Volker Beck wurde mit Drogen erwischt
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Volker Beck wurde mit Drogen erwischt und trat von seinen Ämtern zurück. Warum geraten Politiker in einen Strudel aus Alkohol und Drogen?

Viel war es nicht, was er da in der Tasche hatte. Aber es reicht allemal aus, die weitere politische Karriere des Volker Beck, 55, in den Orkus zu sprengen. Mit 0,6 Gramm - vermutlich Crystal Meth - hatten Rauschgiftfahnder der Berliner Polizei den Bundestagsabgeordneten der Grünen erwischt. Gestern legte der Politiker sein Amt als innen- und religionspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, sowie den Vorsitz der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe nieder. Sein Bundestagsmandat, das er seit 22 Jahren innehat, will er jedoch (vorerst) nicht aufgeben.

Laut "Bild" hatten Zivilfahnder der Polizei eine Dealer-Wohnung in einer Seitenstraße des Nollendorfplatzes in Berlin seit Längerem observiert. Sie wollten Kunden, Kurierfahrzeuge und andere Rauschgifthändler ermitteln. Dass ihnen am späten Dienstagabend gegen 23 Uhr ausgerechnet ein prominenter Politiker ins Netz lief, dürfte Zufall sein.

Konsumenten als Überflieger

Ausgerechnet Volker Beck! Der Mann, der 1994 in den Bundestag kam und sich kurz darauf als Homosexueller outete, trat als rechtspolitischer Sprecher seiner Partei und als Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer stets für eine Lockerung der Drogenpolitik ein. Ziel müsse es sein, so Beck, Konsumenten nicht zu kriminalisieren, sondern Hilfsangebote für Abhängige auszubauen. Und nun kam er aus der Dealer-Wohnung.

0,6 Gramm Crystal Meth - das mutet wie eine Geringfügigkeit an. Doch dieses Teufelszeug hat es in sich, es gilt als eine der härtesten Designerdrogen. "Crystal Meth verwandelt seine Konsumenten in Überflieger, allerdings nur für kurze Zeit. Der Körper stellt massenhaft Botenstoffe wie die Glückshormone Serotonin und Dopamin oder das Stresshormon Noradrenalin zur Verfügung. Angstgefühle schwinden, die Leistungsfähigkeit und das sexuelle Bedürfnis steigen", schreibt der "Spiegel". Wollte der 55-jährige Volker Beck sich aufputschen, um in der erbarmungslosen Berliner Politik-Mühle bestehen zu können?

Leistungsfähiger durch Drogenkonsum?

Bereits 2013 war der Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Michael Hartmann, 52, von Drogenfahndern beim Kauf von Crystal Meth in der Schöneberger Laubenkolonie erwischt worden. Hartmann gab an, er habe gehofft, durch den "Drogenkonsum leistungsfähiger" zu werden. Später sagte er: "Ich habe einen Tsunami überlebt, den ich selbst verursacht habe." Damit meinte er nicht nur die Folgen des öffentlichen Skandals.

Das kristalline N-Methylamphetamin wirkt zunächst stark aufputschend. Soldaten des Zweiten Weltkriegs erhielten die Substanz in ähnlicher Form unter der Bezeichnung Pervitin, um ihre Ängste und natürlichen Hemmungen zu bekämpfen. Doch die Nebenwirkungen der Droge, die mittlerweile hauptsächlich in tschechischen Laboren produziert wird, sind gewaltig.

Bereits nach zweimaligen Konsum kann man süchtig werden. Dauerkonsumenten sehen aus wie Zombies: aschfahle Haut, eingefallene Wangen, Pickel und eitrige Geschwüre, die Zähne fallen aus. Hinzu kommen Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Denkstörungen. Entzugserscheinungen werden als unerträglich wahrgenommen. Warum nehmen Abgeordnete des Bundestages, die eigentlich über Gegenwart und Zukunft des Landes mitzuentscheiden haben, eine so gefährliche Droge?

