Heidi Klum
© Bulls Press Heidi Klum

Heidi Klum "Ich habe viel geweint"

Im Interview schildert Heidi Klum, wie sehr sie das Schicksal der Kinder auf Haiti berührt - und was sie für ihr Leben mitnimmt

Frau Klum, Sie waren auf einer Station mit zu früh geborenen Babys. Wie fühlt sich das als Mutter an?

Ich habe schon einige Krankenhäuser in Los Angeles besucht. Was die da für Geräte haben, wie viele Krankenschwestern es gibt, wie die Hygiene ist! Und dann der Unterschied: In Haiti kommst du in ein Land und triffst auf ein Kind, das deutlich zu früh geboren ist, und das hat noch nicht mal einen Brutkasten. Die haben gar nichts, nichts, um die Kinder warm zu halten. Die Kinder sind in Plastiktüten eingepackt.

Kommen einem da nicht die Tränen, wenn man so etwas sieht?

Bei mir kam das erst auf dem Rückflug nach New York. Während ich auf Haiti war, war ich noch stärker, aber im Flugzeug habe ich viel geweint, weil mich die Schicksale dieser kleinen Kinder sehr berührt haben.

Glauben Sie, dass man nach einer solchen Reise ein anderer Mensch ist?

Sicher. Das glaube ich schon. Es ist ein Privileg, diese Erfahrung machen zu können, anderen Menschen davon zu erzählen und dadurch etwas verbessern zu können.

Haben Sie nach einer solchen Erfahrung einen anderen Blick auf das Glück der eigenen Kinder?

Ich habe mit meinen Kindern darüber gesprochen, und wir haben schon ein Datum kurz vor Weihnachten, um gemeinsam in ein Kinderkrankenhaus in L. A. zu gehen. Ich würde sie aber auf keinen Fall mit nach Haiti nehmen. Das ist für sie zu gefährlich, schon wegen der Seuchen- und Ansteckungsgefahr. Sie sind auch noch zu klein, um das zu verarbeiten.

Sie scheinen sich trotz der Ansteckungsgefahr nicht gescheut zu haben, auch Kinder auf den Arm zu nehmen.

Das hätte doch jeder gemacht.

Könnten Sie sich vorstellen, eines der Kinder zu adoptieren?

Ich habe mit den Leuten von Unicef gesprochen, und die haben gesagt, das ist wahnsinnig schwierig. Es wird ja ein regelrechter Kinderhandel betrieben. Müttern wird nach der Geburt das Kind weggenommen, um es an adoptionswillige Ausländer zu verkaufen, anderen wird einfach erzählt, dass das Kind nach der Geburt gestorben sei. Es ist sehr schwierig, da das Richtige zu tun. Völlig ungewollt könnte man durch eine Adoption auch eine Familie zerreißen.

Oft ist aber eine Adoption die einzige Überlebenschance.

Das weiß ich nicht. Für die ist der Zustand dort das normale Leben. Wer sind wir zu richten, ob unser Leben das bessere ist? Vielleicht ist es wichtiger, bei Vater und Mutter zu sein, egal ob die Umstände anders sind als unsere. Ein Kind hat es nicht zwingend besser bei uns, nur weil wir mehr haben.

Kommt es einem nicht noch absurder vor, wenn man aus einem Land wie Haiti kommt, mit all der Not - und vor dem Haus haben sich wieder Paparazzi postiert?

Es ist immer etwas seltsam, andauernd fotografiert zu werden. Das ändert sich nicht mit so einer Reise.

Familienidylle: Heidi Klum mit Partner und Bodyguard Martin Kirsten und ihren Kindern Leni und Lou auf einem Spielplatz in Los Angeles.
© Bulls PressFamilienidylle: Heidi Klum mit Partner und Bodyguard Martin Kirsten und ihren Kindern Leni und Lou auf einem Spielplatz in Los Angeles.

Sprechen Sie nach so einem Trip besonders intensiv mit Ihren Kindern darüber?

Nicht andauernd. Aber natürlich hat das auch etwas mit Wertevermittlung zu tun. Ich möchte, dass meine Kinder zu würdigen wissen, wie sie aufwachsen können. Spielen, Lachen, die Schule, in die sie gehen, dass es einen Zahnarzt gibt, keinen Hunger haben zu müssen. All die normalen Dinge, die uns umgeben, sind für die Kinder in Haiti völlig unerreichbar.

Welcher Moment hat Sie am meisten berührt?

Am schlimmsten war es für mich, das Kind wieder da hineinzulegen und zu gehen. Stellen Sie sich vor: Überlebt das Kind? Oder liegt es einfach in diesem Kasten und weint den ganzen Tag? Als ich es gesehen habe, hat es einfach nur geweint. Das war unendlich traurig. Und erst als ich es rausgeholt habe, hat es aufgehört. Wir haben es angezogen und erst mal gefüttert. Dann ging es ihm gut. Es muss nicht immer nur Geld sein, um Kindern zu helfen. Manchmal reicht auch nur die Berührung. Das kann jeder leisten.

Haben Sie das schon oft gemacht?

Ich bin schon mit bedürftigen Kindern in L. A. oder New York ins Kino gegangen, um sie mal aus ihrem Krankenzimmer zu holen. Aber man kann auch einfach ein Neugeborenes aus einer Babyklappe halten. Das hat nämlich sonst niemanden, der es mal in den Arm nimmt. Da gibt man diesem Kind dann seine Zeit und Wärme, das hilft.

Kommen Sie zurück und schauen, was aus den Kindern geworden ist?

Diese Kinder werde ich nie mehr wiederfinden. Die sind dann aus dem Krankenhaus raus und verschwinden irgendwo. Das ist ja nicht wie bei uns, wo jeder einen Pass hat. Das ist ja ein totales Wirrwarr da.

Wie hieß denn das Kind, das Sie im Arm trugen?

Das Kind hatte noch nicht mal einen Namen. Die Mutter hat es bekommen, hat es da hingelegt und ist gegangen.

Hatten Sie Angst während der Reise?

Ja. Die Unicef-Mitarbeiter haben mir erklärt, dass vor gar nicht langer Zeit UN-Soldaten die Ärzte und Krankenschwestern schützen mussten. Haiti ist einer der gefährlichsten Plätze auf der Welt. Kaum taucht man auf, gibt es schnell einen Rummel, ein Geschubse und Gedrängel. Da muss man schnell wieder aufbrechen. Das ist den Unicef-Leuten zu unübersichtlich und gefährlich. Da kann alles passieren.

Kommt die Show-Welt einem nach so einer Erfahrung ganz besonders fremd und schräg vor?

Ja, man trägt schon diese Erfahrungen im Herzen und sieht die Dinge mit anderen Augen. Man wird zu einem anderen, reiferen Menschen. Es sind ja immer kleine Filme, die man dann im Kopf hat, die man sich merkt und die auch wichtig sind. Christian Krug