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Carine Roitfeld "Mode muss zeitlos sein"


Sie ist die größte Stil-Ikone der Modewelt. "Gala" traf Carine Roitfeld in Mailand

Am späten Abend blinkt das Blackberry. Eine SMS von ihr. "Sorry, Marcus. Können wir uns vielleicht auch eine Stunde früher treffen? Ich habe einen wichtigen Termin. Xc". So lief das schon die ganzen vergangenen Wochen. Sie ist beschäftigt, fliegt ständig durch die Welt. Jene Frau, die zehn Jahre lang die französische "Vogue" geleitet hat, dann kündigte und seitdem erfolgreicher ist als je zuvor: Carine Roitfeld, 58. Und glücklicher, möchte man hinzufügen. Denn wer die Französin, die mit ihrem Modestil zum Idol vieler Frauen wurde, lange kennt, stellt fest, dass sie heute noch freier und positiver wirkt. Ihre Gesichtszüge wirken weniger angespannt. Vögel, die bei der "Vogue" in einem goldenen Käfig gelebt hätten - so versicherte sie mir bei unserem ersten Treffen vor exakt sechs Jahren .- erwachten mit neuer Energie.

Am nächsten Tag, punkt halb elf, die Lobby des Hotels "Four Seasons" in Mailand. Carine kommt herein. Weiter Teddymantel, Pencil-Skirt, Kaschmir-Cardigan, helle High Heels. Wir freuen uns beide über das Wiedersehen. "Bestellst du mir bitte einen grünen Tee", sagt sie. "Ich muss kurz etwas aus meinem Zimmer für dich holen!“ Sie ist schneller wieder da, als der Tee ziehen kann. In der Hand hält sie ihren großen Stolz:

die zweite Ausgabe ihres Magazins "CR -Fashion Book", das in diesen Tagen erscheint. "Das erste Heft war sehr spontan. Diese Ausgabe ist fokussierter. Ich mache alles selbst: die Organisation, die Shootings, die Themenabnahme", erklärt sie. "Wir sind ein sehr kleines Team. Es macht wahnsinnig viel Spaß."

Carine, Sie sind der beste Beweis dafür, dass die Weisheit stimmt: Wenn man eine Tür schließt, öffnet sich automatisch eine andere.

Ich bin eine angstfreie Person. An dem Tag als ich bei "Vogue" aufgehört habe, kamen neue Angebote. Und es ist wirklich so, dass sich immer neue Möglichkeiten ergeben. Als ich zum ersten Mal Großmutter geworden bin, habe ich auch zum ersten Mal als Model gearbeitet. ( lacht)

Für Mac Cosmetics, für die Sie eine Make-up-Linie entworfen haben...

Genau. Und nun mache ich auch noch diesen Job bei "Harper’s Bazaar".

Sie werden Global Fashion Director und bestimmen den Stil aller erscheinenden "Bazaar"-Ausgaben mit.

Unglaublich, non? Mit meinem Heft spreche ich 50000 Leser an. Mit "Harper’s Bazaar" sind es elf Millionen. Aber ich habe mir diesen Job nicht ausgesucht. Es war deren Idee.

Das klingt nach einer großen Verantwortung...

Ist es auch. Wenn ich einen Look empfehle, sehen es elf Millionen Menschen - von China bis in die USA. Aber ich habe von Karl Lagerfeld gelernt, dass man im Leben immer wieder etwas Neues machen muss. Der Kick, etwas zum ersten Mal zu machen, reizt mich. Ich habe alle Freiheiten, aber ich nutze sie sicher nicht aus. Ich will Mode leicht erzählen und bin sicher nicht mehr so radikal wie früher in der "Vogue", als wir unsere Models fesseln ließen. Das ist vorbei.

Mode ist doch ohnehin belangloser geworden, oder?

