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Andreas Kronthaler "Wie falsch aus dem Schrank gegriffen"

Er ist, sagen wir, seltsam. Sammelt Unterhosen. Liebt es, Anzüge falsch zu kombinieren. Und Ehefrau Vivienne Westwood stopft Strümpfe. Was soll das, Andreas Kronthaler?

Dass die Firma Vivienne Westwood nach höchst eigenwilligen Regeln funktioniert, merkt man schon vor der Ankunft im Hauptquartier im Londoner Stadtteil Battersea. Ob man vor dem Interview nicht gemeinsam mit Vivienne Westwood und ihrem Mann Andreas Kronthaler an einer Demonstration gegen Fracking teilnehmen möchte, wird der Reporter in einer E-Mail gefragt. Es sei ihm doch sicher klar, dass diese Methode, Öl und Gas zu fördern, ein Umweltverbrechen sei. Politisches Engagement ist in diesem Hause ausdrücklich erwünscht. So hat sich die 73-jährige Namenspatronin der Firma unlängst eine Glatze rasieren lassen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, und posiert derzeit nackt unter der Dusche in einem Vegetarismus-Spot. Die Liebe zu dieser Frau muss ein Abenteuer sein!

Traumpaar des Modebetriebs: Andreas Kronthaler, 48, und Vivienne Westwood, 73
Traumpaar des Modebetriebs: Andreas Kronthaler, 48, und Vivienne Westwood, 73
© Action Press

Herr Kronthaler, Ihre Frau wurde 2006 von der Queen in den Adelsstand erhoben. Wie müssen wir Sie nun korrekt anreden?

Da gibt es nichts, was Sie beachten müssten, denn in England überträgt sich das Adelsprädikat leider nicht auf den Ehemann.

Über eine Teestunde bei Prinz Charles und Camilla auf Schloss Highgrove erzählten Sie mal: "Da sitzt man dann, Prinz Charles reicht Brötchen, und Vivienne redet viel. Sie sagt dann Sachen, da denk ich mir, das kann man zu einem Prinzen doch nicht sagen!"“

Das denke ich oft bei Vivienne. Ob es ein Thronfolger ist oder ein berühmter Künstler, sie ist so furchtlos und geradeheraus wie kein anderer, den ich kenne. Vielleicht liegt das an ihrer Herkunft: Arbeiterklasse halt.

Vor Kurzem waren Sie mit Ihrer Frau in den Buckingham Palace geladen. Sind Sie bei solchen royalen Plauderstündchen verspannt?

Nein, denn englische Aristokraten haben Gott sei Dank die Gabe, den Druck aus solchen Zusammenkünften zu nehmen. Man denkt, es sei die natürlichste Sache der Welt, mit Prinz Charles über Monteverdi zu plaudern.

Was hatten Sie im Palast an?

Einen selbst entworfenen doppelreihigen Smoking aus Mohair, den ich schon 20 Jahre trage. Prinz Charles hatte einen ganz ähnlichen an.

Ihr Kollege Alexander McQueen erzählte uns mal, wie er mit 16 Schneiderlehrling in der Londoner Savile Row wurde: "Der Laden war stinklangweilig und schwulenfeindlich. Zu unseren Kunden zählte der Prince of Wales. Diese Pappnase! Wenn ich ein Jackett für ihn machen musste, schrieb ich heimlich auf die Innenseite des Futters: Prinz Charles ist ein blöde Fotze!"

Dieses Jackett hat Prinz Charles ganz sicher noch. Der trägt die Dinge, bis sie auseinanderfallen. Man sieht bei seiner Kleidung, dass abgewetzte Kanten verstärkt wurden. Die ganze englische Upper Class ist so. Wenn du einen Pulli gern hast, macht es nichts, wenn er ein Loch hat. Gerade das macht das Bourgeoise aus.

Ihr Vater war Schlosser im Zillertal. Wie sind Sie zur Mode gekommen?

Seit ich ein ganz kleiner Bub war, hat mich meine Mutter immer samstags zu ihrer Schneiderin mitgenommen. Ich saß im Eck, schaute bei den Anproben zu und habe immer meinen Senf dazugeben müssen. Mit sechs Jahren fing ich an, Shows zu stylen. Wir hatten einen großen Dachboden, auf dem meine Mutter ihre alten Kleider aufbewahrte. Als Models nahm ich meine Spielkameraden. Wir haben handgemalte Plakate im Dorf aufgehängt, und die Besucher mussten ein paar Schillinge Eintritt bezahlen.

Wie haben Sie Ihre 25 Jahre ältere Ehefrau kennengelernt?

