Anna dello Russo: Die Königin von Mailand

Fashion-Fans auf der ganzen Welt huldigen Anna dello Russo, der Modejournalistin, Bloggerin, Stil-Ikone. Gala besuchte die Italienerin - und lernte eine Frau mit einer großen Botschaft kennen

Anna dello Russo

Natürlich ist man ein wenig überrascht,

wenn einem Anna dello Russo lediglich in einem Unterkleidchen die Tür ihres Zimmers im Pariser Hotel "Ritz" öffnet. Ausgerechnet jene Frau, mit der man über ihre flamboyanten Outfits sprechen möchte, trägt zum Interview quasi nichts. "Kommen Sie rein", begrüßt die Stylistin, Modejournalistin, Stil-Ikone ihren Gast. Ohne High Heels wirkt sie ungewohnt klein und zierlich. Ihr Händedruck ist zart, das Lachen echt. "Setzen Sie sich doch einfach schon mal aufs Bett. Ich bin beschäftigt. Ich packe."

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"Ich packe" heißt in diesem Fall: Ihre Assistentin packt. Fünf Tage war dello Russo in Paris, um sich die Schauen anzusehen. Da kommt einiges an Gepäck zusammen, gerade wenn man so viele Verpflichtungen hat. All die Front-Row-Besuche! Die Cocktail-Partys! Meetings! Shoppingtouren! Und die vielen Fotografen um sie herum! Nun geht's zurück nach Mailand - ihre Wahlheimat, die Modemetropole.

In ihrem Blog postet Anna dello Russo Fotos und Videos von ihren Looks.

Nach Anna Wintour und Carine Roitfeld ist nun die 48-jährige "Vogue"-Journalistin die neue Fashion-Ikone der Facebook-Generation. Im Netz gilt die Italienerin als Kultfigur. Jeder ihrer Auftritte wird dokumentiert und kommentiert. "Ich verdanke dem Internet sehr viel", sagt dello Russo. "Ich mache meinen Job als Stylistin ja schon lange Jahre, kleide mich schon immer so auffällig, aber erst durchs Netz werde ich richtig wahrgenommen. Die Kreationen, die ich trage, bekommen auf diese Weise ein Leben."

Um ihre Fans an ihrem Leben teilhaben zu lassen, veröffentlicht sie im Blog "www.annadellorusso.com" mehrmals pro Woche Fotos von sich selbst. Knapp 100 000 Menschen interessiert, was sie unter dem Motto "I don't want to be cool, I want to be fashion" zeigt. 100 000 Menschen täglich.

Auf dem Boden ihres Pariser Hotelzimmers stehen reihenweise Schuhe. Auf dem Sofa stapeln sich Kleider, viele bereits in Seidenpapier eingeschlagen. Mittendrin wuselt Anna dello Russo barfuß herum. "Meine Kleider sind meine Schätze. Man muss auf sie aufpassen - sie sind doch mit so viel Liebe und Mühe entstanden." Auf dem Kaminsims verwelken opulente Blumensträuße. Bestechungsgrüße? "Wissen Sie, ich trage wirklich nur das, was mir gefällt. Das meiste kaufe ich mir am Anfang der Saison instinktiv. Sicher, ich habe durch meine Arbeit sehr früh einen Überblick über die Kollektionen und weiß genau, was ich tragen möchte. Grundsätzlich leihe ich mir aber keine Garderobe aus. Ich verliebe mich so schnell in all diese Dinge - ich würde weinen, wenn ich sie dann zurückgeben müsste."

Mode ist ihre Leidenschaft: Mal hat Anna dello Russo Obst auf dem Kopf, ein anderes Mal trägt sie Neongrün, dann präsentiert sie sich im Gentleman-Look.

Leidenschaft für Mode ist der rote Faden im Leben der Anna dello Russo. Als Kind spielte sie zwar mit Puppen wie andere Mädchen auch, sah sich aber bald selbst als Barbie. "Vor meinem 11. Geburtstag fragte mich mein Vater, was ich mir wünsche. Ich wollte unbedingt einen komplett mit Logos bedruckten Fendi-Regenschirm", erinnert sie sich. "Ein völlig unnötiges Geschenk. Schließlich bin ich in Süditalien aufgewachsen, wo es fast nie regnet. Aber mein Vater verstand mich."

