Lagom: Der Trick für die ideale Gesichtspflege

Das neue schwedische Lifestyle-Konzept bedeutet übersetzt: "Nicht zu viel, nicht zu wenig". Und ist auch auf die Gesichtspflege anzuwenden

Emma Stone

Skandinavien ist Vorreiter in Sachen Lifestyle. Gerade haben die Dänen unsere Wohnzimmer mit dem gemütlichen Hygge-Ansatz um flauschige Felle, Kissen und Duftkerzen bereichert, da heißt es aus Schweden: Jetzt ist Aufräumen angesagt. Bevor Sie aber jetzt Ihre Kaschmirpullis und Aromakerzen auf dem Flohmarkt verkaufen: Lagom, wie das neue Konzept heißt, bedeutet übersetzt so viel wie "nicht zu viel, nicht zu wenig" – kurzum: in allen Dingen die richtige Balance zu finden.

Das gilt für das Interieur, die Arbeit – aber eben auch für den Cremetiegel. Denn in Zeiten von Addons wie Seren, Boostern, Konzentraten und immerzu neuen Inhaltsstoffen stellt sich auch in der Pflege die Frage: Wo ist eigentlich das perfekte Maß?

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Die 10-Schritt-Routine, wie sie in Südkorea praktiziert wird – von Essenzen bis zu mehreren Cleanserns – ist in Asien selbstverständlich und gilt dort als "aufgeräumte Gesichtspflege". Selbst Kinder verbringen dort gefühlt schon mehr Zeit im Badezimmer als auf dem Spielplatz. Klingt in den Ohren von uns Europäern übertrieben. Andererseits kennen Sie bestimmt auch diese eine Person (vielleicht sogar den eigenen Partner), die meint, Wasser und Seife reiche völlig aus – früher hätte es Seren & Co. schließlich auch nicht gegeben.

Die Balance – Sie ahnen es – liegt irgendwo dazwischen. "Für eine Gesichtspflegeroutine, wie sie in Korea ausgeführt wird, gibt es keine wissenschaftliche Rechtfertigung", meint Dr. Sabine Gütt, Kosmetologin aus Hamburg. "Fakt ist aber auch, dass äußerliche Faktoren wie der Feinstaubanteil seit der Generation unserer Großmütter extrem gestiegen sind – und damit auch die Bedürfnisse unserer Haut." Nicht umsonst machen heute 80 Prozent der Hautalterung Umweltfaktoren und Lebensstil aus.

Geht es nach der Expertin, ist eine Gesichtspflegeroutine aus vier Schritten das perfekte Mittelmaß: Reinigung (befreit die Haut von besagten Umweltfaktoren), Tonic (alkalisiert), Serum (versorgt die Haut mit hochkonzentrierten Wirkstoffen) und Tages- bzw. Nachtpflege (schützt und regeneriert). Sparen können Sie jedoch an Extras wie Boostern, Konzentraten oder Essenzen. "Egal, wie Sie das Kind nennen, Sinn und Zweck bleibt derselbe – die Haut mit hochkonzentrierten Wirkstoffen zu versorgen", meint Dr. Gütt.

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Ein Cremetiegel ist wie ein Bus. Diesen Vergleich macht die Expertin, wenn es um die nötigen Inhaltsstoffe eines Produkts geht: "Je voller er ist, desto wahrscheinlicher ist ein Gerangel um die Plätze." Sprich, je übersichtlicher die Rezeptur, desto besser ist die Interaktion der Wirkstoffe einschätzbar, und Inhaltsstoffe können sich auf der Suche nach ihrem Platz nicht "unterdrücken". Aber auf wen können wir bei der Fahrt zu einer jugendlichen, strahlenden Haut getrost verzichten? "Ingredienzen ohne positiven Nutzen für die Haut sind Duftstoffe, ätherische Öle, Parabene und Deko- Elemente wie künstliche Farbstoffe, die oft zu reinen Marketingzwecken eingesetzt werden, um Frische zu vermitteln", so Dr. Gütt. 

Auch Wirkstoff-Trends oder selbst pflanzliche Inhaltsstoffe sind häufig Exoten für die Haut, die sie weder wirklich braucht noch richtig verwerten kann. "Wir sind Menschen, keine Pflanzen – statt auf das Gänseblümchen setzen Sie deshalb lieber gezielt auf hautnahe Inhaltsstoffe, bei denen die hauseigene Produktion Unterstützung gebrauchen kann. Etwa Kollagen, Hyaluronsäure, Elasten oder Ceramide", so die Expertin.

Um sicherzugehen, dass alle Plätze auf der INCI-Liste top belegt sind, lohnt es sich allerdings, nicht nur einzelne Bestandteile anzuschauen, sondern auch deren Zusammenspiel. Profitieren können wir zum Beispiel von echten Team Playern, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Das sind beim Anti-Falten-Kampf zum Beispiel Vitamin C mit dem Protein EGF (Epidermal Growth Factor), für den optimalen Feuchtigkeits-Boost Aminosäuren mit klein- und großmolekularer Hyaluronsäure oder – bei Unreinheiten oder öliger Haut – die Kombination aus Vitamin C und Zink.

1. Milde Reinigung für trockenes Haar: "Low Shampoo" von Elvital, 400 ml, ca. 6 Euro; 2. Regt die Collagenproduktion an: "Collagen Booster Cream" von Babor, 50 ml, ca. 94 Euro; 3. Hyaluron-Booster mit nur 11 Inhaltsstoffen: "Minéral 89" von Vichy, 50 ml, ca. 25 Euro

Mehrere Baustellen auf einmal angehen zu wollen ist weniger sinnvoll: Lieber auf ein bestimmtes Problem konzentrieren. Wenn Anti-Aging-Wirkstoffe in einer Anti-Pickel-Creme stecken, landen wir wieder beim Gerangel um die Plätze – die Haut ist mit den unterschiedlichen Reizen womöglich überfordert. Auch integrierter Sonnenschutz in der Tagespflege sieht die Expertin eher als Last denn als praktischen Bonus. "Man kann sich nicht einerseits über Parabene beschweren und sich dann über einen chemischen Lichtschutzfilter freuen, der sich womöglich ebenfalls im Körper ablagert", meint Dr. Gütt.

Sie sitzen ohnehin den ganzen Tag im Büro? Dann verzichten Sie auf dieses Extra und greifen Sie lieber auf einen separaten Sonnenschutz zurück, wenn Sie ihn wirklich brauchen – das schafft Platz im Tiegel. Trotz allem ist wiederum nicht jeder vermeintliche Zusatz auch wirklich überflüssig. Oft kann die Pflege ohne sie nämlich gar nicht funktionieren. Je wasserreicher ein Produkt ist (zum Beispiel bei Tonics) desto größer wird der Bedarf an Konservierungsmitteln, um den Befall von Mikroorganismen zu verhindern. Je fettreicher dagegen das Produkt, desto nötiger werden Antioxidantien wie Vitamin E, um den Fettverderb zu stoppen.

Übrigens: Fahren Sie Ihre Pflege am Wochenende auch ruhig mal auf Null runter, um die hauteigenen Funktionen in Gang zu bringen. So merken Sie relativ schnell, wonach Ihre Haut momentan wirklich verlangt. Wie schnell und wie lange spannt sie, oder fängt sie schnell an zu glänzen? Auch ein wenig Purismus schadet manchmal eben nicht. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Skandinaviern – die kennen sich auch damit bestens aus.

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