Titelgeschichte

Das schwere Erbe der Prinzen

Zehn Jahre nach Prinzessin Dianas Tod kämpfen William und Harry mit den Schatten der Vergangenheit. Immerhin hat der Ältere der beiden Brüder jetzt wohl ein Gegenmittel gefunden: bedingungslose Liebe

Lady Diana

Lady Diana

Sie hätte sich über diese trickreiche Aktion

diebisch gefreut. Mehr noch. Diana hätte ihrem Sohn William vermutlich zusätzlich Tipps gegeben, wie man solch eine Bombe wirkungsvoll platzen lässt. Aber das ist dem 25-Jährigen ja auch so gelungen: Vergangene Woche flog er überraschend mit seiner Ex-und-jetzt-wieder-Freundin , ebenfalls 25, zum auf die Seychellen. Eine Woche lang logierte das Paar im Fünf-Sterne-Resort "Desroches Island", genoss das Baden im Meer, das Schnorcheln am Korallenriff - und sich selbst. Geschickter hätte William den Versöhnungstrip kaum legen können. In England grassiert das Diana-Fieber, die Vorbereitun­gen für den zehnten Todestag am 31. August laufen auf Hochtouren. Sogar das Liebes­leben des Zweiten in der Thronfolge rückt da ein bisschen in den Hintergrund. Ein idealer Zeitpunkt also für William, ­seine zurückzuerobern. Und ­diesmal geht er aufs Ganze. Aus seinem Umfeld ist zu hören, er werde innerhalb der nächsten sechs Monate die Verlobung bekanntgeben und Kate aus diesem Anlass einen Ring, der einst seiner Mutter gehörte, an den Finger stecken. Und das, obwohl er sie noch im April genau wegen ihrer Drängelei in Sachen Hochzeit erst ­sitzenließ und dann nur noch heimlich traf.

Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Dass Heiratslust vielleicht doch nicht so unmotiviert und spontan ist, wie es auf den ersten Blick scheint, erklärt der ­renommierte Hamburger Familien­therapeut . William sehne sich nach ­Stabilität und Sicherheit, urteilt der Experte. Beides büßte er durch den frühen Tod seiner Mutter ein. Jetzt, da er jeden Tag aufs Neue durch die Berichterstattung mit dem Verlust konfrontiert wird, flüchtet er zu Kate wie zu einem Rettungsanker. Wartet in diesem Jahr doch noch ein weiteres schmerzliches Ereignis auf ihn, bei dem er Kate als Stütze braucht: Im Oktober beginnt die ­abschließende Unfallunter­suchung, die den Tod seiner Mutter endlich restlos aufklären soll. Für William und Harry sei dieser ­Prozess ein Horrortrip, ­erklärt Friedhelm Schwiderski: "Der Schmerz über ihren V­erlust wird neu aktiviert." Schlimmer noch: "Wenn einem der Tod eines geliebten ­Menschen noch einmal so krass vorgeführt wird, kann auf einen Schlag das ganze ­Drama wieder so präsent sein wie damals."

Alles auf Anfang? Noch einmal den gleichen Schmerz fühlen wie vor zehn Jahren? Das wünscht Harry und William niemand. Schließlich begann am 31. August 1997 die schlimmste Zeit ihres Lebens, und ihre Kindheit war mit einem Schlag beendet. Mil­lionen Menschen fühlten mit den Jungs, ­damals 12 und 15 Jahre alt, als sie bei der Be­erdigung der Mutter tapfer gegen die Tränen kämpfend hinter dem Sarg herliefen. Einen Brief hatten sie dort deponiert, auf dem das Wort "Mummy" zu lesen war. William spendete dieser letzte Gruß an die Mutter jedoch kaum Trost. Schuldgefühle plagten ihn, weil er kurz zuvor wegen ihrer Affäre mit Dodi heftig mit ihr gestritten und sie traurig, ohne ein versöhnendes Wort zurückgelassen hatte. Dieses letzte Gespräch mit der geliebten Mutter dürfte sich unauslöschlich ins ­Gedächtnis des Prinzen eingebrannt haben. Friedhelm Schwiderski: "Wenn etwas Schlim­mes mit den Eltern passiert, sucht ein Kind tendenziell die Schuld bei sich. Es ist an­zunehmen, dass William glaubt, dass seine Mutter noch leben könnte, wenn er in ­diesem einen Moment netter zu ihr gewesen wäre."

Williams Bruder Harry geht es da kaum besser. Er habe ebenfalls ein schweres Päckchen zu tragen, vor allem, weil er dem Rittmeister (für die englische Presse "die Ratte"), mit dem Diana bereits vor seiner Geburt eine Affäre hatte, frappierend ähnelt. Immer wieder kursierten in den vergangenen ­Jahren Gerüchte, Dianas Jüngster sei ein Kuckucksei. "Das bedeutet eine massive Verunsicherung für Harry. Er wird sich selbst manchmal fragen, ob es sein könnte, dass ein anderer Mann sein ­Vater ist", erklärt Friedhelm Schwiderski. Solche Überlegungen riefen bei dem heute 22-Jährigen viele negative Gefühle hervor. "Hass und Wut auf die ­Mutter, die solche Spekulationen erst möglich gemacht hat, ­gehören zu seinem persönlichen Trauer-Bewältigungsprozess dazu", analysiert der Therapeut.

