Titelgeschichte

Blick in den Abgrund

Von der eigenen Mutter zum Kinderstar gedrillt, konnte die Sängerin nie lernen, erwachsen zu werden. Vergangene Woche musste sie sogar das Sorgerecht für ihre Söhne an den Ex abgeben. Freunde fürchten nun um Britneys Leben

Britney Spears

Ein Dutzend Fotografen folgt ihr

ins luxuriöse "Peninsula"-Hotel in . "Bitte ein ruhiges Zimmer", sagt an der Rezeption und verschwindet kurz darauf im Lift, begleitet von ihrem Bodyguard. Wenig später erscheint die 25-Jährige wieder in der Lobby. Begleitet vom Sicherheitsmann, im Schlepptau die Paparazzi, geht sie zum Starbucks-Coffeeshop um die Ecke und bestellt "einen Frappuccino zum Mitnehmen". Die Fotografen knipsen, Britney lächelt in die Kameras. Es gehe ihr "großartig", beteuert sie. Dabei hat die zweifache Mutter erst vor wenigen Stunden das Sorgerecht für ihre Kinder verloren. Vor dem Coffeeshop posiert sie mit einem Fan, lässt sich anschließend ins Sonnenstudio fahren. Abends geht sie mit ihrer Cousine Alli Sims und einem Kumpel essen.

Am nächsten Tag das böse Erwachen? Von wegen. Während Britneys Ex-Ehemann , 29, erneut vor Gericht erscheint und Richter beschließt, Britney dürfe ihre Söhne nur unter Aufsicht eines gerichtlich bestellten Betreuers sehen, streunt sie durch Beverly Hills. Der für den folgenden Morgen geplante erste Besuch ihrer Kinder endet im Fiasko: Weil die Gegensprechanlage ihres Hauses in Malibu nicht funktioniert, merkt sie nicht, dass , 2, und Jayden James, 1, mit einem Bodyguard vor der Tür stehen. Also ziehen die drei wieder ab.

Vollkommen orientierungslos: Doch in den US-Medien zeigt kaum einer Mitleid

Realitätsfern, skurril, verantwortungslos: So beschreiben viele das Verhalten der Sängerin, die mit 17 Jahren als vielversprechender Popstar startete. Doch sieht man genauer hin, bietet die einst so Umjubelte ein Bild des Jammers. Orientierungslos geistert sie durch Los Angeles, allein, getrieben, ohne Halt im Leben. In den US-Medien zeigt trotzdem kaum jemand Mitleid: Dass sie die Kinder verlor, habe sie sich selbst zuzuschreiben. Hauptkritikpunkt ist der Drogenkonsum. Neben Alkohol soll Britney Marihuana, Kokain und Tabletten konsumieren. Ein vierwöchiger Entzug im Frühjahr blieb erfolglos, Mitte September ordnete das Gericht an, sie müsse sich regelmäßigen Drogentests unterziehen sowie Elternkurse besuchen. Außerdem wurde sie aufgefordert, einen gültigen kalifornischen Führerschein vorzuweisen. Statt die Auflagen zu erfüllen, soll sie den Richter Freunden gegenüber als "verrückt" bezeichnet haben.

Experten suchen nach Erklärungen. "Britney Spears ist unreif", diagnostiziert die Hamburger Psychotherapeutin gegenüber GALA. "Wahrscheinlich hat sie eine infantile Persönlichkeitsstörung. Sie hat nie gelernt, Regeln zu akzeptieren und Verantwortung zu übernehmen." Schon als Kleinkind wurde Britney von ihrer ehrgeizigen Mutter auf getrimmt. "Sie wurde dressiert zu lächeln und Spaß zu haben. Und sie versteht offenbar nicht, warum damit plötzlich Schluss sein soll." Schon bei Britneys Geburt wollte , dass ihre Tochter etwas Besonderes wird. Der Name, eine ungewöhnliche Variante von "Brittany", sollte die Einzigartigkeit deutlich machen. Weil die Dreijährige vor dem Badezimmerspiegel gern sang und tanzte, wurde sie zu Ballett- und Stepptanzstunden angemeldet.

Nachdem sie mehrere Talentwettbewerbe gewonnen hatte, sprach Britney bei der Kinder-TV-Sendung "Mickey Mouse Club" vor, war mit ihren acht Jahren aber zu jung. Lynne Spears zog mit ihrer Tochter aus der Kleinstadt Kentwood in nach New York City und meldete das Mädchen in der "Professional Performing Arts School" an. Schon bald war Britney in Werbespots zu sehen und bekam sogar eine Rolle am Broadway. Doch sie litt unter Heimweh. Am schlimmsten Weihnachten 1991. Britney wollte mit ihrer Familie in Louisiana feiern, doch der Produzent ihrer Show verbot es. Zum ersten Mal traute sie sich aufzubegehren - und zwar richtig: Die Zehnjährige riss aus und schaffte es, heimzufliegen. Das Donnerwetter folgte.

Als sie im Jahr darauf beim "MickeyMouse Club" angenommen wurde, ging nur scheinbar ein Traum in Erfüllung. Zwar sang und moderierte Britney die Sendung erfolg¬reich mit einem gewissen und mit einem Mädchen namens Christina Aguilera. Der Preis: Sie musste in Orlando leben, ebenfalls weit weg von zu Hause. Als sie 1995 für ein Jahr auf die Highschool in Kentwood ging, fühlte sie sich isoliert. Kurzerhand schickte ihre Mutter sie zurück nach New York und besorgte ihr einen Privatlehrer.

