Dior - Kris van Assche: Mit Liebe zum Detail

Der Name Dior wiegt schwer. Seit sieben Jahren stemmt nun Creative Director Kris van Assche diese Last bravourös. Wie gelingt ihm das?

Dior - Creative Director Kris van Assche

Es war ein großes Erbe, das Kris van Assche, 38, antrat. Als Creative Director von Dior Homme ersetzte er Hedi Slimane, der den Look der Männerlinie mit sehr schmaler Silhouette und starken Taillierungen so geprägt hatte. Van Assche möchte nur ungern über seinen Vorgänger sprechen, zu oft musste er sich Vergleichen stellen. Dabei hat sich der Belgier längst künstlerisch freigeschwommen und der Kollektion seine eigene Handschrift verpasst – und ein bisschen die von Firmengründer Christian Dior.

Der klassische Dior-Homme-Kunde legt Wert auf erstklassige Verarbeitung die die liebe zum Detail

Kris van Assche, wie würden Sie das Konzept Ihrer jüngsten Kollektion beschreiben?

Ich habe mich das erste Mal ganz bewusst mit Christian Dior beschäftigt. Er selbst hat ja nie eine Menswear-Kollektion verantwortet. Deshalb war mein Ansatz in vorherigen Kollektionen eher konzeptioneller Natur. Es ging mehr um Konstruktionen, Eleganz, Schönheit ... In den letzten beiden Saisons ging es dann mehr um ihn als Person, darum, wie er sich selbst gekleidet hätte, um Maßanzüge, Polka Dots, Nadelstreifen und auch um sein Umfeld, seinen Freundeskreis, der insbesondere aus Künstlern bestand. Das alles floss in die Kollektionen ein.

Inwiefern?

In der jüngsten hatten wir diese handgeschriebenen Details, die aus einem Brief Diors stammten, den ich in den Archiven gefunden hatte. Bis dahin hatte ich noch nie seine Handschrift oder seine Unterschrift gesehen. Sie ist wirklich unheimlich schön! So wurde seine Handschrift eine Art roter Faden, der sich durch die Kollektion zieht, fast so, als hätte er an jedes einzelne Outfit selbst Hand angelegt.

Als Sie 2007 Ihren Job als Creative Director bei Dior Homme antraten, hatten Sie da schon eine Vision, in welche Richtung die Kollektion gehen sollte?

Als ich vor sieben Jahren hier anfing, war genau das die Frage, die ich mir selbst stellte, die Millionen-Dollar-Frage: Wie sollte die Männerlinie eines Couture-Hauses im Jahr 2007 aussehen ...

Zu diesem Zeitpunkt sprach Dior Homme mit einer sehr, sehr schmalen Silhouette einen ganz speziellen Männertyp an.

Ich habe von Anfang an versucht, der Linie eine zeitgemäße und luxuriöse Richtung zu geben. Ich denke, das war es, was vielleicht ein bisschen gefehlt hat und was meiner Meinung nach nötig war. Also beschäftigte ich mich erst einmal grundsätzlich mit dem Modebusiness. Was sofort auffällt, ist die Tatsache, dass alles sofort kopiert werden kann. Eben noch auf dem Laufsteg, findet man eine billige Kopie zwei Wochen später im Laden um die Ecke. So ging es zunächst um eine ganz grundlegende Frage: Was muss etwas haben, um nicht kopiert werden zu können? Schlicht und ergreifend: echte Qualität, gute Verarbeitung und Liebe zum Detail. All diese Dinge, die aus der High-End-Mode kommen. Und das machte auch Sinn. Schließlich haben wir hier ein In-house-Atelier, mit Menschen, die zum Teil 20, 30 oder 40 Jahre für Dior arbeiten und auf einen großen Erfahrungsschatz im Bezug auf Schnitt und Handwerk zurückgreifen können. Also ging es eher darum, sich auf die Wurzeln zu besinnen und zurückzukehren, um die Linie so in eine luxuriöse Richtung zu bringen, aber in einer zeitgemäßen Art.

Polka Dots und Maiglöckchen: Die aktuelle Kollektion von Dior Homme spielt mit Elementen, die auch Firmengründer Christian Dior gefallen hätten

Wenn man Dior hört, denkt man sofort an die Fotos von Willy Maywald und den „New Look“. Wie passt Dior Homme in diese Welt?

Christian Dior wollte nie ein Revolutionär sein, er wollte Frauen einfach so schön machen, wie er nur konnte. Das mag heute eine sehr krasse Sichtweise sein. Die Leute sehnen sich nicht notwendigerweise nach Schönheit. Deshalb berufe ich mich eher auf dieses technische Level, darauf, wie Kleidung hergestellt ist. Sehen Sie: Wäre ich eine Frau, ich würde Diors Kleider auf links gedreht tragen, weil sie so wunderschön konstruiert sind! Ich mag diese Art von technischer Schönheit. Dinge sind aus einem ganz bestimmten Grund da und nicht einfach nur schmückendes Ornament. Die Art, wie er seine Kleider konstruiert und dekonstruiert hat, entspricht ziemlich genau der Art, wie wir heute Anzüge konstruieren und dekonstruieren.

Wie wichtig ist die Firmengeschichte für Ihre Arbeit?