Sogar seine exzessiven Touren durch die Londoner Nachtclubs könnten ihre ­Ursache in dieser tiefen Verunsicherung ­haben. "Das ausufernde Partyleben, Alkohol und Drogen bieten die perfekte Gelegenheit, den Schmerz nicht zulassen zu müssen", schil­dert Friedhelm Schwiderski Harrys ­Versuch, den inneren Konflikt wenigstens zeitweise auszublenden. Also erinnern sich die Söhne gar nicht so uneingeschränkt positiv an ihre Mutter, wie man bislang glaubte? Doch. Den größten Raum im Leben der Jungen, sagt der Psycho­loge, nehme trotzdem die Erinnerung an glückliche Zeiten mit ­ihrer wunderbaren, ­lebensfrohen und - heißgeliebten Mummy ein, die Harry und ­William trotz massiven Drucks von außen eine unbeschwerte Kindheit ermöglichte. Sie wäre heute unglaublich stolz auf die ­jungen Prinzen. Schließlich ­führen die ­beiden das weiter, was ihr selbst neben der Familie am meisten bedeutete: die Charity-Arbeit. Schon zu Dianas ­Lebzeiten begleiteten ­William und Harry sie zu Terminen und schüttelten reihenweise Hände. Heute ­kümmert sich William als ­Vorstand der Organi­sation Centrepoint um junge ­Obdachlose. Harry gründete im April 2006 gemeinsam mit Prinz Seeiso von Lesotho die Stiftung Sentebale ("Vergiss mein nicht"), die für Aids-Waisen sorgt. Den Namen suchte er ausdrücklich im ­Gedenken an seine verstorbene Mutter aus.

Auch beim Lifestyle orientieren sich die beiden lieber an ihrer charismatischen Mutter als am etwas behä­­bi­gen Charles. Sie lieben ausgedehnte Jacht-Urlaube und scharen mit Vorliebe Prominente um sich, wie zuletzt im Juli beim großen Diana-Gedächtniskonzert. Auf die biedere, eigenbröt­lerische Lebensart des Vaters haben sie weniger Lust. Dass die demonstrative Fortführung von Dianas ­Lebensweise auch einen tieferen Sinn haben kann, erklärt Friedhelm Schwiderski: "Indem sie Dianas Vermächtnis weiter­tragen, drücken William und Harry ihre innige Verbundenheit aus und werden häufig ­positiv an sie erinnert. Das kann die Bewältigung ihres Todes ­erleichtern."

Harry und William als ewige Muttersöhnchen? Das gefällt nicht allen. Denn die beiden haben noch weitere Eigenschaften - der Palast würde wohl von "Unarten" sprechen - von ihrer Mutter übernommen. Früher büxte Diana schon mal in einen Freizeitpark aus, heute halten William und Harry die "Firma" (wie ihre Mutter und zuvor schon Großvater leicht despektierlich die Windsors nannten) ordentlich auf Trab. So steht seit drei Jahren unverbrüchlich zu seiner Freundin , obwohl die lässige Blondine der Royal Family von Anfang an ein Dorn im Auge war. Zu ­feierfreudig, unkonventionell, schwer einzuschätzen in ihren Reaktionen - fast wie ­Diana. Derzeit kümmert sich Harry liebevoll um , die vor wenigen Tagen in Kapstadt eine Notoperation am Blinddarm über sich ergehen lassen musste. Auch ihre Beziehung wird ernster. Um näher bei ihrem Freund zu sein, wird die 21-Jährige nächsten Monat ins englische Leeds ziehen und dort ihr Studium fortführen. Nah genug bei Harry, weit genug entfernt von den übrigen Royals.­

Beide Brüder lassen sich nicht so ohne ­Weiteres in ein royal-betuliches Dasein ­pressen. Schon hat William - zusätzlich zu seinem Wohnsitz in Clarence House - eine Zweitwohnung im Londoner Apartment­gebäude "Dolphin Square" bezogen, weit weg von den Zwängen des Palastlebens. Auch das erinnert an Diana. Sie fühlte sich in den alt­ehrwürdigen Familien-Besitz­tümern wie Balmoral in Schottland stets wie eine Gefangene.

Mit vielen guten Freunden wird sich die ­Familie am 31. August zum Gottesdienst ­versammeln und der "" gedenken. Ihre Söhne haben schon im ­Vorfeld jene Größe bewiesen, die auch ihre Mutter auszeichnete: Sie luden Dodi Al ­Fayeds Halbschwestern Jasmine und Camilla persönlich in die Kirche ein, obwohl sie Dodi, der mit Diana in Paris starb, nicht leiden konnten. Diana hätte sich über solch eine Geste gefreut. Eines, das wird in solchen Momenten deutlich, ist ihr jedenfalls gelungen: Harry und William ihre besten Eigenschaften zu vererben, nämlich Mut, Lebens­freude, Mitgefühl. Und ihnen damit all das mitzu­geben, was die Prinzen brauchen, um die Mo­narchie in die Zukunft zu führen.

Star-News der Woche