Zumindest hat sie einen anderen Stellenwert. Jedenfalls für mich. Mode ist für mich zweitrangig. Es geht - gerade auch in meinem eigenen Heft - eher darum, Persönlichkeiten vorzustellen. So wird auch die Mode, die wir zeigen, wichtiger. Ich glaube, dass Mode mittlerweile zeitlos sein muss.

Die aktuelle Fashion Week hier in Mailand kommt mir größtenteils langweilig vor. Ich mochte bisher nur Prada.

Prada ist immer sehr aufregend, weil man nie weiß, was Miuccia Prada zeigen wird. Aber ich mag auch die Kollektionen, die Tomas Maier für Bottega Veneta entwirft. Beide lieben Frauen. Das merkt man. Ich sehe mich als Vermittlerin zwischen dem Catwalk und den Lesern. Ich glaube, die Aufgabe von Stylisten ist es, andere Styling-Optionen vorzustellen, Alternativen zu bieten.

Ich fand auch die erste Show von Tom Ford für sein eigenes Label in London großartig …

Das war etwas ganz Besonderes. Es ging um die Schönheit der Frauen und um Glamour.

Ist es das, was wir vielleicht heute so oft vermissen?

Ganz bestimmt. Es sollte viel mehr um die Schönheit gehen, egal in welchem Alter eine Frau ist. Sich schön anzuziehen, etwa für einen Ballettabend, hat auch etwas mit Respekt den anderen gegenüber zu tun. Man sollte sich daher, glaube ich, mehr darum kümmern, gut gekleidet zu sein.

Schaut man sich die vielen Blogger und Streetstyle-Fotografen an, glaubt man allerdings, dass Fashion vor allem crazy sein muss - und schnelllebig.

Das Internet hat da eine andere Aufgabe. Hier kann man Trends sehr rasch abbilden. Magazine spielen eine andere Rolle. Hier geht es mehr ums Träumen. Aber ich gehöre auch zu einer anderen Generation. Ich habe als Jugendliche noch jahrelang auf meine erste Chanel-Tasche gespart. Heute wollen schon 16-Jährige alles sofort haben.

Verrückt, oder?

Nein, traurig. Nur wenn man darauf spart, kann man Werte schätzen. Mode ist nicht für den Moment. Es geht um etwas Bleibendes. Es geht nicht darum, das Neueste und Teuerste zu tragen. Den Rock, den ich gerade anhabe, besitze ich schon fünf Jahre.

Sie müssen natürlich immer gut aussehen, da Sie ständig fotografiert werden. Nervt das?

Vielleicht manchmal ein wenig. Aber eigentlich sollte ich froh sein, dass ich fotografiert werde und die Blogger mich mögen. In ein paar Jahren wird das nicht mehr so sein. Also lächle ich und genieße es. In New York bin ich bei einer Show gestolpert und hingefallen. Niemand hat mich dabei fotografiert. Das nenne ich Respekt. Und genau diesen bringe ich auch den Bloggern entgegen.

Aber auf Facebook sind Sie nicht vertreten?

Nein. Ich finde Twitter sehr spannend und äußere meine Meinung eher über die Website meines Magazins. Ich mag Instagram, aber ich habe dort selbst kein Profil.

Warum nicht?

Ich sehe ohne Brille sehr schlecht und würde mich immer vertippen oder wäre unsicher, ob dieses Foto wirklich gut ist.

Wie wäre es, wenn Sie einfach Ihre Brille aufsetzen?

Ach, der Aufwand ist doch viel zu groß. ( lacht)

Vor einiger Zeit haben Sie sich noch kritisch zu Internet-Phänomenen geäußert?

Ja, das stimmt. Aber man muss mittlerweile online sein, sonst zählt man nicht mehr dazu und gehört sehr schnell zum alten Eisen. Das möchte ich nicht. Das Einzige, was ich allerdings bleiben lasse, ist, morgens direkt nach dem Aufstehen zu schauen, was die Blogger über meinen Look geschrieben haben. Oft gibt es dort ja böse Kommentare. Und die möchte ich nicht lesen. Ich möchte nicht traurig werden. Das ist ungesund.


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