Evelyn Lauder: Pink ist die Hoffnung

Dreimal kämpfte sich Evelyn Lauder, Grande Dame der Kosmetikbranche und Pionierin der Brustkrebs-Vorsorge, in ein neues Leben. Ihren letzten Kampf hat sie nun verloren - doch ihr Vermächtnis soll noch vielen Frauen helfen

Evelyn Lauder, eingerahmt von Liz Hurley und Gwyneth Paltrow

Schon der Name klingt wie eine Verheißung: Lauder...

Das sind rosarote Lippen, tiefschwarze Wimpern, die jedes Gegenüber gefangen nehmen. Evelyn Lauder lebte und liebte die Welt der schönen Dinge. Umso mehr, da sie immer wieder fast daraus verbannt worden wäre. Doch dreimal bewies sie große Stärke: als kleines Mädchen, dann kurz nach der Hochzeit, schließlich als reife Frau, die an Krebs erkrankte. Damals, vor rund 20 Jahren, entstand aus ihrem persönlichen Kampf eine große Bewegung zur Krebsvorsorge, die vielen Frauen helfen soll.

Vergangene Woche ist die Vizepräsidentin des Beauty-Riesen Estée Lauder und Erfinderin der rosa Schleife zur BrustkrebsAufklärung in New York gestorben. An den Folgen ihrer zweiten Krebserkrankung.

Als Evelyn 1936 in Wien zur Welt kam, schien alles um sie herum leicht und schön zu sein. Ihre Eltern Mimi und Ernest Hausner führten eine liebevolle Ehe und ein Geschäft für Damenwäsche. Doch die Welt draußen bedrohte die Idylle, denn die Hausners waren Juden. Kurz vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland entschloss sich die Familie zur Flucht nach England. In den Wirren jener Jahre wurde die Mutter als "feindliche Ausländerin" interniert, das Mädchen in ein Heim gesteckt. "Von meiner Mutter getrennt zu werden, war ein traumatisches Erlebnis", erzählte Evelyn Lauder noch Jahrzehnte später. 1940 gelang es dem Vater, drei Tickets für ein Schiff nach Amerika zu buchen. Am Ende der Reise stand für Evelyn die prägendste Erinnerung ihrer Kindheit. "Bei der Einfahrt nach New York weckte mich meine Mutter, ich sollte mir die Freiheitsstatue ansehen." Viel später habe sie verstanden, was ihr die Mutter vermitteln wollte: Du hast deinen ersten Kampf gewonnen, kleines Mädchen, sei weiter so stark wie die große Miss Liberty! Gut 70 Jahre später sagte Evelyn Lauders Sohn William an dem Tag, an dem seine Mutter starb: "Sie war es, die stets die Fackel der Familie hochhielt."

Die Familie

Bei einem Treffen im Jahr 1978 war der ganze Lauder-Clan versammelt: Evelyn (2. v. l.) wird eingerahmt von ihrem jüngeren Sohn Gary und Schwiegervater Joseph. Vor Matriarchin Estée Lauder steht Aerin, heute kreativer Kopf des Unternehmens. Daneben Evelyns älterer Sohn William – mittlerweile Konzernchef – und ihr Mann Leonard mit Nichte Jane auf der Schulter. Ganz rechts Leonards Bruder Ronald mit Ehefrau Jo Carole

Chefin des Unternehmens war Evelyn Lauder auf dem Papier nie. Nach Estées Rückzug in den Achtzigerjahren übernahm erst Evelyns Ehemann, 2004 dann der ältere ihrer Söhne das Zepter. Doch Evelyn Lauder hauchte der Firma die Herznote ein, wie die Herznote einem Parfum den Charakter gibt. Ihre Leidenschaft: Farben und Düfte. Der von ihr entwickelte Lippenstift "Alfresco Brick" wurde zum Topseller, ebenso die Parfums, die sie "Beautiful" und "Happy" nannte. Schönheit und Glück, ewige Sehnsucht.