Sehr wichtig! Weil sie mir einen Rahmen gibt, in dem ich arbeiten kann. Aber das ist ein abstrakter Bereich. Letztlich mache ich die Regeln selbst, weil es zu Diors Zeiten einfach keine Männerkollektion gab, auf die ich mich berufen kann. Ich glaube aber, ich habe das immer sehr respektvoll gemacht.

Es hat sich nie wie in einem Käfig angefühlt?

Nein, nie! Dior ist eines der größten Modehäuser der Welt. Wie könnte das nicht motivierend sein … Aber das hat nichts mit der Historie des Hauses zu tun, sondern vielmehr mit der aktuellen Entwicklung.

Designen Sie für einen bestimmten Männertyp?

Das kommt darauf an, ob ich für mein eigenes Label designe oder für Dior. Bei Dior können wir uns auf keinen einzelnen Männertyp festlegen, weil es einfach so viele unterschiedliche Kunden gibt. Auf der einen Seite gibt es den traditionellen Kunden, der klassische Schnitte bevorzugt, auf der anderen Seite den Fashion- Liebhaber. Und natürlich gibt es viel dazwischen. Ich könnte noch nicht einmal von mir selbst sagen, wo ich stehe. Ich denke, das ist genau das, was Dior ausmacht: dass das Label unterschiedliche Männertypen anspricht, ohne dass die dabei ihre Identität verlieren.

Dem Belgier van Assche ist es gelungen, die Dior-DNA in eine Männerlinie zu übersetzen

Sie haben gerade Ihr eigenes Label erwähnt. Ist es manchmal schwierig, die Arbeit für beide Labels voneinander abzugrenzen?

Am Anfang war es nicht ganz einfach, aber ich habe inzwischen ein ganz gutes Gefühl dafür entwickelt. Die Arbeit verläuft einerseits sehr fließend und dann doch wieder so unterschiedlich. Bei Dior arbeite ich mit dem Atelier, alles ist "work in progress". Du fängst mit einer Skizze an, die wird dann diskutiert, auf den Kopf gestellt, und am Ende wird aus einer Hose eine Jacke. Bei meinem eigenen Label arbeite ich mit einem kleinen Team. Wir schicken eine Skizze an unsere Produzenten in Italien oder wo auch immer und wissen genau, was wir zurückbekommen. Man könnte sagen: Bei Kris van Assche ist eine Skizze bereits das Ergebnis, bei Dior ist sie erst der Anfang. Selbst wenn ich also ursprünglich eine ähnliche Idee für beide Labels hätte, würde das Endprodukt komplett anders aussehen. Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr, ich habe eine ganz gute Intuition, welche Ideen richtig für Dior sein könnten oder aber für mein eigenes Label. Am Anfang wäre ich bei einer ähnlichen Idee noch ausgeflippt, heute weiß ich, dass am unterschiedliches herauskommt.

Wenn Sie im weiten Feld der Männermode eine Sache ändern könnten, was wäre das? Sollten Männer mutiger sein?

Das kann ich nicht beantworten, weil es so viele unterschiedliche Stile gibt, wie es Männer gibt. Zeigen Sie mir hundert Männer, und ich könnte wahrscheinlich hundert unterschiedliche Dinge finden, die man verändern könnte. Letztlich geht es vielmehr darum, individuell das Beste aus seinem Selbst zu machen, und nicht darum, dass am Ende alle gleich aussehen.

In einem früheren Interview haben Sie einmal gesagt, Ihr Job verlange bedingungslose Leidenschaft. Habe ich das wirklich gesagt?

Offensichtlich. Na, wenn Sie das gelesen haben, wird es bestimmt stimmen. (lacht)

Nehmen wir an, Sie haben es gesagt: Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Sie deshalb im Leben etwas verpasst haben?

Was ich wahrscheinlich gemeint habe, ist, dass es das einzige Leben sein muss, das man leben möchte. Wenn es etwas anderes gibt, das dich vielleicht auch interessiert, dann sollte man diese andere Sache tun. Das Business ist tough. Man sollte sich dessen bewusst sein, dass es die gesamte Aufmerksamkeit verlangt. Aber habe ich deshalb etwas verpasst? Verpasst nicht jeder mal etwas im Leben? Es ist einfach eine Lebensentscheidung, und ich bin sehr glücklich damit.

Waren Ihre Eltern auch glücklich, als Sie ihnen sagten, Modedesigner werden zu wollen?

Oh, meine Eltern waren nicht wirklich begeistert. Sie wussten aber auch nicht, dass Mode ein Job sein kann. Sie sind sehr traditionelle Menschen, fern von dem künstlerischen Metier. Es hat ihnen Angst gemacht. Aber sie waren trotzdem sehr offen und ließen es mich versuchen – und haben sicherlich trotzdem die Daumen gedrückt, dass ich irgendwann die Lust daran verlieren würde. (lacht)

Sie sind ja in einer Kleinstadt aufgewachsen und waren sicher auch immer der "komische Typ", der sich für Mode interessierte. Wollten Sie es diesen Leuten vielleicht auch ein bisschen beweisen?

Wissen Sie, ich habe mein Label seit zehn Jahren und bin seit sieben für Dior verantwortlich. Sicherlich gab es in dieser Zeit auch Momente, in denen ich anderen Menschen etwas beweisen wollte. Aber es wäre schlimm, wenn man es nur aus diesem Antrieb heraus tun würde. Ich tue es für mich selbst!

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