Daphne Guinness Das Einhorn


Sie trägt extravagante Haute Couture, ihren Schmuck als Rüstung und überirdische Schuhe - die Irin Daphne Guinness ist das Fabelwesen der Modewelt

Sie ist im delikaten Biotop der Modewelt so etwas wie das letzte lebende Einhorn.

Ein Fabeltier, das für das Gute und Reine steht, das aber umso scheuer ist, je näher man ihm kommt. Die Baronin gilt als Exzentrikerin, was in britischer Tradition als höchste Form des Kompliments gilt. Neben ihr sieht Lady Gaga aus wie eine ambitionierte Schaustellerin vom Jahrmarkt. Daphne Guinness, 42, ist kein Showgirl, sondern eine Art literarische Figur, die man erfinden müsste, wenn es nicht schon das lebende Vorbild gäbe. "Du hast aufgehört, als Person zu existieren. Du bist ein Konzept!" So (ver-)dichtet der französische Philosoph und Publizist Bernard-Henri Lévy die Hymne an das Leben seiner Geliebten.

Diese Geliebte ist Brauerei-Erbin, Künstlerin, Patronin der Haute Couture, Filmemacherin (ihr Kurzfilm "Cashback" war für die Oscars nominiert), Parfum- und Modeschöpferin, Socialite, Muse und Mutter. Ihr Haar, weißblond mit schwarzer Strähne, trägt sie zu einer Art "Skunk"-Pompadour- Frisur hochgesteckt - ihr Markenzeichen und eine nur scheinbar improvisierte, fotogene Variante des Dutts. Ihre Kleidung ist eine irre Mischung aus "Blade Runner" und Heinrich VIII, ein glamouröser wie fragiler Kosmos, in dem Rüstungen eine Rolle spielen. Turmhohe Plateau-Schuhe, in denen sie seit Jahren angeblich schmerzfrei läuft. In ihrem Zuhause hat sie menschliche Skelette stehen, denen sie gern ihre Kleider überstreift. In ihrer Leidenschaft für Mode ist The Honourable Daphne Suzannah Diana Guinness, so lautet ihr offizieller Titel, selbst zu einer Ikone geworden, die Couture nicht trägt, sondern sie mit Leben erfüllt. "Man darf Kleider nicht einfach nur anziehen", ist ihr Credo, "man muss sie bewohnen! Kleider müssen ein Teil von dir, deiner Persönlichkeit werden." Sie hat eine Vorliebe für Spitzenvolants und Rüschen sowie wispernden Samt, wie man es von britischen Regency-Dandys kennt. Disziplinierte Kleider- Silhouetten mit engen Taillen markieren ihren zarten Größe-34-Körper. Fotokünstler wie Nick Knight und David LaChapelle inszenierten Porträts von Daphne Guinness. Wären diese Bilder aber Werke des legendären englischen Porträtmalers Thomas Gainsborough, so würde der Betrachter in das Antlitz einer Lady, ebenso wie in das eines Lords schauen. "Ich bin wie ein drittes Geschlecht", hat Daphne Guinness einmal über sich selbst offenbart.

Für Modedesigner sie die ideale Kundin. Weil sie mehr macht aus den Entwürfen ihrer Lieblinge, deren Visionen sie mit ihrem aristokratischen Kuss zum Leben erweckt. Sie besteht darauf, bar zu bezahlen. Es würde ihr im Traum nicht einfallen, wie "gewisse Prominente" für "lau" auf Laufstegen der Society, roten Teppichen, Vernissagen aufzutreten. Jene Promis? Eine schlimme Kaste für sie! "Ich verstehe wirklich nicht, warum Celebritys nicht ihre eigenen Kleider kaufen können. Eine Elizabeth Taylor hätte keine Sekunde daran gedacht, sich von irgendwelchen Stylisten vorschreiben zu lassen, was sie zu tragen hat!" Sie ist eine veritable Mäzenin, keine Muse, wie oft behauptet wird. "Ich bin doch kein Maskottchen! Und ich stehe auch bei niemandem unter Vertrag." Für Valentino ist sie "der kreativste Modemensch, ohne eine Designerin zu sein". Für Tom Ford ist sie "eine der stilvollsten, wenn nicht die stilvollste Frau der Welt".

Man muss ihre außergewöhnliche Herkunft, ihre Biografie in Betracht ziehen, um Daphne Guinness besser erfassen zu können. Sie ist die Tochter des Brauerei-Erben Jonathan Guinness alias Dritter Baron Lord Moyne und die Enkelin von Diana Mitford, die 1932 skandalöserweise mit Oswald Mosley durchbrannte, dem Führer der britischen Nazis und großem Bewunderer Adolf Hitlers. Daphnes Mutter, die zweite Frau von Jonathan, ist Suzanne Lisney (sie starb an Krebs), eine französische intellektuelle Schönheit, deren Entourage aus Künstlern wie Man Ray und Marcel Duchamp bestand. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte Daphne in einer Künstlerkolonie nahe Barcelona. Dort schwamm sie in Salvador Dalis Swimmingpool inmitten der Hummer des Malers. Daher, sagt sie heute, komme wohl ihre große Faszination für Panzer und Rüstungen. Man weiß ja, dass auch Dali ein Exzentriker war, aber die Guinness-Familie hat selbst ihn auf die Probe gestellt. Da gibt es die Anekdote, wonach sich der Dali gern zum Lunch bei der Bier-Dynastie einlud. Er erschien pünktlich zur Mittagszeit und saß und grummelte und wartete allein vor sich hin; er musste sich gedulden, niemand scherte sich um ihn - bis endlich gegen fünf serviert wurde.

Als Teenager besuchte Daphne, die jüngste von fünf Geschwistern, regelmäßig Andy Warhol in New York - ihre Halbschwester Catherine war dessen persönliche Assistentin. Daphne Guinness wollte Opernsängerin werden, doch dann, im Alter von 19 Jahren, heiratete sie schwer verknallt den griechischen Reeder Spyros Niarchos. Das Paar bekam drei Kinder (Nicolas, 20, Alexis, 19, und Ines, 15). 1999 ließ man sich scheiden, was ihr angeblich eine Abfindung von 20 Millionen Pfund bescherte. Über ihre "Zeit im Goldenen Käfig" sagt sie heute diskret: "Wir haben eine exzellente Basis für unsere Beziehung gefunden."

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Über das Zerbrochene und das Zerbrechliche in ihrem Leben können nur sehr intime Freunde berichten. Wir können es nur ahnen und ihre eigenen Schmuckentwürfe und Kreationen betrachten, ohne die sie nie aus dem Haus geht. Es gibt kaum ein Bild von ihr ohne diese mittelalterlichen Harnische: schwere Ringe an den Händen, Schutz-Klammern in gehämmertem Edelmetall um die zarten Gelenke, ein dekorativer ziselierter Gurt um ihre fragile Mitte, eine Alexander-McQueen-Schulter-Krone, die sie wie ein Hermelin beschützt. Auch reptilienartige Panzer gehören zu ihren Obsessionen: Mit Shaun Leane, ehemalige Schmuckdesignerin für Alexander McQueen, hat sie den wohl wertvollsten Armschmuck der Neuzeit entworfen. Fünf Jahre lang hat sie dafür gebraucht. Und präsentierte im Juli das Werk einer kleinen Schar Gäste wie Tom Ford und Modekritikerin Suzy Menkes. Als Gastgeschenk gab es für jeden eine handgeschriebene Karte und einen Solitärdiamanten.

Uschka Pittroff

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