Der Lauder-Lippenstift in "Lavish Pink" gibt den Ton an. Viele Firmen übernehmen inzwischen das Motiv der rosa Schleife und spenden Teile des Erlöses (beispielsweise von Seifen) an Krebsstiftungen

Ihren Platz im Imperium musste sich Evelyn allerdings erst erkämpfen. Als 18-jährige Studentin hatte sie den drei Jahre älteren Leonard Lauder kennengelernt; Freunde brachten den Erben und Miss Hausner zusammen, deren Eltern sich in Manhattan mit fünf Kleiderläden etabliert hatten. Wie Evelyn und Leonard feststellten, waren sie nur zehn Häuserblocks voneinander aufgewachsen. Trotzdem entführte er sie in eine neue Welt: Nie zuvor war sie in ein Restaurant eingeladen worden! Vier Jahre nach dem ersten Treffen heirateten die beiden. Estée Lauder, die Matriarchin, sah die Wahl ihres Sohns skeptisch. Fürchtete sie eine Konkurrentin? Wollte sie die Schwiegertochter nur prüfen? Evelyn erzählte dazu gern die "Möbel-Story". Als sie zu Anfang der Ehe - sie unterrichtete als Lehrerin in Harlem - mal nach Hause kam, war Estée gerade dabei, die Möbel umzustellen. Nach ihrem persönlichen Geschmack. In dem Apartment wohlgemerkt, in dem Evelyn mit Leonard wohnte. Evelyn staunte, schwieg aber lächelnd. Nach dem, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatte, hätte es mehr gebraucht, um sie aus der Ruhe zu bringen. Kurz darauf bot Estée ihr an, ins Unternehmen einzusteigen. Evelyn gehörte fortan zu den wenigen Menschen, die der Matriarchin die Meinung sagen durften. Und Estée nannte sie jetzt "die Tochter, die ich nicht hatte". Evelyn Lauder hatte ihren zweiten großen Kampf gewonnen. Und war nun stärker als zuvor.

Alles war plötzlich gut. Die Angestellten schätzten Evelyn Lauders Art, die Kundinnen ihre Produkte, und dann bekamen die schöne Karrierefrau und ihr Traummann auch noch zwei Wunschkinder. Nach außen schien auch 1989 noch alles perfekt - in dem Jahr, als ein Arzt bei der 53-Jährigen Brustkrebs diagnostizierte. In der Öffentlichkeit sprach sie davon erst viele Jahre später; auch ihren erfolgreichen Kampf gegen die eigene Krankheit führte sie leise. Umso lauter kümmerte sie sich nun um andere Frauen: Evelyn Lauder machte das Tabuthema Brustkrebs öffentlich.

Von der roten Aids-Schleife inspiriert, ließ sie Schleifen in Pink anfertigen. Die Verkäuferinnen in den Beauty-Läden sollten sie in die Einkaufstüten legen, dazu eine Karte mit Tipps zum vorsorglichen Abtasten der Brust - es ging um Aufklärung und Früherkennung. 1993 gründete Evelyn Lauder zudem die "Breast Cancer Research Foundation". Sie gewann Schauspielerin Liz Hurley als Botschafterin der "Pink Ribbon"-Kampagne und sorgte dafür, dass der "Brustkrebsmonat Oktober" populär wurde. Inzwischen macht die ganze Welt mit: Von New York bis Sydney strahlen jeden Oktober berühmte Bauwerke in Pink. Pink ist die Hoffnung, und die lässt sich in einer Zahl ausdrücken: Die Heilungschancen bei Brustkrebs liegen heute bei weit über 90 Prozent. Experten zufolge vor allem dank Aufklärung und Früherkennung.

Evelyn Lauder packte der Krebs 2007 ein zweites Mal. Diesmal waren die Eierstöcke betroffen, und diesmal verlor die starke Frau den folgenden jahrelangen Kampf. Dass sie jetzt wenige Tage nach dem Aktionsmonat Oktober starb, wirkt fast so, als hätte sie der guten Sache keine Aufmerksamkeit rauben wollen. Ihr Vermächtnis soll noch unendlich viele Frauen stark machen.

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