Colin Firth
© Reuters Colin Firth

Colin Firth Das verkannte Kronjuwel

Lange war er der Mann für die zweite Reihe - jetzt beweist Colin Firth mit dem oscarreifen Film "The King's Speech", dass er ganz nach vorn gehört

Sein Lächeln bei der Begrüßung im Londoner "Savoy" wirkt echt,

aber auch ein bisschen müde: Der Trubel um das Filmdrama "The King's Speech" hält Colin Firth auf Trab. Einen Vorgeschmack darauf bekam er - nach eher mageren Hollywood-Jahren - schon 2010, als ihm seine Schauspielkunst in "A Single Man" die erste Oscar-Nominierung einbrachte. Am 27. Februar kann er nun wieder auf einen Academy Award hoffen. Der Preis wäre der Höhepunkt nach vielen Auszeichnungen für "The King's Speech". Gala sprach mit dem 50-jährigen Briten über seinen späten Erfolg, über Lampenfieber - und seine geliebte Familien-Diktatorin.

Wie überlebt man 25 Jahre Filmgeschäft, wenn man nicht ständig in der ersten Reihe steht?


Das ist nicht einfach. Richtig weg vom Fenster war ich ja nie, aber die Qualität der Angebote variierte doch sehr. Ich wurde irgendwie ständig neu entdeckt. In "Bridget Jones" fragten sich die jüngeren Zuschauer wohl zu Recht: Wer ist dieser Kerl? Wichtig war für mich immer, Geld zu verdienen. Ich habe schließlich Familie.

Colin Firth als König George VI. in "The King’s Speech", mit Filmgattin Helena Bonham Carter (ab 17. Februar im Kino). George VI. und seine Frau Elizabeth waren die Eltern der heutigen Queen.
© PRColin Firth als König George VI. in "The King¿s Speech", mit Filmgattin Helena Bonham Carter (ab 17. Februar im Kino). George VI. und seine Frau Elizabeth waren die Eltern der heutigen Queen.

In "The King's Speech" spielen Sie König George VI., der fürchterliche Angst hat, öffentlich zu sprechen und deswegen stottert. Kennen Sie diese Angst?


Die habe ich schon oft erlebt. Wenn man auf der Bühne mitten im Stück seinen Text vergisst, fühlt sich das an, als würde man in ein tiefes Loch fallen. Und wenn ich einen Satz vergesse, dann vergesse ich alles. Wie das Stück heißt, in welchem Jahr wir uns befinden, meinen Namen, einfach alles ... (lacht)

Gibt es ein Loch, an das Sie sich im Speziellen erinnern?


Ja. Darin saß ich vor der Premiere des Stücks, das ich zuletzt gespielt habe. Ich war kurz vorher wirklich fertig mit den Nerven, weil ich eine Menge Text hatte. Die Aufführung sollte mit einem zweiseitigen Monolog von mir beginnen. Ich wollte kurz allein sein, mich konzentrieren, und deshalb schloss ich mich in der Toilette ein. Ich sagte mir: Konzentriere dich auf den ersten Satz! Ich atmete tief ein - und erinnerte mich nicht mehr an diesen Satz.

Wie lang war es da noch bis zu Ihrem Auftritt?


Fünfzehn Minuten. Ich dachte: Jetzt hilft nur noch frische Luft. Da es in dem Theater keinen richtigen Bühneneingang gibt, nahm ich den Fluchtweg und bin durch eine Sicherheitstür raus - die hinter mir ins Schloss fiel. Und diese Tür ist nur von innen zu öffnen. Also musste ich zum Haupteingang, durch die Menschenmenge. Ich habe meine Angst geradezu körperlich gespürt. Irgendwie kam ich dann doch auf die Bühne. Alles, woran ich mich heute noch erinnere, ist, dass ich mich beim Schlussapplaus verbeugt habe. Interessanterweise lobten die Kritiker die Aufführung nachher. Skurril!

Haben Sie auch Angst, wenn Sie eine Rede halten müssen?


Ja. Da geht es mir wie den meisten Menschen. Es gibt Untersuchungen darüber, dass die Angst, öffentlich zu sprechen, verbreiteter ist, als die Angst zu sterben. Das heißt: Auf Beerdigungen würden die meisten lieber im Sarg liegen als am Grab sprechen ...

