Heidi Klum
© MARCO DORMINO/UNICEF Heidi Klum

Heidi Klum Eine Handvoll Hoffnung

Hautnah erlebte Heidi Klum die Spätfolgen des Erdbebens auf Haiti, sah, was funktioniert und was fehlt - eine Reise zwischen großer Trauer und kleinem Glück. Exklusiv für "Gala" schrieb sie ihre Erlebnisse auf

Die Welt rückte zusammen,

als sie vor fast drei Jahren die zerstörerischen Auswirkungen des Erbebens auf Haiti sah. Wir versprachen den Haitianern, ihnen beim Wiederaufbau zu helfen, sie dabei zu begleiten. Als ich Ende Oktober nach Haiti reiste, ging ich deshalb fest davon aus, die Fortschritte und Verbesserungen von drei Jahren unermüdlichem Engagement zu sehen. Stattdessen wurde mir klar, dass bei Weitem nicht alles so lief, wie erhofft: Mit der Zeit haben wir schlicht und einfach unsere Entschlossenheit verloren. Es ist eine Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Ganz ehrlich: Ich bin schon in viele Länder mit großer Bevölkerungsarmut gereist. Ich war in Indien, der Mongolei, Brasilien und einigen Teilen Afrikas - doch niemals habe ich eine solche Zerstörung wie in Haiti gesehen. Unsere Hilfe wird dringend gebraucht. Und echten Wandel erreicht man meiner Meinung nach vor allem dann, wenn man den jüngsten Betroffenen hilft: den Kindern. Genau das ist einer der Gründe, warum die Arbeit von Unicef in Haiti so wichtig ist - von der ich mich selbst überzeugen durfte.

Im Elendsviertel
Viele Hollywood-Stars und Freunde von mir engagieren sich in Haiti. Gleich am Flughafen begegneten wir zum Beispiel der Designerin Donna Karan. Donna verbringt viel Zeit hier, sie bringt den Leuten bei, Kunsthandwerk zu produzieren, das sie dann mit ihrer Urban Zen Foundation exportiert und in Geschäften in New York und Los Angeles verkauft (www.urbanzen.org). Ich bewundere ihren Einsatz für Haiti sehr. Meine erste Station nach der Landung war Cité Soleil. Mit seiner Armut und seinen Straßen-Gangs ist dieses Elendsviertel von Port-au-Prince laut den Vereinten Nationen einer der gefährlichsten Orte der Welt. Bis vor Kurzem konnten Helfer diese Gegend nicht ohne bewaffnete Beschützer besuchen. Einschusslöcher in den Wänden zeugen noch heute davon. Auch das Team, das uns begleitete, warnte uns, dass wir die Gegend bis spätestens 16.15 Uhr wieder verlassen müssten. Nach Anbruch der Dunkelheit würde es für uns zu gefährlich werden. Niemals zuvor habe ich mich so unsicher gefühlt. In Cité Soleil habe ich ein After-School-Program besucht. Kinder können dort lesen, spielen, singen und malen - statt sich auf den Straßen rumzutreiben. Unicef hat das Programm entworfen, um für Kinder einen sicheren Ort zu schaffen, an dem sie sich außerschulisch fortbilden können. Wobei es dort kaum Ausrüstung gibt - nicht einmal Tische oder Stühle! Die meisten Kinder saßen stattdessen auf Papiertüchern, von denen ich annehme, dass sie nur anlässlich meines Besuchs ausgebreitet worden waren. Ein karger Ort - der dennoch Hoffnung macht: In einem Zimmer sah ich Kinder, die Bücher in ihren Heimatsprachen lasen, in Französisch und auf Kreolisch. In einem anderen Raum wurde gebastelt, mit nichts anderem als weißem Papier und Klebstoff.

Hauptsache, die Kinder müssen sich nicht auf der Straße rumtreiben: Heidi beim Besuch eines Jugendzentrums in Cité Soleil. Hier lesen und basteln die Kinder.
© MARCO DORMINO/UNICEFHauptsache, die Kinder müssen sich nicht auf der Straße rumtreiben: Heidi beim Besuch eines Jugendzentrums in Cité Soleil. Hier lesen und basteln die Kinder.

Vor Ort erfuhr ich, dass 60 Prozent der Frauen auf Haiti ihre ersten sexuellen Erfahrungen unfreiwillig machen. Viele Kinder, die ich sah, waren die Ergebnisse solcher Übergriffe. Diese Vorgeschichte im Kopf zu haben ist unfassbar traurig, auch wenn die Kinder selbst nur Heiterkeit verbreiten. Sie forderten mich zum Tanzen auf, wollten spielen und lachen. Und wissen Sie was? Wir hatten einen Riesenspaß. Eine weitere Station unserer Reise war ein kleiner Kunsthandwerksbetrieb. Die Menschen dort machten metallene Bilderrahmen aus alten Öltanks. In einer anderen Werkstatt sah ich Frauen bei der Herstellung von Handtaschen und Geldbörsen zu. Junge Mädchen verzierten diese mit Pailletten, von denen jede einzeln aufgenäht wurde. Ich begegnete talentierten Menschen, die eine besondere Kunst beherrschen: Sie besitzen so gut wie nichts, doch aus dem wenigen, das sie haben, schaffen sie einzigartige Dinge.

Die Frühchen-Station
An nächsten Tag besuchte ich die Neugeborenen-Station der Universitätsklinik von Port-au-Prince. Selten habe ich etwas so Trauriges erlebt: Die Station bestand aus gerade einmal zwei Räumen, die aber waren übervoll mit früh geborenen Säuglingen. Die nötige Ausrüstung, um die Babys gesund und am Leben zu halten, gibt es nicht. Dabei ist der Chefarzt dort, Dr. Dodley Severe, ein unfassbar engagierter Mann. Er arbeitet hart, um den Frühchen mit den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Bei meinem Aufenthalt dort wogen die meisten Babys gerade mal anderthalb Kilogramm und lagen in kaputten Inkubatoren. Um sie warm zu halten, wurden die kleinsten Babys in ganz normale Plastiktüten gewickelt und dann mit Decken eingehüllt. Das ist wahrlich nicht viel - aber es wärmt immer noch besser, als wenn sie in einem der normalen Babybetten liegen würden, erklärte mir Doktor Severe.

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