Der Fall (der) Anna Wintour
Spricht man in diesen Tagen mit Kollegen aus der Modebranche, kommt man irgendwann zur Frage: “Wann wird sie denn nun gefeuert?” Seit Wochen kursieren die Gerüchte, dass Anna Wintour bald ihren Job als Chefredakteurin der amerikanischen Vogue verlieren wird. Eine Kollegin will von einer “super Quelle” gehört haben, dass es Ende Januar soweit ist. Nun, dann muss es also heute passieren. Wird es aber nicht. Dennoch kann man davon ausgehen, dass Wintour in den nächsten Wochen ihren Abschied bekannt geben wird.
Die Demontage begann allerdings schon im März vergangenen Jahres. Gala hatte damals bereits darüber berichtet, dass sich Designer wie Cavalli oder Armani kritisch gegenüber Anna äußern und Carine Roitfeld - Chefredakteurin der Vogue Paris und heiße Nachfolge-Kandidatin - wurde im New York Magazine zitiert, sie wolle nicht so “eine Marionette” werden wie Anna. Spätestens jetzt muss Wintour klar gewesen sein: Wenn schon jemand aus dem eigenen Verlag ein kritisches Interview geben darf und mein Arbeitgeber das akzeptiert, sieht es nicht gut aus. Andere treten nun freiwillig zurück. Und was macht Wintour? Sie kämpft, macht ihre Arbeit und zeigt, wie gut sie darin ist. Das hat Klasse. Genauso wie es Klasse hatte, dass sie zur Premiere von “Der Teufel trägt Prada” in Prada erschien.
Mag sein, dass Wintour eine anstrengende Chefin ist. Man sagt, sie herrsche über das Heft. Sie lässt sich jedes Produkt, das ins Heft kommen soll, vorher zeigen. “Kreativität ist eben nicht demokratisch”, wie Karl Lagerfeld richtig sagt. Sie fordert von ihren Mitarbeitern, den “Voguettes”, dass sie anständig gekleidet zur Arbeit kommen. Na und? Mode ist kein Kindergeburtstag, sondern eine Industrie. Viele vergessen das und sehen die Branche als Spaßbad an. Profis wie Wintour stellen Anforderungen, die in jeder anderen Branche, akzeptiert werden. Oder geht eine Bankerin in Ugg-Boots ins Büro?
Fest steht: Niemand hat so viel für die Branche getan wie Anna Wintour. John Galliano verdankt ihr (fast) alles. Als er als junger Designer kein Geld hatte, gab Wintour ein Dinner für John mit potentiellen Geldgebern. Als ein italienischer Designer drohte, Anzeigen zu stornieren, weil er mehr Veröffentlichungen haben wollte, gaben alle Magazine nach - nur Wintour nicht. Okay, Wintour hat Bodyguards. Das ist vielleicht übertrieben. Andererseits: Wer lässt sich gerne von militanten Pelzgegnern Torten ins Gesicht werfen? Wintour hat angeblich einen eigenen Aufzug im Verlag? Mich nerven Apfel essende Menschen im Lift auch. Verständlich also. Wintour kommt zu spät zu Fashion Shows? Stimmt nicht.Meistens ist sie die Erste. Und wenn sie zu spät kommt, stand sie im Stau, weil man in Mailand und Paris von Termin zu Termin hetzt.
Alles also nur halb so schlimm. Wahre Größe aber, so sagt man, zeigt sich in der Krise. Und die hat sie bewiesen. Wintour kommentierte keines der Gerüchte, sondern ließ sich für den Spielfilm “September Issue” einfach bei der Arbeit begleiten. Sie drehte also ein reales “Teufel trägt Prada” Pendant. Und sie macht einfach das, was sie am besten kann: arbeiten wie ein Profi. “Die Februar-Ausgabe der US-Vogue” ist eine Ohrfeige ins Gesicht von uns allen”, urteilt eine Chefredakteurin über Annas neues, vielleicht letztes Heft. Eine Kombination aus Luxus und Kommerz, aus Wegweisendem und Normalen. Ja, Mode ist Spaß. Aber, auch wahr, Mode ist vor allem ein Business. Niemand weiß das besser als sie. Und genau deshalb nahm ich Anna gestern mit zum Kindergeburtstag, ach nein, zur Michalsky-Show….







