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Superstar Bei Bohlen nix zu holen

Deutschland sucht wieder den Superstar, wohl auch 2008 vergeblich. Die Shows in England und den USA aber bringen spätere Top-Stars hervor - wieso?

"Vorhin hab' ich Schnitzel mit Gurkensalat gegessen.

Also, der Salat war musikalischer als du!" Auch wenn sie die Nation spalten: Die derben Urteile von Dieter Bohlen über seine bedauernswerten Vorsänger haben Kultcharakter. Die Rede ist natürlich von RTLs emotionsgeladenem Talentschuppen "Deutschland sucht den Superstar", kurz "DSDS".

Deutschland sucht so einiges über Castingshows: Popgruppen, Topmodels, Tarzan, Jane - und Ende März schickt das ZDF sogar Thomas Gottschalk ins Rennen, der zwei Darsteller für das Musical "Starlight Express" finden will. Die meiste Aufmerksamkeit hat jedoch eindeutig das RTL-Format "DSDS". Wenn es samstags in den Liveshows nach dem Motto Trällern, Tränen, Temperamente rundgeht, gucken durchschnittlich sechs Millionen Zuschauer zu. Allerdings verlieren sie mit Abschluss der Austrahlungen schnell das Interesse an den Gewinnern und ihren Mitstreitern.

Deutschlands "alter" Superstar Mark Medlock mit seinem Mentor Dieter Bohlen
© GettyDeutschlands "alter" Superstar Mark Medlock mit seinem Mentor Dieter Bohlen

Aus Daniel Küblböck, Tobias Regner, Elli Erl und Co. beispielsweise wurden keine Stars, sondern mit abnehmender Medienpräsenz erst C-Promis und schließlich Vergessene. Bestenfalls singen sie für kleine Fangemeinden, blamieren sich im "Dschungelcamp" oder landen als Zweitverwertung in den "10 peinlichsten DSDS-Momenten". Anders Mark Medlock, 29: Er gewann soeben den Newcomer-Echo und hatte gemeinsam mit Bohlen bereits zwei Nummer-Eins-Hits. Aber er babbelt hessisch und will sich nicht verbiegen lassen - wie ein glamouröser Superstar wirkt er daher nicht gerade. "Das Authentische stört den Starfaktor bei Mark" glaubt Hans-Otto Hügel, Professor für Populäre Kultur an der Uni Hildesheim.

Deutsche Superstars sind nun mal keine Exportschlager, und "Mark who?" würden auch die Amerikanerin Jennifer Hudson und ihre englische Kollegin Leona Lewis fragen. Nachdem Hudson, 26, bei "American Idol" 2004 als Siebte ausgeschieden war, begann ihr märchenhafter Aufstieg: Oscar-Rolle in "Dreamgirls", Auftritt im "Sex And The City"-Film, und demnächst soll sie Aretha Franklin in einem Biopic darstellen. Leona Lewis, 22, seit ihrem Sieg bei "The X Factor2 2006 als neue Whitney Houston gehandelt, landete mit "Bleeding Love" weltweit einen Megahit. Nur eine Woche nach der Veröffentlichung hatte sich die kraftvolle Ballade im Vereinigten Königreich fast 220000 Mal verkauft. Auch der charismatische Will Young, ihr Vorgänger-Sieger von 2002, ist bis heute erfolgreich. 2005 holte er den Brit Award für den Song "Your Game".

Leona Lewis gewann bei der britischen Casting-Show "The X-Factor"
© Wireimage.comLeona Lewis gewann bei der britischen Casting-Show "The X-Factor"

Viele Bewerber von "American Idol" oder "The X Factor" haben nach ihrer Teilnahme ein Dauerticket für die Charts - und das weltweit. In beiden Formaten geht Musik-Mogul Simon Cowell als Bohlen-Pendant auch nicht gerade zimperlich mit seinen Kandidaten um, doch aus den Zuschauern werden anschließend Fans. Cowell protzig: "Die Show heißt 'Idol', weil wir den größten Künstler dieses Planeten suchen!" Einen neuen Elvis hat auch er noch nicht gefunden, doch Jennifer wie Leona oder auch Kelly Clarkson und Carrie Underwood verdienen den Titel Superstar. Davon können deutsche Kandidaten nur träumen, obwohl die meisten von ihnen mit englischen Songs auf den Markt kommen. Musikexperte Thomas M. Stein gegenüber GALA: "Amerikanische Stars haben eine viel größere Plattform. Sie sind gleich in hundert Ländern berühmt. Hier kann man gar nicht so hohe Summen investieren, um sie so zu pushen." Andreas "Bär" Läsker, aktueller Bohlen-Beisitzer in der Jury, dagegen weist auf die Mentalität der Deutschen hin: "Amerikaner und Briten haben ein anderes Verhältnis zur Popmusik und gehen entsprechend lockerer mit Erfolg um. In Deutschland regiert der Neid."

Die ehemaligen Kandidaten seien aber "keineswegs in der Versenkung verschwunden, sie sind nur nicht mehr sieben Tage die Woche in der 'Bild'." In den Charts allerdings auch nicht ... Vielleicht liegt es auch daran, dass die "DSDS"-Vorrunden den Fokus auf die Bloßstellung untalentierter Kandidaten legen. Sprüche wie "Das Ding hier heißt nicht Deutschland sucht Naturkatastrophen!" klingen halt nicht nach seriöser Talentsuche. Peinlichkeit sells - aber keine Platten.

"American Idol"-Gewinnerin Jennifer Hudson gewann sogar einen Oscar
© Wireimage.com"American Idol"-Gewinnerin Jennifer Hudson gewann sogar einen Oscar

Alexander Klaws, erster Gewinner 2003 und noch einer der erfolgreicheren Teilnehmer, zu GALA: "Ich glaube, es war in der ersten Staffel falsch, dass jemand auf dem dritten Platz landete, der überhaupt nicht singen kann." Er meint Daniel Küblböck.

Ob die neuerliche Starsuche ein Erfolg wird? Bisher lief alles wie gehabt: Bohlen pöbelt, die Kandidaten blamieren sich, und der Jugendmedienschutz verklagt RTL auf 100.000 Euro, weil er die teilnehmenden Tenies gefährdet sieht. Wenn Deutschland Ende Mai seinen fünften Gewinner präsentiert bekommt, wird sich aufs Neue zeigen, dass Ruhm und Erfolg nicht so einfach planbar sind. Amerika und England haben da ein besseres Händchen, nicht nur wegen größeren Möglichkeiten bei der internationalen Vermarktung ihrer Stars. Das Konzept ging schon bei Justin Timberlake und Britney Spears auf: Als Kinder sangen sie bei "Star Search" vor und sind beide zu Megasellern geworden - der eine mehr, die andere weniger konstant. Ob man aber schließlich als Superstar glücklich wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

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Bei Bohlen nix zu holen
Superstar: Bei Bohlen nix zu holen | GALA.DE
Deutschland sucht wieder den Superstar, wohl auch 2008 vergeblich. Die Shows in England und den USA aber bringen spätere Top-Stars hervor - wieso?
http://www.gala.de/stars/story/superstar-bei-bohlen-nix-zu-holen_12274.html
2008-03-19T12:11:31+0100
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