Titelgeschichte

Sie kennen keine Tabus mehr!

Dumme Entgleisung oder geplante Provokation? Heidi Klum plaudert über Sex im Wandschrank, Boris Becker wirft die eigene Moral über Bord. Warum überschreiten Top-Stars alle Grenzen?

Keine Tabus

Keine Tabus

Man hätte es eventuell an seinen Augenlidern merken können.

Manchmal flatterten sie noch heftiger als sonst. Immer dann, wenn Moderator Thomas Gottschalk in der jüngsten "Wetten, dass...?"-Sendung von Becker, Liebe und Hochzeit sprach. Aber wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten? Im Nachhinein erscheint es sonnenklar. Jetzt, wo man weiß, dass Boris Becker zu jenem Zeitpunkt längst nicht mehr mit Lilly Kerssenberg liiert war, seine Trennung aber um jeden Preis verheimlichen wollte. Weil er mit seinem neuen Familien-Ratgeber "Was Kinder stark macht" von Auftritt zu Auftritt tingelte, über Erziehung und Verantwortung philosophierte, dabei stets so konzentriert und ernst dreinschaute, als gelte es, einen Matchball zu verwandeln. Was er im Grunde ja auch tat. Natürlich war es geschickt, die Nachricht seiner Trennung hinauszuzögern, zumindest so lange, bis der erste Schwung Bücher unters Volk gekommen war. An der Seite von Lilly, die er auf geduldigem Papier bereits als seine neue Frau angepriesen hatte, spielte Becker heile Welt. Denn wer kauft schon einen Lebens-Ratgeber von jemandem, der offensichtlich selbst ratlos durch das eigene Leben stolpert?

Seit Becker die Bombe platzen ließ, sieht man den Vierzigjährigen plötzlich wieder mit wechselnden dunkelhäutigen Schönheiten. Zwar heißt es offiziell: "Eine andere ist nicht im Spiel". Aber das hatte er ja auch schon damals erzählt. Nach Ehefrau Barbara, vor Sabrina Setlur, vor Angela Ermakowa, vor Patrice Farameh, vor Heydi Nunez Gomez, vor Caroline Rocher sowie vor Lilly Kerssenberg. Die Moral von der Geschicht: Einem wie Boris glaubt man nicht. Man fragt sich vielmehr: Kennen Prominente wie Boris Becker überhaupt noch Tabus?

Medienexperte Prof. Jo Groebel vom "Deutschen Digital Institut Berlin" spricht zwar generell von einem "gelockerten Wertesystem", weist aber daraufhin, dass letztlich jeder selbst bestimme, wo bei ihm die Schwelle zum Skandal liegt. "Wer gewisse Moralforderungen aufstellt wie Herr Becker, auf der anderen Seite aber Angela Ermakowa vorwirft, die gemeinsame Tochter zu sehr ins Rampenlicht zu zerren, muss sich natürlich an diesen Vorstellungen messen lassen", so Groebel. Zu Recht mag man also seine Zweifel am Beckerschen Gebaren anmelden. Auch ein ehemaliger Weltklasse-Tennisstar kann im Licht der Öffentlichkeit nicht glaubhaft vom bumsfidelen Besenkammer-Besucher zum besorgten Vati mutieren, der dann wiederum die eigenen Kinder für eigene PR-Zwecke heranzieht. Der predigt, dass die Kleinen konstante Verhältnisse brauchen, ihnen aber eine Frau nach der anderen vor die Nase setzt.

Die Offenherzigen: Heidi Klums Kleid zeigte mehr, als nötig

Die Offenherzigen: Heidi Klums Kleid zeigte mehr als nötig

Sexuelle Tabus haben sich zwar grundsätzlich mehr oder weniger aufgelöst, wie Medienforscher Groebel betont: "An ihre Stelle ist eine neue Werte-Orientierung getreten. Heute gilt alles, was nicht unmittelbar für einen anderen Menschen schädlich ist, als im Grunde völlig okay." Entscheidend bleibt allerdings, wer was sagt oder wie handelt. Eine Sex-Beichte der Queen wäre immer noch unvorstellbar. Politiker im Hormontaumel sorgen angesichts ihres Amtes und ihres Vorbildcharakters stets für satte Skandale. Dass Heidi Klum dagegen in einem Unterwäsche-Werbespot ihre Brüste wie Hefeteig knetet, wird der eine oder andere vielleicht verstörend finden, aber ein echter Aufreger ist es kaum. "Bei Heidi Klum gibt es keine Diskrepanz zwischen propagierter Moral und gezeigtem Handeln", meint Groebel. "Sie ist nicht heuchlerisch, sondern bedient eher den Voyeur in jedem von uns." Dies jedoch so oft und so offensichtlich, dass man zumindest von einem tabulosen Eigen-Marketing sprechen kann. Sex mit Ehemann Seal sells, weiß die international tätige Geschäftsfrau aus Bergisch Gladbach. Und plappert in der Show von US-Talkmasterin Ellen DeGeneres freizügig über Stelldicheins. "Wir verabreden uns einfach zum Sex. Hey Baby, um zwei Uhr auf dem Dachboden! Um sechs Uhr im Wandschrank", plauderte Heidi drauflos und ließ an anderer Stelle auch das beachtliche "Paket" ihres Gatten nicht unerwähnt. Bringt schließlich alles Aufmerksamkeit - was wiederum zu neuen Werbedeals führt. Während die große Marlene Dietrich Anfang der Dreißigerjahre noch damit schockierte, dass sie in Männerhosen über die Champs-Élysées flanierte, präsentieren sich fast 70 Jahre später Pop­diven wie neulich Christina Aguilera ganz ohne Höschen - obendrein hochschwanger. Den Unterschied macht dabei nicht nur ein Stück Stoff aus. Marlene Dietrichs Provokation zielte auf die Emanzipation der Frau ab. Christina Aguilera und Zeit­genossen zeigen buch­stäblich das blanke Interesse an der eigenen Karriere.