1998 dann der Durchbruch: Britney bekam einen Plattenvertrag bei "Jive" und landete mit "Baby One More Time" ihren ersten Hit. Von den Erlösen kaufte die 17-Jährige ihren Eltern das größte Haus in Kentwood. Ihr Vater stiftete Britneys altes Kinderzimmer dem Heimatmuseum. Spitzenbettwäsche, Feen und Elfen. Unschuldiges Schulmädchen, eiserne Jungfrau, aber auch verführerische Lolita - dieses Image hatte Lynne Spears für ihre Tochter ersonnen. Als Britney 18 war, empfahl sie ihr eine Brustvergrößerung. Und auch das Liebesleben der Tochter versuchte die Grundschullehrerin zu kontrollieren. Die Beziehung mit Justin Timberlake musste Britney lange geheimhalten. Erst viel später kam heraus, dass sie schon als 14-Jährige in Kentwood einen "Verehrer" gehabt hatte. Reg Jones war Football-Kapitän an der Highschool und drei Jahre älter als Britney. Er sei von Lynne Spears in einer Videothek angesprochen und gefragt worden, ob er nicht mit ihrer Tochter ausgehen wolle, erzählte Jones dem Sender VH1. Das Spiel ging so lange gut, bis er von derselben Frau ausgemustert wurde. "Als Britney ein Star war, durfte ich plötzlich niemandem sagen, dass ich ihr Freund bin."

Die Welt schaute zu, wie Britneys Leben immer mehr aus den Fugen geriet

Die erste ganz große Krise erlebte Britney, als ihre Eltern sich 2002 scheiden ließen. Sie gab sich die Schuld an der Trennung, immerhin hatte die Mutter stets mehr Zeit mit ihr als mit dem Vater verbracht. Britney ihrerseits trennte sich von Justin Timberlake. Nach einer sechsmonatigen Auszeit dann der Imagewandel: Aus dem unschuldigen Schulmädchen wird der Vamp. Ein Versuch der Emanzipation von der Mutter? Gleichzeitig wird Britney immer labiler. Das Jahr 2004 beginnt mit der Hals-über-Kopf-Hochzeit mit Jugendfreund Jason Alexander in Las Vegas. Die wird nach zwei Tagen annulliert. Im September desselben Jahres heiratet die Multimillionärin den mittellosen Tänzer Kevin Federline. Als sie zwei Jahre später die Scheidung einreicht, gleicht ihr Leben mehr und mehr einer Hölle. Und die ganze Welt schaut zu.

Acht Jahre sind seit diesem Bild vergangen. Acht Jahre, in denen viel passierte, 1999

Acht Jahre (1999) sind seit diesem Bild vergangen. Acht Jahre in denen viel passierte

Feste Bezugspersonen? Fehlanzeige. Im Sommer dieses Jahres zerstritt sich Britney mit ihrer Mutter. Sie feuerte außerdem diverse Nannys und Bodyguards, einen Pressesprecher, zwei Manager sowie zwei Anwälte. Allein ihre Plattenfirma hielt zu ihr, wie "Jives"-Sprecher Allan Mayer im Interview mit MTV News bestätigte: "Wir machen uns Sorgen um sie und unterstützen sie." Auch aus eigenem Interesse. Am 13. November kommt Britneys neues Album "Blackout" heraus, die PR-Maschine läuft trotz der privaten Dramen. Britneys jüngste Single "Gimme More" erreichte Platz eins der Download-Charts, obwohl sie sich bei der Live-Premiere des Songs bei den MTV-Awards im September furchtbar blamiert hatte. Zugedröhnt wackelte sie da über die Bühne und mühte sich zum Playback durch die Strophen.

Ob das lang ersehnte Comeback gelingt oder nicht, erscheint den wenigen Freunden, die ihr geblieben sind, zweitrangig.

"Wir befürchten, dass wir demnächst den Fernseher anstellen und hören müssen, dass sie tot ist", sagte Britneys Tante Chanda McGovern einer englischen Zeitung. Tatsächlich sei die Selbstmordgefahr real, meint Psychotherapeutin Heidrun Brauer. Doch es gebe einen Ausweg: "Britney muss selbst erkennen, dass sie Hilfe braucht. Sie bräuchte dann mindestens ein Jahr lang intensive Therapie, am besten stationär. Das ist ein langer Prozess mit vielen Tränen."

Am vergangenen Wochenende gab es zumindest einen Lichtblick. Offenbar fest entschlossen, die Fehde mit ihrer Tochter zu beenden, flog Lynne Spears mit Britneys Schwester Jamie Lynn, 16, von Kentwood nach Los Angeles und traf sich mit Britney zu mehrstündigen Krisengesprächen in deren Haus in Malibu. Auch Kevin Federline soll dabei gewesen sein. Immerhin geht es um die Frage, was aus den beiden Söhnen wird. Die Auflagen von Richter Scott Gordon: Bis zum nächsten Gerichtstermin muss Britney mit Kevin drei Beratungstermine absolvieren. Außerdem muss sie sich zweimal wöchentlich Alkohol- und Drogentests unterziehen, sonst verliert sie das Besuchsrecht. "Einen verpassten Drogentest, die Weigerung, einen Test zu machen oder einen Anruf des Testinstituts zu beantworten, wertet das Gericht als nicht bestandenen Tests", so der Richter. Am 26. Oktober, wenn das Gericht entscheidet, ob Britney Spears die Auflagen erfüllt hat, muss sie persönlich erscheinen. Den Tag sollte sie sich im Kalender rot anstreichen. Er könnte ihre letzte Chance sein.

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