Jude Law: Nicht nur ein Gigolo

Sommersonne, Cabrio-Klassiker, coole Posen: So zeigt sich Jude Law in einem neuen Werbespot. Im wahren Leben aber ist aus dem früheren Luftikus ein Mann geworden, der sich seiner Verantwortung stellt

Das Nichtstun steht ihm gut.

Vor einer tiefblauen Kulisse, wie sie nur das Meer der Côte d'Azur im späten Nachmittagslicht bietet, sieht Jude Law geradezu unverschämt relaxed aus. Da steht er dann im aufgeknöpften weißen Hemd, und ein kurzer, spitzbübischer Blick über die Sonnenbrille genügt, um klarzustellen: die Frau im wehenden Sixties-Sommerlook, der in der Sonne blinkende Chrom, die Motorjacht, die an ein Cary-Grant-Filmfoto erinnert - alles meins! Insignien des ewig jungen Männertraums vom eleganten Müßiggang.

Der Schauspieler Jude Law ist seit 2008 das Gesicht von "Dior Homme Sport". Der aktuelle TV-Spot ist eine Hommage an den Gigolo-Stil der Fünfzigerjahre.

Jude Law, vollbeschäftigter Schauspieler im internationalen Kino wie auf der Theaterbühne, hat sich mit dem Dreh für den aktuellen Werbespot des Männerdufts "Dior Homme Sport" eine äußerst angenehme Verschnaufpause gegönnt.

Zugleich ist es für den 39-jährigen Briten eine Art Déjà-vu. Nicht in Südfrankreich, aber in einem gleichsam magisch-mediterranen Italien der Fünfzigerjahre spielte der Film "Der talentierte Mr. Ripley". Jude Law verkörperte darin den Sonnyboy Dickie, der sich dem Dolce Vita hingibt. Hemmungslos, dekadent und charmant. Das war vor 13 Jahren Jude Laws Durchbuch und brachte ihm nach einigen wenig auffälligen Nebenrollen gleich eine Oscar-Nominierung ein. Längst gehört er zur männlichen Hollywood-Elite und hat durch amouröse, schlagzeilenträchtige Abenteuer auch seinen Ruf als smarter Verführer sicher.

"GalaMen" traf Jude Law zum Interview in seiner Heimatstadt London, einige Monate nach den Dreharbeiten an der Côte d'Azur - und lernte einen gereiften Mann kennen, einen verantwortungsbewussten Vater von vier Kindern, der so gar nicht wie ein Casanova daherkam.

Backstage bei den Dreharbeiten zu einem neuen Spot von "Dior Sport Homme", für den Jude Law vor der Kamera stand.

Mister Law, Sie waren zuletzt in den nostalgischen Filmen "Hugo Cabret" und "Sherlock Holmes 2" zu sehen. Hätten Sie lieber zu einer anderen Zeit gelebt?

Ich erwische mich manchmal dabei, eine Epoche zu romantisieren, wie zuletzt, als ich "Sherlock Holmes" gedreht habe, das Viktorianische Zeitalter. Doch bei näherer Betrachtung sieht man dann die vielen Unzulänglichkeiten und natürlich die Fortschritte, die seitdem gemacht wurden. Nein, doch lieber nicht ... Ich lebe wahnsinnig gern im Hier und Jetzt.

Helfen auch unbeschwerte Tage an der Côte d'Azur?

Die Dreharbeiten für Dior waren in der Tat wundervoll. Letztlich transportiert der Sport das idealisierte Image der Fünfzigerjahre: Es war eine goldene Ära, in der die strahlende Jugend gefeiert worden ist. In den Filmen dieser Zeit, in der Werbung, in den Magazinen. Alles hatte damals Stil, Glamour, Eleganz, Klasse.

Ist das auch Ihr Männlichkeitsideal?

Es ist ein unglaubliches Unabhängigkeitsgefühl, das schon sehr viel mit meinen Träumen zu tun hat. Aber natürlich ist der Jude Law in diesem Werbespot ein fiktiver Charakter wie jede andere Filmfigur. In dieser Hinsicht genieße ich als Schauspieler das Privileg, mich zeitweilig in andere Rollen und Epochen hineinträumen zu können.

Mit 25 Jahren hatten Sie eine Ihrer ersten Rollen im Clint-Eastwood-Film "Mitternacht im Garten von Gut und Böse". Sie spielen darin einen schmächtigen Stricher ...

... ja, unglaublich, wie jung und dürr ich da aussehe.

US-Regisseur John Cameron Mitchell inszenierte mit dem nostalgischen Roadmovie die Fortsetzung eines 2010 von Guy Ritchie gedrehten Clips, der den Kinostar als Verführer im nächtlichen Paris zeigte.

Sie haben sehr an Ihrem Erscheinungsbild gearbeitet.

Ich trainiere hart und regelmäßig. Der Tag beginnt mit Yoga, nachmittags kommt dann meistens mein privater Boxlehrer.

Ist das auch eine Konsequenz des Älterwerdens?

Als Kind war ich sehr sportlich, was ich dann in meinen Zwanzigern ziemlich vernachlässigt habe. Das hat sich dann mit Anfang dreißig wieder geändert. Mittelweile brauche ich mein Fitnessprogramm, ansonsten beginne ich mich unwohl zu fühlen und bekomme schlechte Laune.

Jude Law für den Werbespot mit einer unbekannten Schönheit auf der Motorjacht.

Sie tragen gerade Vollbart. Wollen Sie so älter und reifer wirken?

Sollte ich das?

Nun, in einem früheren Interview haben Sie erklärt, dass Sie es gar nicht abwarten können, fünfzig zu werden.

