Starporträt

John Galliano

Modeschöpfer John Galliano zaubert Kleidung von der Robe bis hin zum zerschlissenen Gesellschaftsmüll, aber bitte mit Passform

Bekannt als John Galliano
Vorname Juan Carlos Antonio
Name Galliano
Geburtstag 28. November 1960
Alter 53 Jahre
Geburtsort UK / Gibraltar
Sternzeichen Schütze

Was Sie wissen sollten - Biografie

Ein Segen, dass Juan Carlos Antonio Galliano nicht in die Handwerker-Fußstapfen seines Vaters, eines Installateurs auf Gibraltar, getreten ist. Vielmehr haben ihn die Frauen seiner Familie beeinflusst: Seine spanische Mama hatte die Liebe nach Gibraltar verschlagen. Mit ihrem Mix aus Temperament, dem Flamenco im Blut und dem Praktizieren der streng-katholischen Riten in prachtvollen Gewändern begeisterte sie ihren Sohn genauso wie die zwei Töchter für das Kostümieren. Die Kinder wurden zu jedem Anlass heraus geputzt.

Im Alter von sechs Jahren zog die Familie nach Süd-London und Galliano ging auf die Wilson's Grammar School for Boys. Das Herumhantieren mit Stoffen, das Schlüpfen in Rollen und sein Interesse an Kunst verließen ihn auch in seiner neuen Heimat nicht. Die Richtung war klar, aber das Zeichnen machte ihn während seines Studiums am berühmten Londoner "Central Saint Martins College of Art and Design" erst richtig glücklich. Johns Art, Kleidung zu entwerfen, beginnt bei der Illustration und dem kompletten Eintauchen in historische Zusammenhänge, die Inspirationsquellen bilden. Diese mischt er zeitgemäß bis punkig mit viel Ironie. So zeigen seine Kreationen Elemente der Mode aus dem 18. Jahrhundert: Animalisches wie Leder und Pelz, Chiffon, feinste Stickereien und derbe Übermalungen, beispielsweise mit Ölfarben. Galliano arbeitet mit dem Mittel der Verfremdung. Die aufsehenerregende Mode wird aber erst komplett durch seinen Perfektionismus in Schnitt und Verarbeitung. Diese Kombination öffnete ihm die Tür zu altehrwürdigen Pariser Modehäusern.

Selten hat eine College-Abschlusskollektion einen Modestudenten gleich in die vorderste Reihe der Modeboutiquen katapultiert. Galliano aber tauchte regelrecht in die Zeit der Französischen Revolution ein und wurde zum "Incroyable", einem Dandy der Revolution. Seine authentische Kollektion wurde von der Presse begeistert aufgenommen und im Londoner Modehaus Brown's dekoriert - einen der Mäntel kaufte Diana Ross. Galliano und seine Mode, das war schon immer eine untrennbare Einheit. In seinen wilden Jahren zog er mit Boy George und anderen New Romantics durch die Clubs, jede Nacht in einem neuen Look. Bis Anfang der 90er Jahre zeigte er anläßlich der British Fashion Week seine fantastischen Themen-inspirierten Kollektionen, in denen er immer Kunstfertigkeit mit Trivialem zusammenführte. Er hatte Madeleine Vionnets Schrägschnitt wiederentdeckt, den er auf T-Shirts und sogar Mäntel übertrug. Dazu kombinierte er sehr raffiniert ethnische Einflüsse aus der ganzen Welt. Und dennoch kreiste ewig der Pleitegeier über dem Genie.

Bis angeblich wieder einmal Anna Wintour, die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, ihre Finger im Spiel hatte und Investoren vermittelte. Galliano, der seit 1991 in Paris arbeitete, bekam den Ruf als Givenchy-Chefdesigner und war im selben Sommer der Star der Pariser Defilees. Es folgte der zweite Schachzug von Bernard Arnault, dem Chef und Visionär der LVMH-Gruppe, dem anderen britischen Designtalent, Alexander McQueen, nun Givenchy zu übergeben und Galliano im Januar 1997 als Chefdesigner zu Dior weiterzureichen.

Sehr erfolgreich, denn Galliano hat den angestaubten "New Look" Diors neu interpretiert: Er hat mit seinen opulenten Haute-Couture-Aufführungen das Image des Hauses wieder aufgebaut, den Verkauf der Accessoires angekurbelt und ist trotzdem der Idee von Christian Dior treu geblieben: mit der Silhouette zu spielen. Galliano übertreibt die Pose lediglich ein bisschen in Richtung Drag. Ausflüge in die Tragbarkeit werden vom Publikum immer gleich beklagt, aber der Romantiker ist schon lange ein ebenso gewiefter Geschäftsmann: "Mode reflektiert die aktuellen Stimmungen. Wir leben in einer Zeit des Wandels. Und mein Job ist es, ganz vorn dabei zu sein."

Seine eigenen "Galliano"-Kollektionen sind richtig frech, er selbst nennt seine Mode eklektisch: Für den Winter 2007/2008 ließ er die Herren in Paris als abgewrackte Ritter, lädierte Anarchos und japanische Ninja-Kämpfer aufmarschieren. Und zum Ende jeder Show tritt er selbst auf die Bühne, als "Master of the Ceremony" für zwei verschiedene Häuser - zwölf Mal im Jahr.

Inzwischen hat sich das Blatt für den Modeschöper gewendet: Anstatt auf den Laufstegen dieser Welt, musste sich Galliano nun dem Richter präsentieren. Nachdem er im Februar 2011 mit antisemitistischen Äußerungen gegen Juden negative Schlagzeilen machte, und kurz danach noch ein älteres Video auftauchte, das ihn ebenfalls bei ausländerfeindlichen Hasstiraden zeigte, kündigte ihm das Modehaus "Dior" kurzerhand die Zusammenarbeit.

Galliano gab sich schnell reuig und erklärte in der Gerichtsverhandlung, dass er an jenem Abend in einem Rausch gewesen sei und sich nicht mehr an die Vorfälle erinnern könne. "Ich erinnere mich nicht daran. Ich hatte nie diese Überzeugungen, ich hatte nie eine solche Meinung."
Den Grund für seine Alkoholabhängigkeit lieferte der frühe Tod seines Freundes Steven Robinson im Jahr 2007. Danach fiel der Designer in ein tiefes Loch: "Ich dachte, das Trinken würde helfen, zu entfliehen." Auch Valium spielte eine große Rolle, um die Trauer und den beruflichen Stress zu bewältigen.

Seine Äußerungen kosteten Galliano gleich zwei Jobs: Seinen Posten als Chefdesigner bei "Dior", und bei seiner Eigenmarke "John Galliano", die mehrheitlich auch dem Unternehmen "Dior" gehört.
Ein Pariser Gericht verurteilte Galliano mittlerweile zu einer Geldstrafe von 6000 Euro auf Bewährung. Ob dieses Ausnahmetalent dennoch irgendwann wieder als Designer arbeiten wird, ist derzeit offen.


Autorin: Stefanie Behrens

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