Sie war Gastprofessorin, als ich in Wien Mode studierte. Ich wusste nicht genau, wer sie war, denn Punk war an mir vorbeigegangen. Ich war ein Schöngeist, der für die Oper schwärmte und höchstens mal Bowie hörte. Plötzlich sagte jemand Dinge, die ich immer schon sagen und hören wollte. Ein Schlüsselerlebnis. Vivienne amüsierte es, wie ich war, wie ich die Dinge sah. Ich entwarf Renaissancekleider, die ihr so gut gefielen, dass sie mir vorschlug, mit ihr nach London zu kommen. Das erste halbe Jahr habe ich aus Geldmangel auf einer Matratze im Studio gepennt. Dann schlug sie vor, dass ich zu ihr ziehe. 1992 haben wir geheiratet.

Ihre Frau sagte kürzlich: "Mode war nie meine große Leidenschaft. Nur eine Designerin zu sein würde ich nicht aushalten. Mode ist für mich eine lästige Pflicht."

Der perfekte Tag ist für sie, im Bett zu liegen und dicke Bücher zu lesen. Aber wenn sie mal zu arbeiten anfängt, hat sie eine Zähigkeit, die ich nach wie vor phänomenal finde.

Als der junge Karl Marx 1843 Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" war, hing an seiner Bürotür der Spruch: "Ab hier ist Schluss mit der Demokratie!" Wer hat in der Firma Vivienne Westwood die Hosen an: Sie oder Ihre Frau?

Es muss schon nach meinem Kopf gehen. In dem Sinne bin ich Marxist.

Pharrell Williams trug bei der letzten Grammy-Verleihung einen Westernhut, den Ihre Frau in den Achtzigern entworfen hat. Der Hut hat sogar einen eigenen Twitter-Account!

Der Hype um den Mountain Hat hat wahnsinnige Ausmaße angenommen. Wir kommen mit der Produktion nicht nach. Dabei wusste ich anfangs gar nicht, wer dieser Pharrell Williams eigentlich ist.

Gehören Grundkenntnisse der Popkultur nicht für Modedesigner zur Mindestanforderung?

Nein, das ist ein Klischee von Journalisten. Die Notwendigkeit, mich in den Charts auszukennen, empfinde ich nicht. Ich höre lieber Gustav Mahler als Pharrell Williams. Ich hab auch keinen iPod.

Ihre Frau verkündet seit drei Jahren das Mantra: "Kauft weniger!" Der Finanzchef Ihrer Firma rauft sich deshalb sicher die Haare.

Es ist doch richtig, sich sehr genau zu überlegen, ob man eine Sache wirklich braucht und ob sie einem in einem Jahr noch immer gefällt. Vivienne hat nur zwei Handtaschen, eine für den Sommer und eine für den Winter.

Naomi Campbell hat für ihre Schuhe ein eigenes Apartment angemietet. Ihre Frau kommt mit sechs Paar aus.

Was Konsum angeht, ist Vivienne der extremste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Sie kommt mit ganz, ganz wenig aus. Sie ist jemand, der drei Stunden lang die durchgewetzte Ferse eines Strumpfs stopft. Das ist verrückt, aber ich verstehe es. In der Kensington High Street kann man Pullis für zehn Euro kaufen. Die Leute kaufen dann fünf davon – aber wer braucht fünf Pullis? Wie kann man so einen Pulli gern haben und mit ihm befreundet sein? Wie kann der einem was sagen? Das ist blindes Konsumieren! Ich mag Dinge gern, von denen ich weiß, dass sie mir 20 Jahre lang bleiben, weil ich mich an ihnen nicht müde sehe. Diese Qualität versuche ich auch in meiner Arbeit zu erreichen, obwohl das auf Anti-Konsum hinausläuft.

Was würde uns auffallen, inspizierten wir Ihre Kleiderschränke?

Mein Faible für Schuhe. Heute trage ich 60 Jahre alte amerikanische Holzhackerschuhe, die ich mal auf einem Flohmarkt gekauft habe.

Vom Tiroler Zillertal nach London: Seit zweieinhalb Jahrzehnten lebt Andreas Kronthaler in England, umgibt sich mit Modegrößen wie Stella McCartney.
Vom Tiroler Zillertal nach London: Seit zweieinhalb Jahrzehnten lebt Andreas Kronthaler in England, umgibt sich mit Modegrößen wie Stella McCartney.
© Action Press

Welche Modesünden stoßen Ihnen bei Männern auf?

Die Kombination Jeans und Sakko finde ich ganz schlimm. Das haut nur bei Texanern und Hamburgern gelegentlich hin.