Wann habe ich das denn gesagt? Da muss ich zwanzig gewesen sein. Aber es stimmt: Als ich jünger war, habe ich viele Probleme mit mir herumgeschleppt und ständig diesen Erwartungsdruck gespürt. Deshalb habe ich mich danach gesehnt, entspannter und erfahrener zu sein.

Sind Sie es heute?

Ja, was aber mit dem Bart nichts zu tun hat. Den trage ich, weil ich gerade den Historienfilm "Anna Karenina" mit Keira Knightley drehe. Nach den Dreharbeiten werde ich mich wieder rasieren.

Wie fühlt sich der 38-jährige Jude Law?

Zufrieden, klar, fit und gesund.

Das klingt fast zu perfekt, um wahr zu sein...

Im Leben geht es eigentlich immer um Balance. Hier die Realität, dort unsere Träume. Wir möchten das ständig in Einklang bringen. Natürlich gelingt mir das auch nicht immer, aber das Entscheidende ist: Die Richtung meines Lebens stimmt.

Woran machen Sie das fest?

Wenn ich mir zum Beispiel mit meinem 15-jährigen Sohn alte Filme von mir anschaue. Früher haben mich vor allem diese düsteren, komplexen Charaktere interessiert. Ich hielt sie für die besseren, ergiebigeren Rollen. Und ich wollte eine Zeit lang bewusst gegen mein Image anspielen, um nicht als oberflächiger Schönling zu gelten. Das muss ich mir heute nicht mehr beweisen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem ältesten Sohn?

Es ändert sich permanent. Er ist schließlich ein Teenager, aber im Moment haben wir eine sehr gute Phase. Wir spielen zusammen Fußball, fahren Fahrrad, gehen ins Kino, machen Ausflüge. Das Faszinierende: Mein Sohn weckt in mir viele Erinnerungen an meine eigene Jugend. Ich überprüfe mich dann: Was hast du in diesem Alter gemacht? Warst du genauso schrecklich? Dadurch kommen Dinge hoch, die ich lange verdrängt habe. Und ich versuche ein enges Verhältnis zu meinem Sohn aufzubauen, eines, das ich mit meinem Vater so nie hatte.

Sind Sie inzwischen angekommen bei sich?

Hoffentlich nicht. Das Leben wäre sehr langweilig, wenn man keine Fehler machen würde. Ich möchte nicht irgendwann sterben in dem Bewusstsein, bestimmte Dinge nicht riskiert zu haben.

Eine Szene aus dem Dior-Spot, Jude Law blickt verträumt aus dem Cabrio.

Seit einiger Zeit leben Sie wieder in London...

...was ich sehr genieße nach vielen rastlosen Jahren, in denen ich einen starken Freiheitsdrang verspürte und die ich vorwiegend in den USA verbracht habe. Ich wollte damals weit weg von London sein.

Was haben Sie im "Exil" am meisten vermisst?

Die Farben von London, die Straßen, die ich schon seit meiner Kindheit kenne, Channel 4 zum Frühstück, das englische Theater, die Vertrautheit der Kultur.

Zu der ja auch William Shakespeare gehört...

Der gehört der ganzen Welt. Doch es war eine elementare Erfahrung, vor drei Jahren als Hamlet in London auf der Bühne zu stehen. Es war so wunderbar vertraut. Ich hatte fast vergessen, wie sich Theater anfühlt, so viel habe ich in den vergangenen Jahren gedreht. Ich fand das großartig: Jeden Abend nach der Vorstellung nach Hause zu gehen und die Zeit mit meinen Kindern zu genießen. Auch das Verhältnis zu meiner Ex-Frau Sadie Frost ist seitdem sehr entspannt.

Hamlet ist ein Zerrissener zwischen Gefühl und Verstand. Wie gehen Sie mit Ihren positiven und negativen Energien um?

Hamlet kann man überhaupt nur mit Lebenserfahrung spielen. Vor allem musst du akzeptieren, dass diese negative Energie in dir steckt. Es ist falsch, anzunehmen, dass man Depressionen niederkämpfen kann. Man muss lernen, sie vorbeiziehen zu lassen. Mir hilft meine Arbeit sehr, mit negativen Gefühlen umzugehen. Das ist wie eine permanente Therapie.

Sie haben zwei Remakes mit Sir Michael Caine gedreht – "Alfie" und "1 Mord für 22. Ist dieser selbstironische Gentleman alter Prägung ein Vorbild für Sie?

Eigentlich nicht, auch wenn das vielfach so gedeutet wurde. Er ist allerdings ein faszinierender und extrem unterhaltsamer Mann. Es hat großen Spaß gemacht, mit ihm während der Dreharbeiten abzuhängen. Nun hatten wir aber schon länger keinen Kontakt mehr.

Dafür sehen Sie aber Guy Ritchie umso öfter, oder?

Auch das muss ich einmal aufklären. Guy ist kein enger Freund, wie viele glauben. Er ist mehr ein Film-Kumpel, ich arbeite gern mit ihm zusammen, aber wir ziehen nicht gemeinsam durch die Pubs.

Wie sieht Ihr idealer Buddy aus?

Einer, mit dem man über Literatur und alle möglichen anderen Themen reden kann, der aber auch gern ausgeht und viel lacht. Mit dem man ohne Hemmungen herumspinnen, aber zugleich ernste, persönliche Dinge erörtern kann. Grundsätzlich kann ich mit allen Menschen über alles reden. Aber es kommt auch sehr auf das Wie an, auf diese ganz spezielle Intimität, die nur zwischen Männern entstehen kann.

Ihre Freunde sind Ihnen also überaus wichtig.

Ja, und ich brauche unbedingt solche Männerabende, die ersetzen mir den Gang zum Psychiater.

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