Stress als Nährboden einer Suchterkrankung

Politiker, so glauben Experten, sind gewaltigem Stress ausgesetzt und besonders suchtgefährdet. "Das kann die Entwicklung einer Suchterkrankung fördern", sagte etwa der Psychologie-Professor Götz Mundle, der auch schon suchtkranke Politiker betreut hat, in der "Süddeutschen Zeitung". Die Verantwortung der Entscheidungsträger, der Termindruck, die häufige Trennung von der Familie, die Erwartungen der Bürger, die Beobachtung durch die Medien - "es ist eine echte Herausforderung, das als Privatmensch zu überleben", sagt Mundle. Allerdings redet er von der Alltagsdroge Alkohol. Der könne in dieser Situation dazu dienen, kurz den Druck zu vergessen und abzuschalten - oder einfach einzuschlafen.

Auch Christoph Middendorf, Facharzt für Psychiatrie und medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken, teilt die Auffassung, dass die hohe Belastung bei Parlamentariern zum Konsum von Rauschmitteln führen kann – ähnlich wie bei anderen Berufsgruppen mit hohem Stressfaktor: "Politiker stehen im Rampenlicht und haben Vorbildfunktion. Sie müssen extrem hohen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden, sollen moralisch stets korrekt handeln und dürfen sich keine Fehltritte leisten. Diesem Druck ist nicht jeder gewachsen

Politik und Alkohol ¬ diese Kombination hat eine lange Tradition im Bundestag. Erst in Bonn, dann in Berlin. Als der Grüne und spätere deutsche Außenminister Joschka Fischer, der nie ein Kostverächter war, 1983 ins Parlament einzog, war er schockiert. "Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt", schimpfte er.

Alkoholkonsum von Franz Josef Strauß war berüchtigt

Da kursierten noch legendäre Anekdoten vom ehemaligen Kanzler Brandt, dem man den Spitznamen Weinbrand-Willy gegeben hatte. Auch der Alkoholkonsum von Franz Josef Strauß war berüchtigt. Mal lallte er an einem Wahlabend vor laufender Kamera völlig betrunken ins Mikrophon, mal kam er "stockbesoffen" zum Wochenendurlaub nach Hause, wie seine Ehefrau Marianne ihrem Tagebuch anvertraute: "Tranken erst oben, dann unten weiter bis 1.30 Uhr. Der übl. Wochenendsuff."

Es gibt zahllose Beispiele für den Alkoholmissbrauch von politischen Mandatsträgern: 1983 verursachte der frühere CSU-Politiker Otto Wiesheu unter Alkoholeinfluss einen Autounfall, bei dem ein Mann ums Leben kam. 1994 trat der ehemalige FDP-Mann und Bundesbildungsminister Rainer Ortleb "aus gesundheitlichen Gründen" zurück. "Bild" schrieb von einem offensichtlichen Alkoholproblem, damals noch ein Tabubruch, weil seine Parteifreunde "nahezu panisch auf jede Erwähnung von Trinkproblemen" reagierten, formulierte der ebenfalls alkoholkranke "Spiegel"-Reporter Jürgen Leinemann.

1996 wurde der Berliner CDU-Politiker Heinrich Lummer mit 1,96 Promille aus dem Verkehr gezogen. 2011 verloren die Grünen in Berlin ihren Wahlkampfchef André Stephan. Ihn hatte die Polizei gegen vier Uhr morgen mit 1,19 Promille am Steuer seines Autos gestoppt.

Einsame Politiker

Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) schrieb im "Spiegel" von einem Dilemma in Berlin. Er habe "Kolleginnen und Kollegen durch den Alkohol sterben sehen". Das habe "mit der Einsamkeit des Politikers zu tun", die um öffentliche Beachtung buhlen und ständig im Rampenlicht und unter medialer Beobachtung stehen, in Wahrheit aber oft genug isoliert sind.

Im November 2000 versetzte die Aktion eines privaten Fernsehteams den Reichstag in helle Aufregung. Angeblich hatten Reporter auf 22 von 28 Toiletten Spuren der Modedroge Kokain gefunden. Später fielen prominente Politiker wie Michel Friedman (CDU), Hamburgs Ex-Senator Ronald Schill und der Europa-Abgeordnete Alexander Alvaro (FDP) als Kokain-Konsumenten auf. Opfer permanenten Ausnahmezustandes, der sich Politik nennt.