Es ist bekannt, dass Sie Ihre Unterwäsche passend zum Anzug wählen.

Ich sammle seit vielen Jahren Unterwäsche und habe tolle Modelle aus den Sechzigern und Siebzigern. Unterwäsche hat mich immer schon interessiert, weil sie einem am nächsten ist. Wenn sie gut ist, beeinflusst sie mein ganzes Befinden.

Tom Ford trägt nie Unterwäsche.

Ob das hübsch oder vulgär aussieht, kommt auf die Größe des Genitals an.

Tragen Sie Slips oder Boxershorts?

Beides. Es kommt drauf an, wie ich mich gerade fühle. Ich trage oft die Boxershorts, die meine Freundin Yasmine Eslami macht. Am Modell "Andréas" habe ich ein bisschen mitgearbeitet. Es ist aus ganz dünner, transparenter Baumwolle. Das ist was für besondere Tage.

Nach welchen Regeln kombinieren Sie Unterwäsche mit Ihrer übrigen Kleidung?

Wenn ich auf die Alm nach Tirol fahre, ziehe ich Boxershorts mit Tischdeckenkaros an. Wenn sie aus der Hirschlederhose rausblitzen, passt das gut. Trage ich eine Jeans, kann es sein, dass ich keine Unterhose anziehe. Fahre ich bei Saukälte Rad, muss es eine lange Unterhose sein.

Was trugen Sie im Buckingham Palace unterm Smoking?

Schneeweiße Boxershorts. Ich finde es gut, der jeweiligen Umgebung Respekt zu zollen und würde so weit gehen, mir in einem thailändischen Restaurant eine Krone aufzusetzen, wie sie thailändische Tempeltänzerinnen tragen. Das finde ich sehr passend.

Machen Sie solche Stunts?

Dauernd. Wenn ich meinen Freund in Hamburg besuche, trage ich mein Schiffskäpple und meinen dunkelblauen Seemannspulli. Es gibt nichts Schöneres, als mit einem Elbsegler auf dem Kopf an der Alster entlangzuspazieren.

Was tragen Sie in Berlin?

Camouflage. Wirklich gut ziehe ich mich an, wenn ich reise. Da trage ich das Beste und Neueste, was ich hab. Reisen muss man zelebrieren.

Sind Krawatten "ein sicheres Zeichen für Mittelmaß" geworden, wie der amerikanische Stardenker Nassim Taleb behauptet?

Die neuen Gurus von Mark Zuckerberg bis Jeff Bezos tragen nie Krawatte. Ich ziehe auch ganz ungern eine an. Das wirkt steif und langweilig. Wenn es sehr förmlich sein muss, bevorzuge ich ein Mascherl. Ich mag auch keine Anzüge, bei denen Hose und Jackett gleich sind. Ich finde es besser, die Dinge zu mixen: ein dunkelblaues Jackett und eine dunkelblaue Hose von einem anderen Anzug – wie falsch aus dem Schrank gegriffen. Ungewollt gewollt finde ich schön.

Ihre Frau hat aus früheren Ehen zwei Söhne in Ihrem Alter. Hätten Sie gern eigene Kinder?

Letzten Sonntag bin ich in der Früh in einen Park geradelt, um ein Buch zu lesen. Als ich Männer mit ihren Kindern spielen sah, dachte ich, dass ich selber gern Vater wäre. Es gibt aber andere Wege, sich um Kinder zu kümmern. Bei uns arbeitet der Sohn des Schauspielers Walter Sittler und der Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann. Die beiden starten dieses Jahr ihr Filmprojekt "199 kleine Helden". In jedem Land der Welt wird ein Kind anhand seines außergewöhnlichen Schulwegs porträtiert. Damit soll Kindern eine Stimme gegeben werden. Diese Initiative unterstütze ich mit Geld.

Über Sie gibt es kaum Presse. Warum fliehen Sie vor dem Rampenlicht?

Vivienne war immer das Gesicht der Firma, aber auch sie wird älter und hat heute andere Interessen als Mode. Deshalb gewöhne ich mir an, mit vorne zu stehen und über mich zu sprechen. Aber eigentlich interessiere ich mich für andere Menschen mehr als für mich selbst.

Ihre Frau ist 73 Jahre alt. Was wird aus der Firma Vivienne Westwood, wenn Vivienne Westwood tot ist?

Das ist eine Frage, die mir erst seit Kurzem bewusst geworden ist. Ich mache das von Viviennes Wünschen abhängig. Ich würde es respektieren, wenn sie sagt, es soll nicht weitergehen.

Interview: Sven Michaelsen Gala


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