Sie müssen zurzeit einer der glücklichsten Schauspieler der Welt sein. Ein Jahr nach den vielen Auszeichnungen für Ihren Film "A Single Man" haben Sie den Golden Globe für "The King's Speech" gewonnen und sind Top-Anwärter auf den Oscar. Fragen Sie sich manchmal: Warum jetzt alles auf einmal?


Es war fantastisch, diese beiden Chancen so kurz hintereinander zu haben. Darauf habe ich seit Jahren gewartet. Warum es jetzt passiert? Ich glaube, letztendlich gehört immer eine große Portion Glück dazu. Der Beruf des Schauspielers hat etwas von einer Lotterie. Wir arbeiten mit dem Material, das man uns zur Verfügung stellt - da können wir wenig beeinflussen. Wenn man das richtige Drehbuch bekommt, sieht man vor der Kamera gut aus. Wenn das Drehbuch dürftig ist, wirkt die Leistung des Schauspielers dementsprechend dürftig. Dazu kommt natürlich mein Alter: Heute kann ich einen Mann mit Vergangenheit spielen. Wenn man jung bist, kann man nur einen Mann mit einer Kindheit spielen.

Auch privat läuft's bestens: Colin Firth, 50, mit seiner Frau, der italienischen Filmproduzentin Livia Giuggioli, 41. Die beiden sind seit 13 Jahren verheiratet, haben gemeinsam die Söhne Luca, 9, und Matteo, 7.
© WireImage.comAuch privat läuft's bestens: Colin Firth, 50, mit seiner Frau, der italienischen Filmproduzentin Livia Giuggioli, 41. Die beiden sind seit 13 Jahren verheiratet, haben gemeinsam die Söhne Luca, 9, und Matteo, 7.

Waren Sie in den schwierigen Jahren mal richtig frustriert?


Was ich wirklich frustrierend fand, waren diese Rollen, von denen ich dachte, sie seien endlich etwas Besonderes - und am Ende sah sich dann niemand den Film an. Ich meine Filme wie "Wahre Lügen". Man sieht: Ich hatte schon früher interessante Rollenangebote. Mit dem Unterschied, dass es mittlerweile endlich allen auffällt. Und das ist wundervoll!

Bei "A Single Man" hat Tom Ford Regie geführt, eine Stil-Ikone. Hat sein Einfluss auf Sie abgefärbt?


Leider nicht. Ich versuche mich für öffentliche Auftritte einigermaßen vernünftig anzuziehen. Ansonsten bin ich ein typischer T-Shirt-Mann. Aber es fühlt sich auch unglaublich gut an, einen Tom-Ford-Anzug zu tragen - so etwas ist eine perfekte Rüstung. Man fühlt sich gleich stärker, ein Anzug verleiht Macht, nur weil man ihn trägt. Um es auf den Punkt zu bringen: Solche Sachen sind sexy.

Würden Sie sich nicht gern öfter sexy fühlen?


Das schönste daran, einen Anzug anzuziehen, ist, ihn wieder auszuziehen. Wenn ich Schlips und Schuhe in meinem Schlafzimmer in die Ecke schleudere, dann geht es mir richtig gut. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, und das betrifft auch meine Outfits.

Rupert Everett schreibt in seiner Biografie, Sie seien früher sogar eine Art Hippie gewesen.


Der Mann hat nur Lügen über mich verbreitet. (grinst) Da gab es diese Passage mit den Drogen --- Schwamm drüber! Aber für eine andere Passage hätte ich ihn fast verklagt: Er behauptet tatsächlich, ich würde Sandalen tragen. Sandalen! Ein Skandal!

Sie gelten als leidenschaftlicher Familienmensch. War Ihr Privatleben immer wichtiger als die Karriere?


Unbedingt. Die Familie geht vor. Und weil ich so ein glückliches Privatleben habe, kann mich beruflich nichts aus der Bahn werfen. Ich würde nie für die Karriere mein privates Glück aufs Spiel setzen. Gerade als Vater von zwei noch relativ kleinen Kindern kommt mir das Filmgeschäft manchmal ganz schön unwichtig vor.

Ihre Frau ist Italienerin. Passt südländischer Schwung zu britischem Understatement?


Und ob! Wahrscheinlich ziehen sich Gegensätze wirklich an. Wenn man mich fragt, ob unsere Ehe eine Demokratie ist, sage ich immer: Ich lebe gern in einer Diktatur, meine Frau ist Italienerin.

Christian Aust