Um Beachtung zu erlangen, reichen News wie Kinderkriegen oder Eheschließung oft nicht mehr aus. "Man muss heute schon ziemlich trommeln, um gehört zu werden", sagt Experte Groebel. Zu sehr haben sich Gesellschaft und Medienlandschaft verändert. Die Verbreitung von Informationen durch Internet und Web-Handys nimmt stetig zu. Der Entertainment-Konsum steigt rapide, die Konkurrenz im Showgeschäft wächst. Stars wetteifern miteinander und müssen mit aller Kraft dafür sorgen, im Gespräch zu bleiben. Wenn nicht durch Können, dann vielleicht durch tabuloses Inszenieren. "Desperate Housewife" Eva Longoria versucht es - ähnlich wie Heidi Klum - mit verbalen Schlüpfrigkeiten, wenn sie in Interviews über die Beschaffenheit ihrer Bikini-Zone fabuliert und Fans in heimische Fesselspiele einweiht.

Kate Moss macht sich dagegen überhaupt keine Gedanken mehr über das, was sie von sich gibt. Kürzlich auf einer Party in London polterte sie: "Wo sind die Drogen? Ich will in Schwung kommen!" Warum sich auch ausgerechnet als Model zusammenreißen, wenn selbst ein englischer Prinz sich in der Party-Öffentlichkeit den Wodka durch die Nase zieht. Der Karriere schadet Kates unverkrampftes Verhältnis zum Rausch bisher nicht. Im Gegenteil: Die Zahl der Aufträge nahm nach jeder Schlagzeile zu. Was früher das Ende des Erfolgs bedeutet hätte, kann dieser Tage einen Star unter Umständen weiter nach vorn bringen. Zum Beispiel Naomi Campbell. Wegen Körperverletzung hatte ein Richter sie eine Woche lang in Manhattan zum Schrubben öffentlicher Toiletten verdonnert. Doch das Topmodel polierte neben den WCs gleichzeitig ihr Image auf, indem sie aus dem Sozialdienst eine Fashion-Show machte. Zur letzten Schicht erschien sie in einem 5000-Euro-Kleid von "Dolce&Gabbana", ließ sich von einem Rolls-Royce abholen und schmiss hinterher eine Party.

Was im Einzelfall aufhorchen lässt, kann als Teil einer Skandal-Inflation jedoch nach hinten losgehen. Nämlich dann, wenn das Verhalten das Image einer Person völlig verändert. Von einer Paris Hilton erwartet man ja fast schon, dass ihr Gefängnisaufenthalt zum Spektakel ausufert. Peinlichkeiten und Geschmacklosigkeiten gehören für die Hotelerbin zum schlechten Ruf dazu. Britney Spears jedoch schlamasselte sich selbst ins Abseits. Einst als süße Pop-Prinzessin gefeiert, kriegt sie jetzt kein Tanzbein mehr auf den Boden. Eben weil sie seit geraumer Zeit alle Anstandsregeln missachtet. Das Ergebnis: Tabubrüche, die man nicht verzeiht. Wenn sie ihre kleinen Kinder in Gefahr bringt, sie zu Boden fallen lässt, sie unangeschnallt ins Auto setzt. Zu oft muss man zu Schmutziges lesen und sehen. Britney in der Gosse, torkelnd, verwahrlost, verschlampt, kahl rasiert, außer Kontrolle geraten. Mit der kalkulierten "Sextase" Heidi Klums hat Britneys Zügellosigkeit nichts gemeinsam. Sie besitzt nicht mal die Cleverness eines George Michael, der aus der Misere Profit schlug. Nachdem ein Polizist ihn in eindeutiger Pose mit einem Stricher ertappte, schrieb der Popstar über die Affäre den Song "Shoot The Dog" - und landete prompt einen Hit.

Es gehört für viele Prominente heute beinahe zum Geschäft, wenigstens einen dunklen Fleck in der Vergangenheit auszuschlachten und Bücher oder Lieder darüber zu schreiben. Boris Beckers Werk "Was Kinder stark macht" mag sich nach den jüngsten Vorkommnissen schleppender verkaufen. Aber vielleicht bringt er ja bald den nächsten Ratgeber raus: "Was Männer anmacht".

Star-News der Woche

Gala entdecken