Männerpflege: Ein Mann für alle Fälle

Vor 20 Jahren gebar die moderne Gesellschaft eine neue Spezies: die Metrosexuellen. Männer machten sich plötzlich hübsch. Heute will der Rollenrebell mehr, als nur den Kajalstift seiner Frau zu benutzen

Fußballchronisten werden das Jahr 2002 nicht vergessen. Nicht etwa wegen der WM in Japan, sondern weil Star-Stürmer David Beckham plötzlich mit Haarreif, Nagellack und rasierter Brust für Manchester United aufläuft. Zum ersten Mal geht es nach einem Spiel nicht darum, wie viele Tore jemand geschossen hat, sondern um sein Aussehen. Das wird durchaus kontrovers aufgenommen, ist aber für viele Männer, die sich in ihrer Macho-Rolle gefangen sehen, ein Befreiungsschlag. Mit David Beckham wird das Sinnbild des metrosexuellen Mannes in die weite Welt getragen.

Jazzsänger Michael Bublé greift auch gerne zu Pflegeprodukten und teilt es mit seinen Twitterfans. Seine Ehefrau, die Schauspielerin Luisana Lopilato, hat ihm eine Schlammmaske aufgetragen.

Das Kunstwort "Metrosexualität" hört man erstmals 1994, als der britische Journalist Mark Simpson im "Independent" über eine neue, softere Männergattung schreibt. Die unverkennbaren Merkmale: jung, großstädtisch, hohes Einkommen, kaufgeil. Simpson wittert in dieser Generation die vielversprechendsten männlichen Konsumenten aller Zeiten. "In den Achtzigerjahren hat man metrosexuelle Männer ausschließlich in Modemagazinen wie 'GQ', in TV-Werbespots für Levi's oder in Schwulenbars gesehen", so Simpson. "In den Neunzigerjahren entdeckte man sie überall, vor allem beim Shoppen." Und längst nicht mehr nur in den Herrenabteilungen der Kaufhäuser.

2002 dann erklärt Simpson in einem seiner Artikel David Beckham zum Posterboy für alle Geschlechter. Der Fußballgott wird zum Inbegriff der Metrosexualität. Und Beckham zahlt immer wieder auf diese Marke ein: Er pinselt sich nicht nur Lack auf die Fingernägel, sondern gibt auch zu, im Schlafzimmer gerne mal die Dessous seiner Frau Victoria zu tragen. Und dann bekundet er noch öffentlich, dass es ihm gefällt, auch unter Homosexuellen als Ikone zu gelten. Prompt fragt ihn ein britisches Gay-Magazin für eine Fotoproduktion an - und Beckham sagt zu.

Schon kurze Zeit später gelten laut einer Umfrage des "Economist" 30 bis 35 Prozent der Männer in den USA im Alter zwischen 25 bis 45 als metrosexuell. Der David-Beckham-Effekt macht die Runde und gerät in den Mainstream. 2003 geben Männer weltweit rund zwölf Milliarden Euro für Pflegeprodukte aus, auch im weiten Feld der Schönheitsoperationen stehen sie den Frauen plötzlich kaum noch in etwas nach.

Heute ist sie überall präsent, die Männerriege, die sich gerne feminin präsentiert. Sei es ein Johnny Depp, der sich auf dem roten Teppich nicht mehr ohne Komplett-Make-up inklusive Bronzer zeigt, sei es der Eyeliner-liebende Bandleader von 30 Seconds to Mars, Jared Leto, der auf Pressekonferenzen schon mal seine Fans fragt, ob er einen roten Blumenkranz auf der Bühne tragen könne. Oder Jazzsänger Michael Bublé, der sich stolz mit Schlammmaske twittert und dazu postet: "Ich sehe aus wie der junge, unglaubliche Hulk!" Und dann kommt Russell Brand mit seinen 1,90 Metern um die Ecke, in Skinny Jeans und Boots mit Absätzen und tief gerutschtem Dekolleté. Bei Letterman tönt er: "Weil ich so angezogen bin, glauben die Frauen, ich sei schwul. So fühlen sie sich sicher in meiner Gegenwart. Und dann: Bang! Schwanger!"

Schönling Brad Pitt klingt ein wenig weiser, wenn er sagt: "Ich bin bei mir angekommen. Ich liebe es, ein älterer Mann zu werden!" Selbstsicher steht er dazu, nicht nur dieselbe Haarfrisur - überschulterlang und mit Seitenscheitel - wie seine Angie zu tragen, sondern auch ihre Soft Skills wie Kochen und Putzen zu übernehmen, sich um die sechsköpfige Kinderschar zu kümmern und für den legendären Frauenduft Chanel No. 5 zu werben. Ein romantischer Hausmann, der dabei auch noch gepflegt und durchtrainiert aussieht - das scheint das neue Männerideal zu sein.

