Naturkosmetik: Wollen die uns eigentlich veräppeln?

Immer mehr Beauty-Liebhaber schwören auf Naturkosmetik. Viele Hersteller versuchen die große Nachfrage zu bedienen, verwenden dabei aber nicht ausschließlich natürliche Inhaltsstoffe. Das Naturkosmetik-Siegel "Natrue" versucht im Dschungel der grünen Produkte für Klarheit zu sorgen

Wie natürlich ist Naturkosmetik wirklich?

Nur weil auf der Produktverpackung ein grünes Blatt abgebildet ist, handelt es sich noch lange nicht um Naturkosmetik. Dennoch führen solche Marketing-Tricks viele Verbraucher in die Irre und am Ende bleibt die Frage: Was ist Naturkosmetik überhaupt? Dr. Mark Smith und Dr. Hana Musinovic sind Experten, wenn es um Naturkosmetik geht. Sie beschäftigen sich seit Jahren damit "Greenwashing" zu vermeiden und Verbrauchern natürliche Produkte anzubieten. Das größte Problem besteht darin, dass es keine rechtlichen Rahmenbedingungen gibt, die Hersteller einhalten müssen, um ihre Produkte als Naturkosmetik bezeichnen zu dürfen. 

Der 2007 gegründete Verein "Natrue" vergibt seit 2008 sein internationales Gütesiegel. Dabei handelt er unabhängig, statt gewinnorientiert. Namhafte Marken wie Dr. Hauschka, Lavera oder auch Weleda tragen das "Natrue"-Qualitätssiegel, das sie von schwarzen Schafen der Kosmetikindustrie unterscheiden soll. Herstellern, die nur vorgeben Naturkosmetik anzubieten, aber mit synthetischen Stoffen arbeiten, soll so der Wind aus den Segeln genommen werden. GALA sprach mit den Verantwortlichen. 

Grün ist nicht gleich grün: Im Dschungel der Naturkosmetik

GALA: Welche Kriterien müssen Kosmetikprodukte überhaupt erfüllen, um auf dem deutschen Markt zum Verkauf angeboten zu werden? 

Dr. Mark Smith:
Um den Schutz der menschlichen Gesundheit zu gewährleisten, müssen sich alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union an bestimmte Richtlinien halten. Dabei geht es um Konservierungsstoffe oder auch Tierversuche. Seit 2013 dürfen in Tierversuchen getestete Kosmetika weder in der EU verkauft noch importiert werden. Die Zusammensetzung aller Produkte wird genau kontrolliert und in Meldesystemen festgehalten, damit der Verbraucher am Ende nicht den Kürzeren zieht. 

Obwohl sie zugelassen sind, lösen manche Kosmetikprodukte gerötete Haut oder Juckreiz aus. Oft liegt es an den Duftstoffen, mit denen gearbeitet wird, und die bei einigen Verbrauchern eine Allergie auslösen. Welche Duftstoffe genehmigt "Natrue"? 

Dr. Hana Musinovic: Die Kriterien des "Natrue"-Labels lassen keine synthetischen oder halbsynthetischen Duftstoffe zu. Zugelassene Duftstoffe können natürlich oder biologisch sein. Das hängt ganz davon ab, wo zum Beispiel die Pflanze angebaut und verarbeitet wurde. Gemäß der Gesetzgebung ist es nicht untersagt, dass vermeintliche Naturkosmetika mit genveränderten Rohstoffen arbeiten. "Natrue" sieht das anders und arbeitet ausschließlich mit genetisch unveränderten Duftstoffen. Das sind dann zum Beispiel Öle. Natürlichkeit ist das oberste Gebot.

Gilt das auch in Hinblick auf die Verpackung von Naturkosmetik?

Dr. Mark Smith: Derzeit gibt es keine gesetzlichen Bestimmungen, die Naturkosmetik-Hersteller zu einer recycelbaren Verpackung verpflichten. Nach unserem Verständnis sollte diese, sofern technisch möglich, aber aus recycelbarem Material und nachwachsenden Rohstoffen bestehen.

"Natrue" sorgt im Beauty-Regal für Ordnung 

Und wie steht es um Mikroplastik? Viele Verbraucher sind sich gar nicht darüber bewusst, dass sie sich mit Mini-Plastikpartikeln das Gesicht peelen.

Dr. Hana Musinovic:
Mikroplastik ist in der Tat ein großes Thema und zudem eine starke Belastung für die Umwelt, weil die feinen Polymere [chemische Stoffe] ungehindert ins Grundwasser fließen. Sie sind kleiner als 5 Millimeter und daher für die meisten Filtersysteme nicht greifbar. Der richtige Umgang wird derzeit auf EU-Ebene diskutiert. "Natrue" verbietet Mikroplastik allerdings schon heute aus, da es sich in der Regel um synthetische Kunststoffpolymere handelt, die aus Erdöl hergestellt werden.

Welchen Rat würden Sie Verbrauchern geben, um bei dem großen Angebot nicht den Durchblick zu verlieren?

Dr. Mark Smith: Eine skeptische Grundhaltung ist entscheidend: Macht das Produkt samt Verpackung in der Drogerie einen authentischen Eindruck? Welche Erwartungshaltung habe ich von dem Produkt? Gerade weil es keine gesetzliche Definition von Naturkosmetik gibt, kann die Einschätzung unabhängiger Organisationen wie "Natrue" eine gute Hilfe sein. 

Dr. Hana Musinovic: Bei dem Kauf eines der von "Natrue" verifizierten Produkte, tut man nicht nur sich selbst etwas Gutes. Es geht beispielsweise um die Unterstützung verschiedener Akteure in der Lieferkette, lokale Gemeinschaften in Anbauregionen können unterstützt werden und die Natur wird weniger belastet.

Was Sie über die Beauty-Industrie noch nicht wussten: 

  • Laut Greenpeace spülen wir beim Duschen bis zu 100.000 Plastikteilchen ins Abwassersystem.
  • Fachchinesisch: Wenn auf der Verpackung Inhaltsstoffe wie Acrylates/C10-30, Alkyl Acrylate Crosspolymer oder PEG/PPG-17/18-Dimethicone aufgelistet sind, verbirgt sich meist pure Chemie dahinter.
  • Zusammengefasst werden in Deutschland jährlich ca. 50.000 Tonnen Kunststoffe in Kosmetik- und Reinigungsprodukten eingesetzt. Das fand die Umweltorganisation NaBu heraus.
  • Eine Studie des Kosmetikherstellers "Raw Natural Beauty" ergab, dass sich eine Frau in ihrem Leben ganze 3,5 Kilo Lippenstift unbewusst von den Lippen schleckt – das entspricht etwa 875 Lippenstiften.
  • Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen gaben die Deutschen 2017 rund 1,2 Milliarden Euro für dekorative Kosmetik wie Eyeliner und Mascara aus.

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