Glücklich spazierte sie an ihrem Ehrentag bei strahlendem Sonnenschein mit einem Fendi-Schirm über die Strandpromenade von Bari. "Leicht war diese Zeit natürlich nicht für mich. Ich war unter Gleichaltrigen die verrückte Außenseiterin." Wenn man diese Geschichten hört, versteht man, warum Anna dello Russo die Zuneigung so wichtig ist, die sie heute weltweit erfährt. Endlich wird sie ernst genommen. Man begegnet ihr mit Respekt und Bewunderung. Und sie kann allen Teenagern eine Botschaft übermitteln: "Traut euch! Mode macht Spaß. Das merkt ihr, wenn ihr es ausprobiert."

2010 lief dello Russo in New York für die Lanvin-Kollektion von H&M über den Catwalk. Hier präsentiert sie ein übbig drapiertes rosa Cocktailkleid.

Zum Spaß am Schönen kam für Anna dello Russo immer auch die Neugier auf Fakten. Deshalb studierte sie Kunstgeschichte. Danach arbeitete sie bei "Vogue Italia", wurde Chefredakteurin der italienischen Männer-"Vogue". Seit fünf Jahren ist sie Modechefin der japanischen "Vogue". Was die Branche an ihr schätzt, ist insbesondere ihr klarer Blick. Über Kollegen sagt sie: "Viele nehmen sich zu wichtig und glauben, dass eine Kollektion dann gut ist, wenn sie einem selbst gefällt. Doch darum geht es überhaupt nicht. Meine Aufgabe ist es, zu beurteilen, ob das Gezeigte zur Marke passt und ob sich der Designer weiterentwickelt hat." Niemals würde sie schlecht über eine Kollektion sprechen. "Wenn ich ein Label nicht gut finde, gehe ich nicht zu dessen Show. Dennoch hat jeder Designer Respekt verdient." Nur zweimal pro Saison muss sie nach Tokio, in ihre Redaktion. Die restliche Zeit lebt sie in Mailand "ein völlig normales Leben". Völlig normal? "Natürlich!" Sie schlägt vor, dass man sich das nächste Mal in Mailand treffen sollte. "Dann lernen Sie auch meinen Hund Cucciolina kennen. Lassen Sie uns zusammen Gassi gehen!"

Einen Monat später. Eine kleine Straße in der Nähe von Mailands legendärem Concept-Store "Corso Como". Anna dello Russo steht mit Wollmütze, engen Jeans, Biker-Boots, einem schlichten Kaschmirpulli und einem dicken Mantel vor der Tür eines Mehrfamilienhauses. Cucciolina fröstelt und bockt. Statt Park ist Wohnung angesagt. Schnell rein! Gleich im Flur Unmengen von Büchern, im Wohnzimmer eine riesengroße Samtcouch. Anna dello Russo zieht ihre Stiefel aus - und erzählt von einem ganz normalen Tag in Mailand. "Morgens gehe ich schwimmen. Wasser reinigt die Seele. Außerdem mache ich Yoga und spiele mit meinem Liebling." Der ist gerade dabei, ein Samtkissen zu zerstören. "Was will man machen?", sagt sie und weist Cucciolina an, dem Signore aus Germania Frauchens Ankleidezimmer zu zeigen.

Alles im begehbaren Kleiderschrank ist sortiert. Pullover, Jacken, sogar Strumpfhosen liegen akkurat in den Regalen. Dello Russo: "Kunst oder Bücher werden doch auf die gleiche Art aufbewahrt. Auch ich sehe mich als Sammlerin und Kuratorin." Und sie schiebt nach: "Aber das hier ist ja nur die aktuelle Saison. Lassen sie uns mal nach nebenan in mein Spielzimmer gehen." "Nebenan" ist ihre Zweitwohnung. Kronleuchter, Duftkerzen und eine Fototapete mit einer Szene aus Viscontis Filmklassiker "Der Leopard" sorgen für Opulenz. Hier werden die prachtvollsten Kleider, Hosenanzüge, Hüte und etwa 800 Paar Schuhe archiviert. In einer goldenen Vitrine funkeln antike Schmuckstücke. Bunte Haarspangen sind auf einem Samtkissen drapiert.

Anna dello Russo weiß exakt, wo welches Kleidungsstück hängt. Zu jedem Teil kennt sie eine Geschichte, Respekt schwingt in jedem Satz mit. Bei ihr bekommt die manchmal oberflächliche Mode etwas Tiefgründiges: Aus Fast Food wird ein GourmetMenü. Selbst Cucciolina flitzt nun nicht mehr durch die Zimmer. Sie hat es sich auf einem Fellteppich bequem gemacht und seufzt zufrieden.

Marcus Luft

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