Russell Brand ist dafür bekannt zu polarisieren.

Und dass Metrosexualität nicht nur bei den Stars ein Riesenthema ist, beweist eine aktuelle britische Studie. Demnach kosten Metromänner ihre Partnerinnen jährlich etwa 270 Euro. Wie das? Weil sie sich an ihren Beauty-Tiegeln bedienen! 46 Prozent der Britinnen geben an, dass ihr Partner sich täglich mit ihren Tonern und Moisturizern pampert, am liebsten natürlich mit den hochwertigen Marken.

Gala Men

Männer mögen's modisch

Na hoffentlich landet hier kein Kaffee auf der weißen Hose! Ziemlich mutig tritt Alex Rodriguez bei Schmuddelwetter auf New Yorks Straßen. Ob Pullover oder Pants hier lange sauber blieben? Der Liebste von Jennifer Lopez ist schon öfter durch seine hellen Outfits aufgefallen. Ob die Sängerin Alex diesen Look für ihn ausgesucht hat? 
Into the Blue! Joe Jonas hat sich für eine Date-Night mit Freundin Sophie Turner ganz besonders in Schale geworfen. Der Sänger ist ein echter Fashionista und erscheint in einem blauen Karo-Anzug, wobei auch die Schuhe inklusive passender Socken ein Highlight sind. Wir lieben es!
"Gossip Girl"-Star Chace Crawford ist als Samtkatze unterwegs. Der Schauspieler kombiniert ein blaues Samtsakko zu einer mattschwarzen Anzughose. Die Fliege rundet den Look ab und Chace ist perfekt gestylt. An seine samtweichen Schultern würde sich so sicherlich die ein oder andere Lady gerne anlehnen. 
Sänger Nick Jonas bricht mit Klischees und beweist, dass Rosa keine reine Mädchenfarbe ist. Die leichte Jacke im geraden Schnitt steht dem "Jonas Brother"-Star ausgezeichnet.  

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Trendsetter Mark Simpson sah sich vor Kurzem veranlasst, in der Untersuchung weit fort-geschrittener Metrosexualität publizistisch nachzulegen. Bei dem Phänomen, schrieb er, gehe es nicht mehr nur darum, ob Männer Flip-Flops tragen und Facials buchen, ob sie Handtaschen oder Mascara tragen. Es komme viel mehr darauf an, dass Männer jetzt einfach alles sein können.

Alles? Frauen imaginieren sich da schnell den Traummann zusammen, einen, der seine Superkarriere mit Kochen, Putzen, Romantischsein vereinbaren kann und dabei noch gepflegt und durchtrainiert ist. Die armen Kerle! Männer sehen das anders. Für sie bedeutet moderne Metrosexualität das Aufkündigen überkommener Rollenmuster. Oder kurz: Rebellentum gegen die Ödnis des Mainstreams.

Und so werden sich eines Tages auch die Metrosexuellen wieder verändern, wenn sie merken, dass der Mainstream sie mit dem tyrannisiert, was für sie früher Befreiung hieß.

Preisverleihung

GQ Men Of The Year Awards

Jessie J
Sally Humphries und Ron Wood

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Beauty-Slang für Insider

Brotox

Seit 2001 hat sich die Zahl der Männer, die sich kosmetischen Eingriffen unterziehen, verdreifacht. Schuld daran ist vor allem der Job. Denn inzwischen ist auch bei Männern ein attraktives, junges Aussehen entscheidend für den beruflichen Erfolg. Mit Brotox-Behandlungen lässt man sich daher etwa die Zornesfalten glattspritzen. Brotox ist ein Wort-Hybrid aus Botox und Bros, was im Englischen so viel wie "Kumpel" bedeutet.

Guyliner

Bei den Metrosexuellen sind Begriffe wie "Guyliner" und "Manscara" längst gesetzt. Hierbei handelt es sich um Eyeliner und Mascara speziell für Männer. Der Verkauf von Männerkosmetik ist in den vergangenen fünf Jahren ums Dreifache angestiegen. Zu beziehen z. B. über www.superdrug.com oder www.mensmake-up.co.uk

Testosterongesicht

Bezeichnend für die neue It-Gesichtsform ist ein massiver Kieferbereich mit markanten Kinnwinkeln. Der Gesichtszug ist so beliebt, weil er als Ausdruck guter Gene gilt. Für das kantige Testosterongesicht lassen sich immer mehr Männer die Kinnpartie mit speziellen Fillern unterspritzen.

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