohol und wenig Schlaf. Es werde die Leute in Kürze wieder nach Hause ziehen, meinte sie, in eine neue Geborgenheit. Dass sich daraus eine allgegenwärtige Lebenseinstellung entwickeln sollte, damit hatte wohl noch nicht einmal die Trend-Koryphäe gerechnet.

Gepolsterte Gemütlichkeit: Sessel "Husk" von B&B Italia. Der Cardigan von Lala Berlin lässt sich gut layern.
Gepolsterte Gemütlichkeit: Sessel "Husk" von B&B Italia. Der Cardigan von Lala Berlin lässt sich gut layern.
© PR

Zeitgeist

Eingelagerte Teppiche wurden wieder ausgerollt, Duftkerzen verbreiteten überall ihre wohlriechenden Aromen und der nüchterne Wohnstil der 80er- und frühen 90er-Jahre wurde ordentlich aufdekoriert und somit ausgemerzt. Naheliegend war aber auch, dass die Garderobe dem neuen Zeitgeist angepasst werden musste. Japanische Modedesigner wie Junya Watanabe waren die Ersten, die voluminöse Schnitte zeigten, wattierte Stoffe und futuristische Formen, ein bisschen nach dem Vorbild des Michelin-Männchens. Extravagant sah das aus, war aber auch wahnsinnig bequem. Ungefähr so behaglich musste sich eine Seidenraupe in ihrer Pubertät im Kokon fühlen.

Cocoon-Couture

Für den kommenden Herbst wurde der Verpuppungstrend von zahlreichen Designern umgesetzt. Beim New Yorker It- Label Proenza Schouler sah man Jacken mit weichen, runden Schultern. Jungdesigner Leandro Cano zeigte bei seiner ersten eigenen Show in Berlin wattierte, gepolsterte Kostüme und weite Grobstrickjacken, die ein bisschen an frühe Kindertage erinnern. Gemütliche Oversize-Mäntel entwarfen gleich mehrere Häuser: Stella McCartney, Phillip Lim und Céline legten Winterjacken wie Kuscheldecken um die filigranen Modellkörper. Bei Hugo "rüstete" man richtig auf. Mit futuristischen Schulterelementen, die augenscheinlich wie Panzer gegen Stress und Unwohlsein wirken sollen.

Trendsetter

Warum so viele Designer diesem Trend folgen? Darüber kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht sind die Olsen-Zwillinge schuld. Ein klitzekleines bisschen zumindest. Sie wissen schon, Mary-Kate und Ashley, bekannt aus Disney-Filmen und Vorabendserien. Beide stehen für einen einzigartigen Stil, irgendwo zwischen Bohème und Clochard. Übergroße Mäntel, gerne mal gelayert mit Cardigans und Tüchern über bodenlangen Maxikleidern. Und das bei einer Körpergröße von gefühlten 120 Zentimetern. Mutig irgendwie. Aber zumindest sieht man den Twins an, dass es gemütlich ist. Und genau danach verlangt es uns zurzeit. Das beweisen reißend abverkaufte Magazine, die ein Leben im ländlichen Idyll proklamieren. Oder strickende Trendsetter in Berlin-Kreuzberg, die sich an den Oversize-Cardigan wagen und den ersten Versuch mit so viel Würde tragen, dass wir ihnen verlorene Maschen und Unregelmäßigkeiten huldvoll verzeihen.

Stil-Leben

Wie aber trägt man denn nun den Cocooning-Look, wenn man nicht Mary-Kate oder Ashley Olsen heißt? Es spricht wirklich rein gar nichts gegen einen Oversize-Mantel im Winter, solange er zum figurbetonten Look kombiniert wird. Den gemütlichen Riesen-Strickpullover tragen Sie zu scharfen Skinny-Jeans und Stilettos und den Blazer mit runden Schultern zum knackig engen Pencilskirt. Das ist nicht gemütlich, sagen Sie? Na ja, dafür gibt es doch die Duftkerze und das neue Strickmuster für zu Hause. Und vielleicht ein kleines bisschen Bebop-Jazz ...

Sebastian Stein


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