Ulrich Chaussy

Journalist Ulrich Chaussy über "Der blinde Fleck"

Mit dem Kinofilm "Der blinde Fleck" (2013) kam wieder Bewegung in die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat (1980). Das sagt Ulrich Chaussy.

Ulrich Chaussy "ist ein ganz aufrechter und tapferer Journalist, vor dem ich meinen Hut ziehe", beschreibt Schauspieler Udo Wachtveitl, 56, den BR-Journalisten, dessen hartnäckiger Recherche es zu verdanken ist, dass die Ermittlungen um das Oktoberfestattentat 1980 wieder laufen. Was der 1952 in Karlsruhe geborene Wahl-Münchner über diesen große Erfolg denkt, wie das blutige Ereignis zu seinem Lebensthema wurde und wie ihm Benno Fürmann als Alter Ego in "Der blinde Fleck - Das Oktoberfestattentat" gefällt, erklärt Chaussy im Interview mit spot on news.

Wie gefällt Ihnen Benno Fürmann als Ulrich Chaussy?

Ulrich Chaussy: Sehr gut! Er hat sich vor dem Dreh sehr mit mir befasst, wir haben viel diskutiert. Er hat die gewisse Nachdenklichkeit und Zögerlichkeit, die mich charakterisiert wirklich sehr gut getroffen.

Konnten Sie denn nach dem Attentat 1980 jemals wieder unbeschwert auf die Wiesn gehen?

Chaussy: Ja! Ich war zwar auch vorher schon kein großer Freund der Wiesn und des kollektiven Besäufnisses, aber zum Essen bin ich schon immer mal wieder rausgegangen. Dieses Fest sollte aber auch nicht in Kollektivhaftung genommen werden - wenngleich man für ein echtes Volksfest schon eher nach Rosenheim oder so fahren sollte.

Wie wurde das Oktoberfest-Attentat zu Ihrem Lebensthema?

Chaussy: Angefangen hat es mit meinem ersten Buch 1985. Damals hieß es noch "Oktoberfest. Ein Attentat", jetzt haben wir es "Oktoberfest. Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann" genannt. Im ersten Buch habe ich die ersten zweieinhalb Jahre Recherche zusammengefasst. Ende 1982 sind die Ermittlungen eingestellt worden, mit dem Ergebnis, dass es kein Terroranschlag und Gundolf Köhler ein Einzeltäter gewesen sei und dass es mit Politik nichts zu tun gehabt habe.

Mit welcher Begründung?

Chaussy: Das Motiv des Täters soll im Privaten gelegen haben: Schwierigkeiten in seinen Beziehungen zu Frauen, eine durchgefallene Uni-Prüfung, soziale Isolation, Unzufriedenheit mit sich und der Welt, "Universalhass", wie es ein Zeuge genannt hat. Diese Aussage wurde ungeprüft übernommen, obwohl er der einzige Zeuge war, der dieses Psychogramm eines Verzweifelten gezeichnet hat.

Andere Seiten haben die Ermittlungsbehörden nicht untersucht?

Chaussy: Nein, obwohl sie von Anfang an wussten, dass Köhler im rechtsextremen Milieu engagiert war und an Übungen der Wehrsportgruppe Hoffmann - der damals größten paramilitärischen Miliz in Deutschland - teilgenommen hat. Köhler wollte in Donaueschingen, wo er lebte, ebenfalls eine Wehrsportgruppe gründen... Von Anfang an gab es so viel Anlass, eine andere Seite der Tat zu untersuchen, und trotzdem ist so wenig geschehen.

Was bedeutet es für Sie persönlich, dass der Fall neu aufgerollt wird?

Chaussy: Es ist eine große Genugtuung, allein schon deshalb, weil deutlich wird, wie die verschiedenen Kräfte in der Demokratie zusammenspielen: Ein guter Film kann viel in Bewegung setzen. Im Grunde genommen hätte man die Bundesanwaltschaft schon früher dazu bringen müssen, aber dazu hätte es eine größere Resonanz in der Öffentlichkeit gebraucht, die es aber bis zu dem Film "Der blinde Fleck" nie gegeben hat.

Was stand denn schon damals in Ihrem Buch?

Chaussy: Obwohl das Buch 1985 in den Medien gut besprochen worden ist, haben die Behörden à la Karl Valentin reagiert: "Des tu ma gar ned erst ignorieren!" Es gab keinerlei Stellungnahme der Ermittlungsbehörden, obwohl bereits viele ganz wesentliche Details enthalten waren.

Warum waren die Ermittlungen denn auf diesem Auge so blind?

Chaussy: Das liegt auch an dem besonderen Charakter des Anschlagszieles: Wenn Sie auf die Wiesn gehen, wollen Sie es krachen lassen, aus dem Alltag ausbrechen und nicht an Probleme denken. Das hat ein ganz merkwürdiges Vakuum erzeugt. Es gab kaum öffentliche Empörung in München über das Ermittlungsergebnis. Deshalb war ich bei dieser Recherche lange Zeit ziemlich alleine.

Wie kam der Fall dann wieder ins Rollen und welche Rolle spielt die abgetrennte Hand?

Chaussy: 2008 entdeckte ich die Zerstörung der Asservate. Die Hand ist mindestens unauffindbar, ich denke aber, dass sie nicht mehr existiert. In der Dokumentation, die im Anschluss an den Spielfilm gezeigt wird, spielt die verschwundene Hand eine große Rolle. Die Hand ist ziemlich sicher nicht die des Attentäters Gundolf Köhler gewesen.

Aber jemand ohne Hand hätte nach dem Attentat doch auffallen müssen?

Chaussy: Ja, aber ein solcher Mensch ist damals in keinem Krankenhaus in München aufgeschienen, was eine der großen Merkwürdigkeiten ist. Wenn ich zufällig Opfer einer solchen Tat werde und mir die Hand dabei abgetrennt wird, möchte ich doch, dass mir diese wieder angenäht wird. Es sei denn, ich bin anders mit dieser Geschichte verbunden und kann mich daher nicht zeigen.

Sind die erneuten Ermittlungen eine Zwischenetappe für Sie oder ziehen Sie jetzt einen Schlussstrich?

Chaussy: Das ist ein Neuanfang. Die Rolle, die ich dabei spielen werde, ist mir allerdings noch unklar. Bisher war mein Bemühen ja darauf ausgerichtet, dass diejenigen, deren Job es ist, ihren Job machen. Das passiert jetzt offenbar. Die neuen Zeugen haben sich aber an den Rechtsanwalt Werner Dietrich und an mich gewandt. Insofern werden wir wohl eine Rolle spielen...

Haben Sie damit gerechnet, dass der Film diese Folgen haben wird?

Chaussy: Nein, absolut nicht, aber ich bin natürlich sehr glücklich darüber.

Star-News der Woche

Gala entdecken