Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. Wir waren Papst

Vatikan-Experte Andreas Englisch exklusiv in "Gala": Die letzten dramatischen Stunden im Amt von Papst Benedikt XVI. - und wie er in Zukunft leben wird

Der Papst hat seine Koffer gepackt. Ein Hubschrauber wartet auf dem Landeplatz neben dem Turm des Heiligen Johannes in den Vatikanischen Gärten, um ihn am Ende seines letzten Arbeitstages, dem 28. Februar 2013, um 20 Uhr nach Castel Gandolfo zu bringen. Dem idealen Versteck vor dem Rest der Welt.

Niemand kommt unbefugt in dieses 23 Kilometer südlich von Rom gelegene, wuchtige Schloss hinein, das die Päpste im 16. Jahrhundert der Familie Savelli abnahmen, weil die ihre Schulden nicht bezahlen konnte. Nun können sich die Bräute der Stadt in Zukunft nicht mehr so selbstverständlich wie bisher im Garten des Papstes mit ihrem Bräutigam fotografieren lassen, denn der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. liebt es, im Park von Castel Gandolfo spazieren zu gehen.

Papst Benedikt XVI.: Zunächst zieht Benedikt XVI. in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo am Mittelmeer. Der Ausblick bietet einen Kontrast zur Enge des Vatikans: die Weite des Horizonts beim Blick aus den Parkanlagen.
© ReutersZunächst zieht Benedikt XVI. in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo am Mittelmeer. Der Ausblick bietet einen Kontrast zur Enge des Vatikans: die Weite des Horizonts beim Blick aus den Parkanlagen.

Als Joseph Ratzinger im Jahr 1981 im Auftrag der Kirche nach Rom kam, ahnte er nicht, dass es für immer sein würde. Deswegen richtete er sich für den Übergang ein, in einem kleinen Studierzimmer am Campo Santo Teutonico im Vatikan. Der freundliche Herr las jeden Donnerstagmorgen um sieben Uhr die Messe und sprach danach bereitwillig mit den Gläubigen. Ich werde nie vergessen, wie er auf meine Frage, ob er eines Tages der Nachfolger von Papst Johannes Paul II. werden könnte, antwortete: "Papst sein, das könnte ich nie."

Auf jeden Fall blieb er immer länger im Vatikan: Karol Wojtyla ließ Joseph Ratzinger, den obersten Glaubenshüter, den Präfekten der Glaubenskongregation, nicht gehen, obwohl der immer wieder seinen Rücktritt einreichte. Statt nach Deutschland zurückzukehren, bekam Joseph Ratzinger eine luxuriösere Wohnung im großen Wohnhaus am Grenzübergang des Vatikans, der Porta Sant’ Anna. In der Kaffeebar unten im Haus trank er morgens seinen Tee und ging dann quer über den Petersplatz zu seinem Arbeitsplatz in der Glaubenskongregation.

Man konnte die Uhr nach ihm stellen: Um 13.30 Uhr kam er zurück. Nach dem Tod seiner Schwester 1991, die ihn zeitweise versorgt hatte, setzte er sich oft in das Restaurant "Cantina Tirolese" in der Nähe seiner Wohnung, um für unter zehn Euro Mittag zu essen. Kardinal Ratzinger hatte viele Freunde in seinem Stadtviertel Borgo, und wenn man ihn fragte, wieso, sagte er: "Ich bin ein völlig unpraktischer Mensch." Er hat nie einen Führerschein gemacht, muss sich immer fahren lassen, er benutzt nie eine Schreibmaschine geschweige denn einen Computer. Ging bei ihm zu Hause eine Glühbirne kaputt, musste der Elektriker Angelo Mosca sie austauschen.

Sein größter Wunsch war es, nach Bayern zurückzukehren, und im Jahr 2005, als Johannes Paul II. im Sterben lag, schien das greifbar nahe. Doch der gab dem künftigen Papst noch einen Rat mit auf den Weg. Er sprach darüber, was die dringlichste Aufgabe für seinen Nachfolger werden würde: den "Schmutz aus der Kirche zu kehren". Dass er dieser Papst sein würde und dass ihm die Aufgabe zufallen würde, sauber zu machen, hat Joseph Ratzinger da noch nicht geahnt.

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